FUSSBALL: Der verbale Seiltanz eines Angezählten

Überall dort, wo er seine Trainerarbeit aufnahm, stellte sich zunächst Begeisterung ein. Dafür machte er sich in stürmischen Tagen keinen Namen als Krisenmanager. Jetzt ist Nationaltrainer Vladimir Petkovic (51) mit zwei Niederlagen gestartet.

Andreas Ineichen, Maribor
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Vladimir Petkovic gibt im Training am Morgen nach der 0:1-Schlappe in Slowenien Anweisungen. (Bild: Keystone / Laurent Gilliéron)

Vladimir Petkovic gibt im Training am Morgen nach der 0:1-Schlappe in Slowenien Anweisungen. (Bild: Keystone / Laurent Gilliéron)

Es ist der Morgen nach dem unerfreulichen Spielausgang des zweiten Auftritts der Schweizer (0:1) in der EM-Qualifikation unter ihrem neuen Trainer Vladimir Petkovic. Die Sonne strahlt über der zweitgrössten Stadt Sloweniens. Eine unbefestigte Strasse führt vom Zielraum der Weltcupstrecke am Mariborsko Pohorje, wo die Elmer Skirennfahrerin Vreni Schneider in den 1980er- und 1990er-Jahren sieben Siege in Slalom und Riesenslalom errungen hat, durch einen Wald zu einem Trainingsplatz, wo die Schweizer Fussballer eine Übungseinheit abhalten. Also nur die, die gestern keine Einsatzzeit erhielten.

Die Szenerie erinnert irgendwie an ein Juniorentrainingslager eines Dorfvereins irgendwo in der Pampa. Zwei Holzbaracken, die gegen den Zerfall kämpfen, stehen ein paar Meter vom Platz entfernt. Eine ketzerische Frage drängt sich auf: Ist die Nummer 10 der Fifa-Weltrangliste wirklich nur noch einen Nebenschauplatz wert?

Nach der Trainingseinheit gibt bloss einer Auskunft, und das ist der Trainer. Er setzt sich auf eine längliche, dünne Holzbank, wie man sie von jedem Dorffest her kennt, und die Journalisten horchen seinen Worten. Petkovic sagt: «Wir wollten dominieren, und das taten wir.» Aber er sagt auch: «Am meisten enttäuscht hat mich, dass uns die letzte Entschlossenheit vor dem Tor abging – und die Reaktion nach dem 0:1. Uns fehlte ein klarer Kopf. Und das ist der Unterschied zwischen uns und einer grossen Nation.»

Keine Vergnügungsreise mehr

Es sind dies zwei Aussagen, die schön aufzeigen, in welchem Dilemma Petkovic steckt. Zum einen kann er einer nach zwei Niederlagen ohnehin schon verunsicherten Mannschaft nicht mit der Drahtbürste das Fell bürsten. Er muss die Moral hochhalten und das ohnehin geschwundene Selbstvertrauen nicht noch mit harten Worten schmälern. Schliesslich ist auch seine Position keine starke mehr. Das Image von Vladimir Petkovic, der das schwere Erbe von Ottmar Hitzfeld angetreten hat, trägt nach zwei Niederlagen in zwei Spielen starke Kratzer. Das ist seiner Glaubwürdigkeit in einer Mannschaft mit Spielern, die bei ihren Klubs zu einem grossen Teil unter namhafteren Trainern arbeiten, nicht wirklich förderlich.

Zum andern kann Petkovic aber auch nicht so tun, als ob sich bloss der Fussballgott gegen die Schweiz verschworen hätte. Denn der Gegner, und das macht die bittere Niederlage zu einer Blamage, war spielerisch limitiert, harmlos und mit einer Ausnahme chancenlos. Aber letztlich gewann er.

Nun kommt der Partie gegen San Marino nicht mehr bloss die Bedeutung eines gemütlichen Spaziergangs zu drei Punkten zu. Zu den ersten drei, notabene. Nein, irgendwo nagt der Zweifel daran, dass der Sieg gegen die Nummer 208 der Welt – und das ist der letzte Platz der Fifa-Weltrangliste – nur zu einer Vergnügungsreise wird.

Nur Andermatt verlor in San Marino

Schafft es Petkovic aber, den ersten Sieg in der EM-Kampagne nicht zu schaffen, ist er nicht mehr in seinem Job zu halten. Bis dato ist es aber erst einem Trainer gelungen, dem Fussballzwerg San Marino zu unterliegen. Es war Martin Andermatt im April 2004 als Trainer der Liechtensteiner (0:1).

Eine Trennung von Petkovic wegen sportlichen Misserfolgs brächte aber auch die sportliche Leitung des Schweizer Fussballverbandes (SFV) in arge Nöte. Denn dank der Arbeit von Ottmar Hitzfeld befand sich der SFV mit seinem Aushängeschild auf einer Flughöhe, die ihn für grössere Namen als erst für Marcel Koller und dann für Petkovic interessant hätten machen müssen. Aber vielleicht war dieses Niveau auch eine zu grosse Schuhnummer für Peter Stadelmann, den Delegierten der Nationalmannschaft. Sein Abschied wäre bei einem Scheitern von Petkovic früher zu terminieren als zum Ende der Euro in Frankreich 2016.

Ein solches Szenario brächte Licht in eine andere Frage: Hat Hitzfeld mit seinem pragmatischen Resultat-Fussball tatsächlich das Optimum aus den Qualitäten der Schweiz herausgeholt? Und: Führt eine innovativere Spielweise zwangsläufig ins Unglück?

Bei den Young Boys und zuletzt bei Lazio hat Petkovic gut angefangen und schlecht aufgehört. Als die Kritik immer stärker wurde, hat er sich nicht als Krisenmanager bewähren können. Vielleicht hat er daraus gelernt. Noch kann er in dieser verwässerten EM-Qualifikation (24 statt 16 Endrundenteilnehmer) das Steuer herumreissen.

Fragezeichen hinter zwei Routiniers

Angeschlagen ain. Innenverteidiger Philippe Senderos und Captain Gökhan Inler wurden am Donnerstag beim 0:1 im slowenischen Maribor im Verlauf der zweiten Halbzeit ausgewechselt – beide wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel. Bei Senderos liegt das Problem vorne im rechten, bei Inler hinten im linken.

Wahrscheinlich ohne Senderos
Die Spieler werden nun vom Medical Staff und den Physiotherapeuten intensiv gepflegt. Erst im Verlauf des heutigen Tages lässt sich wohl sagen, was die muskulären Probleme für die beiden Routiniers und die Einsatzfähigkeit für das nächste EM-Qualifikationsspiel der Schweizer am Dienstag (20.45) auswärts gegen Fussballzwerg San Marino bedeutet.

Teamarzt Cuno Wetzel sagte am Morgen nach dem Spiel in Maribor: «Bei Senderos sehe ich keine grosse Chance, Inler hingegen scheint mir eher einsatzfähig zu sein.» Bei Senderos soll bei weiterer Belastung die Gefahr eines Muskelfaserrisses vorhanden sein.

Gruppe E

Sonntag:
18.00 Estland - England in Tallinn
20.45 Litauen - Slowenien in Vilnius

Dienstag:
20.45 San Marino - Schweiz in Serravalle