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FUSSBALL: Debatten um Videobeweis reissen nicht ab

Seit dieser Saison wird der Videobeweis in der deutschen Bundesliga getestet. Das erste Fazit: Es herrscht Chaos und Redebedarf.
Schiedsrichter Christian Dingert nutzt den Videobeweis im Spiel Gladbach – Hannover (2:1). (Bild: Getty (Mönchengladbach, 30. September 2017))

Schiedsrichter Christian Dingert nutzt den Videobeweis im Spiel Gladbach – Hannover (2:1). (Bild: Getty (Mönchengladbach, 30. September 2017))

Reinhard Grindel redete sich um Kopf und Kragen. Der Präsident des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) war zu Gast bei einer sehr beliebten Gesprächsrunde des Spartensenders Sport 1. Natürlich ging es mal wieder um den Videobeweis, wie an jedem Wochenende seit der Einführung zu Saisonbeginn. Weil mittlerweile kein Mensch mehr weiss, wer wann und vor allem warum eingreifen darf.

Nun sass Reinhard Grindel also auf einem Sessel, gestikulierte mit den Händen und wirkte emotional aufgewühlt. Die Kernbotschaft seiner fast dreiminütigen Rede: «Bei Wahrnehmungsfehlern in definierten ­Situationen soll der Video-As­sistent eingreifen – nicht bei Schiedsrichterfehlern. Der Assistent soll kein Ober-Schiedsrichter sein, das Sagen hat der Schiedsrichter auf dem Platz. Wenn der Schiedsrichter etwas sieht, muss er entscheiden. Er hat die Hoheit auf dem Platz. Dann muss man auch damit leben, dass es zu Fehlern kommt.»

Selbst der DFB-Präsident gerät ins Schleudern

Eine Aussage, die durchaus verblüffte – und in der DFB-Pressestelle umgehend für hektische Betriebsamkeit sorgte. Denn ein paar Stunden später verschickte der Verband eine Mitteilung, die man ohne böse Hintergedanken als Klarstellung bezeichnen durfte. Darin erklärte Grindel nun: «Der Video-Assistent soll zunächst einmal bei Szenen eingreifen, die der Schiedsrichter gar nicht gesehen hat und deshalb keine Entscheidung treffen konnte. Darüber hinaus aber eben auch bei Szenen, die er nach seiner Wahrnehmung klar sieht und bewertet, der Video-Assistent nach wenigen Sekunden aber anhand der TV-Bilder erkennt, dass der Schiedsrichter mit seiner Wahrnehmung und damit seiner Entscheidung klar falsch lag. Aber die Betonung liegt auf klar falsch.»

Kurzum: Selbst der eigene Präsident gerät beim Thema Videobeweis ins Schleudern. Aber das ist keine Schande, das geht derzeit fast allen so.

In Wolfsburg hätten sie nach dem 3:3 gegen Hertha BSC vor der Nationalmannschaftspause fast eine Selbsthilfegruppe gegründet. Sie feiern dort ihre Torerfolge richtig nett. Flutlicht aus, Lightshow an, Musik auf volle Lautstärke, Remmidemmi. Das machten sie beim Stand von 0:1 zweimal. Zweimal folgten Diskussionen und der Videobeweis. Zweimal wurde der Treffer (zu Recht) zurückgenommen. In der Stadionregie standen sie kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Und man kann sich gut vorstellen, wie Wolfsburgs Stürmer Mario Gomez in der Selbsthilfegruppe das Wort ergreift und mit brüchiger Stimme verkündet: «Hallo, ich bin der Mario – und der Videobeweis klaut mir am laufenden Band meine Tore.» Viermal traf er in dieser Saison schon. Dreimal wurde er vom Videoassistenten zurückgepfiffen. Dieser sitzt in einem dunklen Raum in Köln und überprüft die Spielszenen. Seine Eindrücke übermittelt er dem Schiedsrichter via Funk.

Für die Bilanz von Gomez ist das bisher keine allzu gute Sache. Doch trotz seiner persönlich eher deprimierenden Erfahrungen ist der Stürmer einer der wenigen Protagonisten, die bei diesem Thema kühlen Kopf bewahren: «Ganz sicher ist: Bei Abseits haben wir durch den Videoschiri eine ganz klare Verbesserung. Bei anderen Strafraumsituationen gibt es eben unterschiedliche Ansichten. Das müssen wir akzeptieren und nicht jedes Mal wieder die Schiris auseinandernehmen.» So richtig mehrheitsfähig ist diese Meinung aktuell allerdings nicht. Mehr Beifall erntet da schon Freiburgs Präsident Fritz Keller, der fordert: «Mann aus dem Ohr, Stecker ziehen, Fussball spielen, Entscheidungen im Stadion. Sonst nichts.» Worin sich immerhin fast alle ­einig sind, auch die Befürworter der neuen Technologie: So kann es nicht weitergehen. Sie fordern verlässliche und nachvollziehbare Regeln, wann der Videoassistent eingreift – und wann eben nicht.

Fifa entscheidet im März über endgültige Einführung

Doch damit tut sich der DFB sichtlich schwer. Bereits nach dem fünften Spieltag wurde festgelegt, dass der Videoassistent entgegen der vor der Saison festgelegten Richtlinie nicht nur eingreifen solle, wenn eine klare Fehlentscheidung vorliege – sondern auch, wenn er starke Zweifel an der Berechtigung der Schiedsrichterentscheidung habe. Für reichlich Unmut sorgte, dass die Klubs aber erst einen Monat später schriftlich über die neuen Richtlinien informiert wurden. DFB-Präsident Grindel zum Beispiel wusste von gar nichts und grollte: «Dieses Schreiben wurde mit mir nicht abgestimmt. Ich bin darüber nicht glücklich.»

Ebenfalls nicht ganz glücklich über die Entwicklung wird man beim Weltverband Fifa in Zürich sein. Deutschland ist eines von zehn Ländern, in denen der Videobeweis aktuell getestet wird – im März entscheiden die Regelhüter der Fifa über die endgültige Einführung des Videobeweises. Und Präsident Gianni Infantino gilt als Verfechter des technischen Hilfsinstruments. Er sagte kürzlich: «Wenn man etwas macht, muss man bis zum Ende gehen.» Auch wenn es alles andere als einfach ist.

Carsten Meyer

sport@luzernerzeitung.ch

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