FUSSBALL: Deshalb ist Inler nicht dabei

Für Nationalcoach Vladimir Petkovic ist die Ausmusterung von Gökhan Inler ein Zeichen für die harte Linie, die er vor der EM fahren will. Vor dem Testspiel in Irland (Freitag, 20.45/SRF 2) gibt der Chef eine deutliche Erklärung ab.

Sven Schoch (sda), Feusisberg
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EM findet wohl ohne ihn statt: Gökhan Inler. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

EM findet wohl ohne ihn statt: Gökhan Inler. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

81 Tage vor dem EM-Startspiel gegen Albanien und unmittelbar vor dem zweitletzten Vorbereitungscamp steht aus Sicht der Schweizer Delegation die Aufarbeitung brisanter Personaldossiers im Vordergrund. Es geht um Köpfe und darum, den Lead der Equipe neu zu definieren. Die in- und externe Kommunikation ist zurzeit wichtiger als die taktische Marschroute auf dem Rasen. Der Interpretationsspielraum im Umfeld des Teams soll minimiert werden. Nationaltrainer Vladimir Petkovic will mögliche Unruheherde mit sachlichen Argumenten eindämmen.

Am letzten Freitag veröffentlichte der Verband mit einem Communiqué ohne eine einzige Wortmeldung von Nationalcoach Petkovic den wegweisenden Entschluss, in den kommenden EM-Testspielen gegen Irland (Freitag) und Bosnien-Herzegowina (Dienstag) ohne Captain Gökhan Inler anzutreten. Gestern nun nahm der wichtigste Entscheidungsträger nun Stellung zur heiklen Causa. Er habe lange gezögert und abgewogen, so Petkovic, aber «ich konnte mich nicht gegen meine Überzeugung entscheiden».

Der Bonus ist beschränkt

Die Nichtberücksichtigung von Inler versteht Petkovic auch als Zeichen für alle anderen. Er müsse im Sinne des Kollektivs eine klare Linie verfolgen: «Spieler, die über einen gewissen Zeitraum nicht eingesetzt werden, können für das Nationalteam kein seriöses Thema sein.»

Überhöhen will Petkovic die Captain-Diskussion nicht: «Er ist eine wichtige Figur, klar, aber der Captain allein kann gar nichts bewegen.» Er habe entsprechend das gesamte Bild im Fokus zu behalten. In den Worten Petkovics tönt das so: «Ich muss auch berücksichtigen, was im Team passiert.»

Petkovic berücksichtigt den Stellenwert entsprechender Wackelkandidaten zwar, aber die Verdienste der Vergangenheit garantieren nichts. «Es gibt einen Bonus, aber der ist beschränkt.» Das gelte selbst für eine Figur wie Inler, dem er nach wie vor viel «Charisma und Charakter» attestiert. Von einer zunächst lange überaus kulanten Haltung habe nicht zuletzt Inler profitiert: «Ich habe ihn in der Vergangenheit oft unterstützt – auch als er bei Napoli nicht mehr spielte. Ich gab ihm immer das volle Vertrauen.»

Die Tür ist nicht zu

Ganz überraschend sei der Verzicht auf Inler nicht gekommen. Er habe den langjährigen Stammspieler schon im Dezember und Januar «ein bisschen sensibilisiert, als die Möglichkeit da war, etwas zu unternehmen». Oder anders formuliert: Der Selektionär legte Inler einen Transfer nahe, um die EM-Teilnahme nicht zu gefährden.

Inler habe aber die «mutige» Variante vorgezogen, sich trotz schwieriger Vorzeichen einen Platz beim Premier-League-Leader Leicester City zu erkämpfen. Weil er sich bis anhin vergeblich um den Anschluss bemühte, hat der 31-Jährige nun die (harten) Konsequenzen zu tragen.

Petkovic denkt, sein Ex-Führungsspieler habe die Nichtberücksichtigung akzeptiert. Den mutmasslich erheblichen Frust Inlers kann der Tessiner nachvollziehen: «Ich wäre an seiner Stelle auch wütend.» Viel Hoffnung macht er ihm indes nicht: «Wenn ein Team wie Leicester einen so guten Lauf hat, ist es schwierig, wieder in die Mannschaft zu kommen.»

Ganz zu ist die (EM-)Türe nicht. Petkovic hält sich die Option selbstredend offen, doch noch von der Erfahrung eines Mannes mit 89 Spielen zu profitieren: «Sollte sich an seiner Situation etwas verändern, wäre er ein ernsthafter Kandidat, um wieder einen Platz im Team zu erhalten.»

Neben Inler fehlt ein weiterer Captain in der Selektion: Fabian Lustenberger. Der Profi von Hertha Berlin spielt in den Überlegungen Petkovics für die Endrunde wohl keine Rolle mehr. «Ich habe gespürt, dass er nicht bereit ist, als Ergänzungsspieler dabei zu sein», so der Nationalcoach. «Er sieht sich als Stammspieler in dieser Mannschaft.»

Die falsche Erwartungshaltung

Die Erwartungshaltung Lustenbergers korrespondiert nicht mit seiner bisherigen Geschichte in der Schweizer Auswahl: Weder unter Ottmar Hitzfeld noch unter Petkovic fasste der zentrale Abwehr- und defensive Mittelfeldspieler Fuss. Auf 155 Einsatzminuten kam der ehemalige Spieler des FC Luzern in fünf Länderspieljahren.

Derweil der U-21-Topskorer Shani Tarashaj in Irland erstmals zum Schweizer Kader gehören wird, delegierte Petkovic Nico Elvedi zum Nachwuchsteam. Der Mönchengladbacher Stammspieler soll die U-21-Talente am Samstag in Thun im kursweisenden EM-Ausscheidungsspiel gegen England verstärken.

Die Warnung vor Irland

Am Ende einer ungewöhnlich detaillierten Besprechung der personellen Pläne räumte Petkovic dann aber doch auch dem sportlichen Tagesgeschäft noch etwas Raum ein. «In Irland erwartet uns eine harte Auseinandersetzung. Steht man dort mit dem linken Bein auf den Platz, kann das ziemlich schnell wehtun», warnte Petkovic. Die Schweizer zeigen Respekt. Ihnen ist nicht entgangen, wie die «Boys in Green» gegen den Weltmeister Deutschland in zwei EM-Ausscheidungspartien vier Punkte gewonnen haben.

Irland - Schweiz (Freitag, 20.45, Dublin)

Mögliche Schweizer Startformation (4-2-4): Sommer (Mönchengladbach); Widmer (Udinese), Schär (Hoffenheim), Klose (Norwich City), Rodriguez (Wolfsburg); Behrami (Watford), Xhaka (Mönchengladbach); Embolo (Basel), Seferovic (Eintracht Frankfurt), Zuffi (Basel), Mehmedi (Leverkusen).

Liveticker: Der Testmatch Irland - Schweiz am Freitag live unter www.luzernerzeitung.ch/liveticker

Der Schweizer Fussball-Nationalcoach Vladimir Petkovic erklärt vor den versammelten Medien die Gründe seiner Selektion für die erste Testphase. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Der Schweizer Fussball-Nationalcoach Vladimir Petkovic erklärt vor den versammelten Medien die Gründe seiner Selektion für die erste Testphase. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)