FUSSBALL: Bratwürste, Petkovic und das Personal

Wo ist die richtige Position für Granit Xhaka? Und in welchem System? Das sind die wichtigsten Fragen, die sich dem Schweizer Coach Vladimir Petkovic stellen – falls die EM-Teilnahme perfekt ist.

Andreas Ineichen und Stefan Klinger
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Spürt sein Knie: Valon Behrami (rechts), hier im Kopfballduell mit dem Esten Ken Kallaste. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Spürt sein Knie: Valon Behrami (rechts), hier im Kopfballduell mit dem Esten Ken Kallaste. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Andreas Ineichen und Stefan Klinger

Die letzte Stunde des Freitags war im Gange, als es Einwechselspieler Fabian Frei glückte, über die grüne und rund zwei Meter hohe Absperrung zu gucken, die Mannschaft, Teamcar und Interviewzone von den vor der Swissporarena wartenden Schweizer Fans trennte. Als er eine junge Frau erblickte, rief Frei sie zu sich, zückte eine Note aus dem Portemonnaie und beauftragte sie, beim Imbissstand hinter dem Restaurant Schützenhaus drei Bratwürste zu organisieren. Die junge Frau tat wie befohlen, und dergestalt liessen Frei und zwei seiner Teamkollegen einen unaufgeregten Fussballabend so ausklingen wie der eine oder andere Matchbesucher.

Drinnen, hinter der Absperrung, erklärte Stephan Lichtsteiner, einer der besten Spieler auf dem Weg zum ungefährdeten 3:0 gegen Estland, warum er zwei Tage vor dem Spiel gegen das Aufgebot (Nichtnominationen von Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler) seines Chefs Vladimir Petkovic redete. Er konnte dies ohne Aufregung tun, der dritte aufeinanderfolgende Sieg in der EM-Qualifikation nahm dem von ihm angestossenen Thema «Schweizer Identifikationsfiguren und Secondos» die Brisanz. Lichtsteiner sagte: «Im Team gab es keinen Wirbel, die Kollegen kennen mich. Meine Aussagen waren klar und gegen niemanden gerichtet. Deshalb habe ich auch nicht verstanden, warum so ein Problem entstanden ist.» Er habe, fuhr er fort, Petkovic über seine Aussagen informiert, bevor sie der Nationaltrainer in den Zeitungen lesen musste. Petkovic sagte dazu: «Jeder sollte eine Meinung haben, Lichtsteiner hat sie aber womöglich im falschen Moment geäussert.»

Spielsystem passt zu Shaqiri

Alle Schweizer Repräsentanten waren darum bemüht, dem schwelenden Machtkampf in der Mannschaft jegliche Bedeutung zu nehmen, und mit dem 3:0 gegen Estland haben sie das richtige Signal in die Welt hinausgesandt. Nur der Erfolg, also die direkte Qualifikation für die EM 2016 in Frankreich, zählt. Mit dem Erfolg über Estland ist eine Pflichtübung souverän gemeistert worden, in der die Schweiz und vor allem ihr Trainer nur hätten verlieren können.

Der Fehlstart mit den beiden Niederlagen gegen England und Slowenien ist korrigiert und das Schweizer Team in der erst sieben Monate alten Ära Petkovic in einer Phase der Konsolidierung angekommen. Es geht darum, das Gefüge im Team nicht durch zu viele personelle Veränderungen zu destabilisieren. Und darum, den weiteren Weg zur EM mit zumindest soliden Auftritten und positiven Resultaten zu meistern. Die Systemveränderung im Schweizer Team seit der letzten WM, von einem 4-2-3-1 zu einem 4-3-1-2, hat vor allem Xherdan Shaqiri, dem kreativsten Einzelspieler, gut getan. Er ist dann gefährlich, wenn er zentral hinter den Sturmspitzen spielen kann. Gegen Estland gab er zu allen Toren den letzten Pass.

Xhaka wird der Denker und Lenker

Die Schweizer Auswahl weist in den letzten drei EM-Qualifikationsspielen ein Torverhältnis von 11:0 auf. Das mag den Schluss zulassen, dass sie hinten stabiler und vorne torgefährlicher geworden ist. Doch sind Gegner wie San Marino, Litauen und Estland keine perfekten Indikatoren für ein abschliessendes Urteil. Selbst wenn die Schweizer im Vergleich zu früheren Jahren solche Pflichtaufgaben mit deutlich mehr Leichtigkeit zu lösen verstehen.

