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FUSSBALL: Die Leiden des Lucien Favre

Letzte Saison der gefeierte Einzug in die Champions League, nun Tabellenletzter mit null Punkten. Eine schwere Zeit für Borussia Mönchengladbach und Trainer Lucien Favre.
Carsten Meyer
Momentan kann er kaum fassen, was er zu sehen bekommt: Lucien Favre, Schweizer Übungsleiter in Gladbach. (Bild: Getty/Alex Grimm)

Momentan kann er kaum fassen, was er zu sehen bekommt: Lucien Favre, Schweizer Übungsleiter in Gladbach. (Bild: Getty/Alex Grimm)

Wahrscheinlich ist es auch für Lucien Favre nicht immer leicht, Lucien Favre zu sein. Ständig wird man davon abgehalten, den wahren Kern des Fussballs zu ergründen. Immer wieder bekommt man von Reportern Fragen gestellt, die nichts mit abkippenden Sechsern, falschen Neunern oder Gegenpressing zu tun haben. Und dann auch noch dieser lästige Umstand, dass der Tag nur 24 Stunden hat, um sich mit Fussball zu beschäftigen. Das findet Favre nicht gut eingerichtet vom Universum. Schliesslich muss er doch trainieren lassen. An irgendwelchen Taktiken tüfteln. Oder vor dem Videorekorder so lange Spiele sezieren, bis seine Augen die Form eines kleinen Fussballs haben.

So ist der 57-Jährige eben. Wenn seine Mannschaft Erfolg hat, arbeitet Favre wie ein Besessener. Wenn sie keinen Erfolg hat, ist es noch schlimmer.

Schlimmer als ein Horrorfilm

Genau das ist dieser Tage sehr gut zu beobachten. Weil das Team, das in der vergangenen Saison auf Platz drei und in die Champions League stürmte, zuletzt mit haarsträubenden Fehlern zu überraschen wusste. Auch beim 0:3 in der Champions League gegen den FC Sevilla am Dienstag boten die Gladbacher wieder ein buntes Potpourri an äusserst irritierenden Aktionen, inklusive drei verschuldeten Penaltys. Keine Sicherheit in der Defensive um den Schweizer Nationalgoalie Yann Sommer, keine Spielkontrolle im Mittelfeld, keine Torgefahr im Angriff. Für einen Trainer wie Favre ist das ungefähr so, als würde man die schlimmsten Szenen aus «Shining», «Friedhof der Kuscheltiere» und «Chucky – die Mörderpuppe» in einen Film packen.

Das war so viel Input für die Festplatte des Waadtländers, dass die Beobachter schon etwas Angst um ihn bekamen. In solchen Momenten kapselt sich Favre von der Welt, wie wir sie kennen, ab. Dann denkt er nur noch in Rauten, Viererketten und Pressingvarianten.

Ein Zustand, der auch noch während der Pressekonferenz vor dem Derby gegen den 1. FC Köln (heute, 15.30 Uhr) andauerte. Die Reporter beschäftigte vor allem die emotionale Seite rund um die brisante Partie und die aktuelle Situation in Gladbach. Aber genauso gut hätten sie Favre auch irgendetwas von einer Invasion kleiner grüner Männchen erzählen können. Das würde ihn nur dann interessieren, wenn sie ein neues Spielsystem mit auf die Erde bringen würden.

Favre erschöpft einen Reporter

Ein Journalist beispielsweise wollte wissen, wie anstrengend die Situation gerade für ihn, Lucien Favre, sei. Ob irgendwann ein Zeitpunkt kommen könnte, an dem er vielleicht müde sei, ausgelaugt. Favre schaute den Fragesteller freundlich an, dann erzählte er etwas über Ballgewinn, Umschaltspiel und das Zusammenwirken von Defensive und Offensive. Die eigentliche Frage beantwortete er nicht. Die Nachfrage auch nicht. Und als er auch beim dritten Versuch über taktische Dinge referierte, gab der Reporter erschöpft auf.

Aber bitte nicht missverstehen: Das war kein Ausweichen von Favre, um abzulenken. Er ist einfach so.

In solchen Phasen übernimmt dann Sportdirektor Max Eberl die Kategorie «Das Grosse und Ganze». Er verkündet mit fester Stimme: «Lucien Favre ist absolut unrauswerfbar.» Und er erinnert sehr ausdauernd an den Fast-Abstieg 2011. «Auch wenn es viele nicht hören wollen», sagt Eberl, «für uns geht es vor allem darum, uns im einstelligen Tabellenbereich zu etablieren.»

Xhaka ist Gladbachs Derby-Held

Die aktuelle Entwicklung dürfte ihn in dieser Wahrnehmung bestätigen. Die Abgänge der deutschen Nationalspieler Max Kruse und Christoph Kramer sowie die Verletzung von Routinier und Innenverteidiger Martin Stranzl haben die Mannschaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Auf und neben dem Platz. Die Neuzugänge wie beispielsweise Nati-Stürmer Josip Drmic sind noch weit davon entfernt, in die grossen Fussstapfen zu treten. «Das braucht Geduld», sagt Favre.

Die Frage ist nur: Wie viel Geduld bringen die Anhänger noch auf? Aus dem derzeitigen Murren würde nach einer Derby-Pleite gegen Köln ein donnerndes Grollen werden. Umso grösser ist die Freude, dass der zuletzt gesperrte Mittelfeldregisseur Granit Xhaka wieder dabei ist. Der Basler ist im aktuellen Kader der umjubeltste Derby-Held, den die Gladbacher zu bieten haben. Im letzten Duell im Februar erzielte der 22-Jährige in der Nachspielzeit den 1:0-Siegtreffer. Aber nicht nur deshalb ist Favre froh, dass sein Mittelfeldchef wieder dabei ist. Sondern auch, weil es schon mehr als ein paar sieglose Spiele braucht, um das traditionell gesunde Selbstvertrauen des Granit Xhaka zu erschüttern. Er sagt: «Wir müssen jetzt Eier zeigen, Männer sein und wieder aufstehen. So ein Spiel kann uns einen richtigen Kick geben. Wenn wir in Köln gewinnen, werden wir wieder eine Serie starten.»

Aber wehe, wenn nicht.

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