FUSSBALL: Berti Vogt: Weltenbummler und Anti-Star

Heute wird Berti Vogts 70 Jahre alt. 1979 begann die abenteuerliche Trainerlaufbahn des ehemaligen deutschen Bundestrainers. Und wenn es nach ihm geht, soll die Karriere noch weitergehen.

Hartmut Scherzer
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Grösster Erfolg: Berti Vogts zeigt den Fans die Trophäe nach dem EM-Titel mit Deutschland 1996. (Bild: Arne Dedert/Keystone (Frankfurt, 1. Juli 1996))

Grösster Erfolg: Berti Vogts zeigt den Fans die Trophäe nach dem EM-Titel mit Deutschland 1996. (Bild: Arne Dedert/Keystone (Frankfurt, 1. Juli 1996))

Hartmut Scherzer

sport@luzernerzeitung.ch

«Ich werde im engsten Familienkreis im Schwarzwald feiern», sagte der Jubilar im Vorfeld seines 70. Geburtstags. Mit seinem Sohn Justin (27) werde er heute bei Freunden in seinem Refugium Traube in Tonbach dinieren. Den 65. Ehrentag hatte der damalige Nationaltrainer Aserbaidschans noch in grosser Gesellschaft in Düsseldorf begangen.

Die Entlassung seines Freundes Jürgen Klinsmann (52) als Head Coach der US-Nationalmannschaft und Technischer Direktor des Fussballverbands am 21. November hat ihn ebenso betroffen. Nach zwei Jahren hat auch Vogts sein Engagement als Soccer-Berater beendet. Der Vertrag war bis 2018 datiert. Wieder einmal aus und vorbei.

Der «Terrier», wie der verbissen kämpfende Verteidiger zu seiner aktiven Zeit bei Borussia Mönchengladbach (419 Bundesligaspiele) genannt wurde, erlebte den Höhepunkt seiner abwechslungsreichen Trainerkarriere am Abend des 30. Juni 1996 im Wembley-Stadion in London. Deutschland ist gerade durch das «Golden Goal» Oliver Bierhoffs zum 2:1 gegen Tschechien Europameister geworden. «Berti, Berti», intoniert der deutsche Fanblock. Er hat noch die «Berti-raus»-Rufe der vergangenen Jahre im Ohr – wie etwa zwei Jahre zuvor nach dem Aus im WM-Viertelfinal in New York 1994.

«Schnauze voll» in Aserbaidschan

Und nun mutierte er zum Volksheld Vogts! Da steht der Bundestrainer im dunklen Anzug und mit Krawatte ganz allein vor der schwarz-rot-goldenen Tribüne, beugt den Kopf runter bis zu den Knien und reisst die Arme hoch. Dreimal hintereinander. Bertis Solowelle. Später diktiert Klinsmann, der Kapitän, den Medien: «Vielleicht fangen die Leute jetzt an zu begreifen, dass Vogts ein Topmann ist. Der Titel ist sein Verdienst.» Berti und Jürgen – eine echte Männerfreundschaft entsteht in jenem Sommer 1996.

Als der DFB nach dem frühen Aus bei der EM 2004 in Portugal einen Nachfolger für den zurückgetretenen Rudi Völler suchte, wurde Vogts Initiator und Vermittler der Verpflichtung Klinsmanns als Teammanager und damit irgendwie auch zum heimlichen Schöpfer des deutschen Sommermärchens 2006.

Für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien liess sich Vogts vom Verband Aserbaidschans freistellen, als Berater Klinsmanns. Vor dem letzten Gruppenspiel Deutschland gegen USA betonte Vogts seine Neutralität: «Ich bin Deutscher und Jürgens Freund. Ich werde auf der Tribüne sitzen und bei keinem Tor jubeln.» Rechtschaffen, menschlich, bescheiden, ehrlich, kumpelhaft, konsequent – so ist Berti Vogts. Der Antistar. Es war nur konsequent, dass er nach dem unglücklichen WM-Aus 1998 in Frankreich unter den Drohungen und dem Druck des mächtigsten Mediums im Lande zurücktrat. Nach einer Erfolgsbilanz von 66 Siegen, 24 Unentschieden und nur 12 Niederlagen in 102 Länderspielen.

Ende 2014 hatte Berti Vogts nach sieben Jahren «Entwicklungshilfe» in Baku «die Schnauze voll» und kündigte nach einem 0:6 Aserbaidschans in der EM-Qualifikation gegen Kroatien den noch bis 2016 verlängerten Vertrag. Seine gebetsmühlenartig vorgetragenen Forderungen nach mehr und härterem Training fanden kein Gehör. Dennoch hatte Vogts während seiner siebenjährigen Amtszeit Aserbaidschan in der Weltrangliste von Rang 147 zwischenzeitlich auf Platz 73 gehievt. Klinsmann holte Vogts als persönlichen Berater in die USA. «In über dreissig Jahren habe ich Berti Vogts als eine ungemein ehrliche Persönlichkeit kennen gelernt, der Gerechtigkeit über alles geht», so Klinsmann. «Wenn man ihn näher kennt, erfährt man auch seine Geselligkeit und seinen Witz.» Der Ehrenspielführer des DFB erinnerte an die Schlagfertigkeit, mit der Berti Vogts einmal auf Häme und Spott reagierte: «Wenn ich übers Wasser gehen könnte, würden die Leute sagen: ‹Nicht einmal schwimmen kann er.›»

Die Probleme und Ursachen, die im fünften Amtsjahr zu Klinsmanns Aus führten, hatte Vogts ja bereits in Aserbaidschan erfahren. Die beiden deutschen Reformer kämpften vergebens gegen die Missstände im manchmal irrwitzigen Verhältnis zwischen Nationalmannschaft, Verband und Klubs. So hätten in den USA nachmittags die Profiliga MLS und abends die Nationalmannschaft gespielt. «Man stelle sich vor», erzählt Vogts fassungslos, «nachmittags würden Bayern gegen Dortmund und abends Deutschland gegen Spanien spielen. Ein Unding. Aber nicht in Amerika.»

Die mitunter abenteuerliche Trainerkarriere seit 1979 mit den Stationen DFB, Leverkusen, Kuwait, Schottland, Nigeria und Aserbaidschan ist nach der Enttäuschung Amerika nicht zu Ende. «Ich mache weiter. Ganz sicher. Aber eher als Sportdirektor oder Berater einer Nationalmannschaft. Ich habe Anfragen», sagt Berti Vogts selbstbewusst.