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FUSSBALL: Die Möglichkeit eines Geisterspiels

Die zehn Stadien der am 10. Juni beginnenden Euro 2016 in Frankreich werden zu eigentlichen Hoch­sicherheitszonen. Doch das grösste Problem sehen Anti­terrorexperten anderswo.
Stefan Brändle, Paris
Die Polizei, das Militär und Rettungskräfte haben sich in Frankreich auf verschiedenartige terroristische Anschläge vorbereitet. (Bild: AP/Michel Spingler)

Die Polizei, das Militär und Rettungskräfte haben sich in Frankreich auf verschiedenartige terroristische Anschläge vorbereitet. (Bild: AP/Michel Spingler)

Stefan Brändle, Paris

Knapp drei Wochen vor dem Eröffnungsspiel der Euro 2016 zwischen Gastgeber Frankreich und Rumänien ist das Stade de France in der nördlichen Banlieue von Paris bereits eine Festung. Nach dem französischen Cupfinal von gestern Abend (siehe Seite 26) kommt niemand mehr ohne Spezialbadge hinein – weder Bauarbeiter, Reinigungsequipen noch Sportjournalisten. Beim Eröffnungsspiel am 10. Juni werden die 80 000 Besucher gleich durch zwei Sperren geschleust. Bei beiden müssen sie sich kontrollieren, abtasten und in die Taschen schauen lassen.

Das Stade de France, Schauplatz der Terroranschläge des 13. Novembers anlässlich des Freundschaftsspiels zwischen Frankreich und Deutschland, ist kein Sonderfall. Die zehn über ganz Frankreich verteilten Stadien – von Nizza und Marseille über Lyon und Saint-Etienne bis nach Lille und Lens – sehen für die 2,5 Millionen Besucher der 51 EM-Spiele den gleichen Sicherheits­marathon vor.

Es sei denn, «ihr» Spiel findet gar nicht statt: Die Organisatoren behalten sich vor, eine Partie kurzfristig vor leeren Tribünen anzusetzen. Oder den Match, wie am Sonntag in London, abzusagen und zu vertagen. Was den gedrängten Turnierverlauf rasch einmal über den Haufen werfen könnte.

Eine Geisterpartie mag eine schreckliche Vorstellung für ein Fussballfest sein. Aber sie ist immer noch weniger schrecklich als ein mörderisches Attentat. Der Chef des EM-Organisations­komitees, Jacques Lambert, meinte kurz nach den Attentaten in Paris, es sei den Sicherheitskontrollen zu verdanken, dass die Kamikaze-Täter nicht in das Stadion gelangen und dort ein Blutbad anrichten konnten, während die drei auf dem Vorplatz explodierten Bomben einen Passanten töteten.

Seither liess Lambert in mehreren Stadien gross angelegte Notfallübungen mit Hunderten von Freiwilligen organisieren. Geprobt wurden sogar Terror­angriffe mit Chemiewaffen. Sehr beruhigend klingt das nicht. Doch die Behörden scheuen keine Anstrengung, die weit gereisten EM-Besucher zu schützen: Die Tourismusdestination Frankreich, die noch heute unter gesunkenen Übernachtungszahlen infolge des 13. Novembers leidet, wünscht wirklich keine Terrorschlagzeilen mehr.

Sieben Millionen Leute in Fanmeilen

Eine Sorge treibt die Veranstalter aber weiter um – es sind die Fanmeilen. Sie stehen den Stadien umfangmässig nicht nach: Die kleinste ist für 10 000 Schlachtenbummler gedacht, die umfangreichste beim Eiffelturm in Paris soll gar 100 000 Besuchern Platz bieten. Während des Turniers werden insgesamt an die sieben Millionen Fans vor den Grossleinwänden erwartet.

Hohe Zäune um die Fanmeilen

Diese Zonen sind zwar von der Europäischen Fussball-Union (Uefa) an den Austragungsorten vorgeschrieben, die Organisation obliegt aber den zehn Städten. Die Herausforderung ist gewaltig: An sich soll die Sicherheit bei diesen Live-Übertragungen gleich hoch sein wie im Stadion – doch das ist eigentlich schon bautechnisch unmöglich. Nach den Anschlägen des 13. Novembers verlangten französische Abgeordnete, ganz auf diese Fanmeilen zu verzichten. Abgesehen von den kommerziellen Einbussen – die einst spontanen Fan-Happenings sind heute organisierte Sportanlässe mit Grillbuden, Souvenir- und Accessoire-Ständen – hiesse das aber auch, der Terrorangst zu weichen. Und wie Premierminister Manuel Valls immer wieder klarmacht, kommt das für die französische Regierung nicht in Frage.

Die Vereinigung der zehn Austragungsstädte, die unter dem Vorsitz von Alain Juppé, dem Bürgermeister von Bordeaux, steht, hat deshalb in Absprache mit der Uefa einschneidende Schutzmassnahmen in diesen Fanzonen beschlossen. Hohe Zäune und Abschrankungen umgeben sie; wie am Flughafen müssen die Besucher durch Schranken mit Metalldetektoren eintreten. Videokameras überwachen die ganze Szenerie.

Dazu kommen – wie von der Uefa verlangt – 350 Ordnungshüter pro Fanmeile. Sie werden von Privatfirmen gestellt oder vermittelt, denn die französische Polizei ist anderweitig im Einsatz, da sich das Gastgeberland immer noch und bis zur Tour de France im Juli im Ausnahmezustand befindet. Experten fragen, ob das Auswahlverfahren für die insgesamt 3500 Privatwächter öffentlichen Kriterien genüge.

Kosten für Fanmeilen verdoppelt

Schon jetzt haben sich die Kosten für die Kontrolle der Fanmeilen auf 24 Millionen Euro verdoppelt. Der französische Staat legt 8 Millionen Euro nach, die Uefa deren vier.

Dieser gewaltige Aufwand wirft seinerseits Fragezeichen auf: Droht sich das Sicherheitsproblem nicht bloss zu verlagern, wenn die Fanmeilen wie Fussballstadien geschützt werden? Könnten sich Terroristen nicht einfach auf weniger kontrollierte EM-Treffpunkte wie überfüllte Pubs mit Live-Übertragung verlegen? Oder auf die Warteschlangen vor den Zugangsschranken der Fanmeilen, bei denen nicht die Polizei präsent ist, sondern unbewaffnetes Privatpersonal?

Wie auch immer ein sportlicher Grossanlass aufgezogen wird: «Ein Nullrisiko», machte OK-Chef Lambert klar, «gibt es nicht.»

Ein Angriff auf eine Fanmeile am Siegesplatz in Bordeaux wird simuliert. (Bild: EPA / Caroline Blumberg)

Ein Angriff auf eine Fanmeile am Siegesplatz in Bordeaux wird simuliert. (Bild: EPA / Caroline Blumberg)

Auch auf eine Attacke mit Chemiewaffen sind die französischen Behörden vorbereitet. (Bild: Keystone/Guillaume Horcajuelo)

Auch auf eine Attacke mit Chemiewaffen sind die französischen Behörden vorbereitet. (Bild: Keystone/Guillaume Horcajuelo)

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