Ist die EM-Qualifikation dereinst geschafft, und das wird nur über positive Resultate in den nächsten beiden Auftritten in Litauen (14. Juni) und zu Hause gegen Slowenien (5. September) klappen, ist die Zeit reif für Petkovic, um das Team weiterzuentwickeln.

Dabei drängt sich vor allem eine Frage auf: Wo ist die perfekte Position für Granit Xhaka? Aller Voraussicht nach wird der U-17-Weltmeister, der bei Mönchengladbach einen gewaltigen Entwicklungsschritt gemacht hat, zum neuen Denker und Lenker dieser Mannschaft. Und das auf einem Niveau, wie es Captain Gökhan Inler (30) nie erreicht hat und kaum mehr erreichen wird.

Behrami mit Knieproblemen

Zudem scheint der bald 30-jährige Valon Behrami zusehends den Preis zahlen zu müssen für seine physische Spielweise, vor allem das Knie macht ihm Probleme. Hört der Leader der albanisch-stämmigen Fraktion innerhalb der Schweizer Nationalmannschaft auf, wird das psychologische Geschick von Petkovic wichtig sein, um das Gleichgewicht innerhalb der Ethnien im Team auszutarieren.

Ein drittes Problem betrifft den Zweimann-Sturm, in dem sich Josip Drmic offensichtlich nicht wohl fühlt. Aber die Schweiz hat nicht ein Überangebot an talentierten Torjägern, als dass sie getrost auf den schnellen Stürmer verzichten kann.

Das führt letztlich zur Frage: Muss Petkovic nicht auch das System weiterentwickeln? Zu einem 3-5-2, weil er mit Lichtsteiner und Rodriguez zwei erstklassige Aussenverteidiger hat?

Petkovic wird gegen Ende dieses Jahres anfangen, passende Antworten auf diese Fragen zu finden – falls er die Qualifikation für die EM nicht verpasst.

Bekommt Luzern so noch ein Spiel?

Rasen ain/kli. Wenn es etwas an diesem Freitagabend in Luzern zu bemängeln gab, dann vor allem den schwer bespielbaren Platz in der mit 14 500 Zuschauern ausverkauften Swissporarena. Mehrere Protagonisten im Schweizer Team schüttelten den Kopf, am prägnantesten äusserte sich 2:0-Schütze Granit Xhaka: «Es kann nicht sein, dass wir als Schweizer Nationalmannschaft auf so einem Platz spielen müssen.»

Seit Eröffnung der gleiche Rasen

Werbung für Luzern als Austragungsort für weitere Ernstkämpfe der besten Schweizer Fussballer tönt anders. Zwei Probleme haben das sandige Geläuf verursacht, sagt Max Fischer, Medienchef des FC Luzern: «Dass es während unseres letzten Heimspiels gegen Basel permanent geregnet hat, tat dem Platz nicht gut. Zudem spriesst der Rasen in dieser Jahreszeit noch nicht. Wegen der Hochhäuser, die Schatten verursachen und der Luftzirkulation nicht dienlich sind, wird es im Horwer Bogen prekär.»

Und im Gegensatz zu den Bundesliga-Vereinen und dem FC Basel, für die insgesamt 14 der 23 aktuellen Kaderspieler der Schweiz in Lohn und Brot stehen, gibt Fischer zu bedenken, «wird beim FCL der Rasen nicht regelmässig komplett ersetzt. Das ist eine Kostenfrage.» In der Swissporarena wird immer noch der gleiche Rasen bespielt wie bei der Eröffnung im Sommer 2011.

In Luzern hat man aber keine Befürchtungen, dass die Swissporarena nach der jüngsten Kritik nicht mehr für die Austragung von Länderspielen in Frage kommt. Fischer: «Vom Verband hat sich niemand bei uns beschwert.»

Medienchef bemängelt Stimmung

Das bestätigt Marco von Ah, Mediensprecher des Verbandes: «Dass Luzern keine Länderspiele mehr bekommen soll, ist kein Thema. Vielmehr hat uns der Veranstalter rechtzeitig auf die Problematik hingewiesen, so dass die Spieler darauf vorbereitet und eingestellt waren.» Natürlich hätten sie lieber einen perfekt bespielbaren Untergrund, aber die Witterung in der Schweiz mache das von November bis März praktisch unmöglich.

Den Verband hat aber die Stimmung im Stadion «etwas irritiert», so von Ah: «Obwohl die Schweiz schnell 2:0 führte, war es ruhig im Stadion. Erst bei Lichtsteiners Auswechslung gab es eine Standing Ovation.»