FUSSBALL: Blatters verzweifelter Kampf

Sepp Blatter will den Fifa-Kongress einschalten, damit dieser seine Sperre aufhebt. Ein wohl aussichtsloses Unterfangen. Wahrscheinlicher ist, dass dem ehemaligen Fifa-Präsidenten weiteres Ungemach droht.

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Sepp Blatter stünde gern noch einmal im Mittelpunkt.

Sepp Blatter stünde gern noch einmal im Mittelpunkt.

Loslassen können. Das stellt ­viele Menschen vor Probleme. Sie hängen am Alten, weil sie sich vielleicht im Mittelpunkt einer Welt wähnten, die für sie fast alles bedeutete. Zu ihnen gehört Sepp Blatter. Der Walliser thronte 17 Jahre über dem mächtigen und finanzstarken Sportverband Fifa. Und er hat offenbar noch immer nicht genug. Zwar darf Blatter seit seinem Ausscheiden vor einem Jahr kein offizielles Amt mehr bekleiden. Aber dass der 80-Jährige gerne noch einmal im Mittelpunkt – beispielsweise als Fifa-Ehrenpräsident – stünde, daran gibt es kaum Zweifel.

So liess Blatter in einem Interview mit der «Sonntags-Zeitung» durchblicken, er arbeite daran, über den Fifa-Kongress eine Aufhebung oder Reduktion seiner sechsjährigen Sperre zu erreichen. Beobachter reiben sich dabei erstaunt die Augen. Wie will er das bewerkstelligen? Warum soll der Kongress einen solchen Entscheid fällen, wenn doch Blatters Ära bei der Fifa neben den Erfolgen auch immer mit Korruption in Verbindung gebracht werden wird? Und warum braucht es eine unabhängige Ethikkommission, wenn deren Entscheide nach Belieben wieder rückgängig gemacht werden könnten?

Bundesanwaltschaft kämpft sich durch Datenberg

Offiziell kommentiert der Weltfussballverband Blatters Ansinnen nicht. Auf Anfrage sagt ein Fifa-Sprecher aber: «Der Fifa-Kongress kann einen Entscheid des höchsten Sportgerichts nicht aufheben.» Blatters Vorschlag erweckt wegen seiner Realitätsferne den Eindruck einer verzweifelten Flucht nach vorne. Denn neben der von der Ethikkommission und dann vom internationalen Sportgerichtshof CAS bestätigten Sperre droht ihm weiteres Ungemach. Die Bundesanwaltschaft ermittelt noch immer ­wegen ungetreuer Geschäftsführung und der mutmasslich treuwidrigen Zahlung an den ehe­maligen Uefa-Präsidenten Michel Platini. Im Zentrum der Ermittlungen steht auch ein umstrittener TV-Vertrag, den Blatter zu Gunsten von Jack Warner ausstellte. Der umtriebige Funktionär aus der Karibik machte mit dem Weiterverkauf der TV-­Rechte Millionen, im Gegenzug sicherte er Blatter viele Stimmen. Derzeit analysieren die Schweizer Strafverfolger einen Datenberg von 16 Terabyte. Ob und wann es zu einer Anklage kommen wird, ist offen. Angesichts der Datenmenge sei es nicht möglich, eine Prognose abzugeben, sagt André Marty, Sprecher der Bundesanwaltschaft.

Fifa lässt intern alles untersuchen

Weitere Ungereimtheiten könnten auch durch einen forensischen Bericht ans Tageslicht kommen, den die Fifa derzeit von Anwälten und Wirtschaftsprüfern anfertigen lässt. Die Fifa äussert sich nicht zu den laufenden Untersuchungen, sie bestätigt aber auf Anfrage, dass der Bericht bereits «im ersten Quartal 2017 veröffentlicht werden soll». Dabei werden sämtliche heiklen Aktivitäten und Geschäfte unter Präsident Blatter durchleuchtet. Bereits im Juni wurde ein erster, spektakulärer Befund veröffentlicht, der den Eindruck von der Fifa als Selbstbedienungsladen auf höchster Stufe verfestigte.

Das ehemalige Führungstrio um Blatter, Generalsekretär Jérôme Valcke und Finanzchef Markus Kattner, hatte versucht, mit zum Teil fragwürdigen Ar­beitsverträgen sich gegenseitig 80 Millionen Dollar Boni zuzuschanzen. In dieAABB22Kritik geriet damals auch Domenico Scala, der die Bezüge in seiner Funktion als ehemaliger Chefaufseher zum Teil abgesegnet hatte.

Jürg Ackermann