FUSSBALL: Bühne frei für einen Gladiator

Lorenzo Bucchi steht heute im Heimspiel gegen St. Gallen (13.45) im Luzerner Tor. Der Römer hat Ausstrahlung – und könnte zur grossen Figur im Spiel der allerletzten Chance werden.

Daniel Wyrsch
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Nach seiner Einwechslung in Bern vertritt der Italiener Lorenzo Bucchi heute vor eigenem Publikum den gesperrten Stammgoalie David Zibung. (Bild Philipp Schmidli)

Nach seiner Einwechslung in Bern vertritt der Italiener Lorenzo Bucchi heute vor eigenem Publikum den gesperrten Stammgoalie David Zibung. (Bild Philipp Schmidli)

Der 30-jährige Lorenzo Bucchi ist am letzten Sonntag ins Scheinwerferlicht der Super League zurückgekehrt. Von einer Minute auf die andere musste er auf den Platz, für David Zibung (30) nach dessen Platzverweis zwischen die Pfosten stehen. Der Italiener hat breite Schultern, er stellte erhobenen Hauptes seinen 1,86 Meter langen Körper den Young Boys entgegen. Dabei erinnerte er an die Gladiatoren im alten Rom. Die Vorfahren aus seiner Heimatstadt mussten im Kolosseum gegen Löwen um ihr Leben kämpfen, Bucchi hielt den FCL in Bern sogleich mit einem gehaltenen Penalty im Spiel.

Er machte seine Sache während der 86 Einsatzminuten gut, bekam viel Lob in den Medien, vom Trainer, von Teamkollegen, aus dem Umfeld und von Freunden und Bekannten. Doch Bucchi hat sich davon nicht blenden lassen. «Am Ende haben wir keine Punkte mitgenommen. Darum geht es doch.» Das 1:2 bei YB war die vierte Pflichtspielniederlage in Folge für die meist fleissigen, aber zuletzt ungeschickt und glücklos agierenden Luzerner.

Ein Realist mit positiver Aura

Bucchi wirkte im Gegensatz zu seinen fehleranfälligen Vorderleuten François Affolter und Eigentor-Schütze Tomislav Puljic wie im Monumentalfilm Gladiator Russell Crowe, der den Helden Maximus Decimus Meridius verkörperte. Wobei Bucchi abwinkt, sich als Realist zeigt: «Im Fussball kann es schnell gehen, heute Hero, morgen Zero. Ich hatte gegen YB auch das notwendige Glück auf meiner Seite.» Er habe sich während der Woche Gedanken gemacht: «Ein Fehler von mir, und die Kritik hätte ins Gegenteil umgeschlagen. Diesem Mechanismus kann sich kein Spieler entziehen, weil keiner fehlerlos ist.»

Trotzdem will Bucchi das Glück festhalten. Er weiss, worum es heute gegen St. Gallen geht. «Ich gehe mit den gleichen Gefühlen wie letzte Woche ins Spiel. Es ist kein einfacher Moment für uns, das wird hart, aber es hat auch den grossen Reiz, wenn du unter Druck den Sieg erringst und wunderbare Emotionen erlebst.» Hört man ihn so reden, klingt es wie eine Autosuggestion. Mit positivem Denken zum Erfolg. Gerade am Selbstvertrauen hat es dem FCL zuletzt gemangelt, wie der langjährige Verteidiger Claudio Lustenberger (27) ein mentales Defizit im seit Jahren nicht konstanten Team festgestellt hat (siehe gestrige Ausgabe). Bucchi ist wohl zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. «Lorenzo sorgt immer für gute Stimmung», freut sich Luzerns Trainer Carlos Bernegger (45) über einen Profi, der nicht wie viele andere im Kader unter dem fortschreitenden Umbruch leidet.

Bucchi, der einen Kontrakt bis 2015 hat, sagt dazu nur: «Das ist Fussball. Wir sind Arbeiter, die bis zum Vertragsende alles für ihren Verein geben müssen. Basta.»

Der Römer, seit jeher Anhänger der AS Roma, ist erfahrener als die meisten Luzerner. Der FCL ist seine neunte Station bei den Profis. Als 18-Jähriger hat seine Reise bei Ternana in der Serie B begonnen. «Dann habe ich eine grosse Runde in Italien bei dritt- und viertklassigen Klubs gemacht, bevor ich mein grosses Glück bei der AC Bellinzona fand.»

Von Yann Sommer viel gelernt

Unter dem künftigen Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic (50) stieg Bucchi 2008 mit Bellinzona in der Barrage gegen den heutigen FCL-Gegner St. Gallen in die Super League auf. Gleichzeitig schaffte es die ACB auch in den Cupfinal, der in Basel gegen Meister FCB 1:4 verloren ging. «Das war gleichwohl ein Riesenerlebnis, 15 000 Tessiner unterstützten uns im St.-Jakob-Park. Fantastico!», erinnert sich Bucchi gerne zurück.

Nach 14 Partien in der höchsten Liga unter dem damaligen Coach Marco Schällibaum hat er 2009 Bellinzona verlassen und ein Angebot der Grasshoppers angenommen. «Dort war ich hinter dem jungen Yann Sommer die klare Nummer 2. Er ist ein super Typ, ich konnte von diesem Klassetorhüter viel abschauen. Yann wird seinen Weg auch bei Mönchengladbach in der Bundesliga machen», ist Bucchi von den Qualitäten des 25-jährigen Noch-Basel-Goalies überzeugt.

Und wie geht es mit Ersatzkeeper Bucchi in Luzern weiter? Er sagt, er akzeptiere weiter die Rolle als Nummer 2, wenn Zibung nach der Spielsperre ins Tor zurückkehrt. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Ist er, beinahe auf Augenhöhe mit dem langjährigen Stammgoalie, nicht ambitionierter? «Jeder Fussballer möchte immer spielen. Doch David besitzt hervorragende Qualitäten, er hat viel mehr Erfahrung als ich, der Unterschied bei der Anzahl Super-League-Spiele ist sehr gross.» Allerdings weiss Bucchi, dass es unter Bernegger für niemanden eine Stammplatzgarantie gibt. «Ich gebe in jedem Training mein Bestes, damit ich immer parat bin, wenn ich gebraucht werde.»

Atmosphäre ähnlich wie in Italien

Vom Erstligisten Fribourg gekommen, fühlt er sich glücklich in Luzern. In dieser «wunderschönen Stadt» hat der Reisefreak, Velofahrer und VBL-Passagier seine Freundin gefunden, «hier bin ich Goalie bei einem Topklub und darf die Nachwuchstorhüter trainieren».

Bucchi gefällt die Fussballleidenschaft der Luzerner, sie sei ähnlich wie in Italien. «Die FCL-Fans sorgen für Atmosphäre, und die Emotionen gehen rauf und runter. Im Herbst gefeiert wie Barcelona, sind wir nun für viele fast wie ein Drittligist.» Vielleicht kann Bucchi heute eine grosse Rolle spielen, damit der FCL endlich wieder bejubelt wird.