FUSSBALL: Die umstrittene Transferpolitik des FC Luzern

Der FC Luzern hat eine sehr bewegte Winterpause erlebt. Zuerst musste Sportchef Rolf Fringer gehen, dann drehte das Spielerkarussell. Offen bleibt die Rolle der klubeigenen Talente.

Daniel Wyrsch
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Markus Neumayr soll beim FCL in der Rückrunde für Torgefahr sorgen. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Markus Neumayr soll beim FCL in der Rückrunde für Torgefahr sorgen. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Am nächsten Sonntag (16.00, SRF 2) startet der FC Luzern mit dem Auswärtsspiel beim Serienmeister FC Basel in die Rückrunde. Ein Geldregen ist zuvor auf die Swissporarena geprasselt. Die rund 3,5 Millionen Franken, die der FC Luzern durch die Verkäufe von Dario Lezcano (Ingolstadt) und Remo Freuler (Atalanta Bergamo) kassiert hat, sind für hiesige Verhältnisse hohe Einnahmen. Allein Lezcano brachte 2 Millionen ein, weil die FCL-Investoren mit ihrem 75-Prozent-Anteil diese finanziellen Mittel vollumfänglich dem Klub zur Verfügung stellten, wie die Verwaltungsräte Marco Sieber und Josef Bieri erklärten. Doch Präsident Ruedi Stäger stellte sofort klar, dass die Millionen sicher nicht mit beiden Händen auf den Transfermarkt geworfen werden.

Fussball ist mehr denn je ein Geschäft. Der FCL hat im fünften Jahr im neuen Stadion endlich richtig aus Spielerverkäufen verdienen können. Zuletzt ist der Verein nicht ohne jährliche 2-Millionen-Zuschüsse der Investoren über die Runden gekommen. Mit den Transfers von Lezcano und Freuler könnte nun die Wende eingeläutet worden sein.

Die schnelle Reaktion des FCL

Doch wie reagierte die Klubführung nur Tage nach der völlig überraschenden Freistellung von Sportchef Rolf Fringer am 7. Januar auf die gewichtigen Abgänge im Zentrum? Antwort: Schnell, unaufgeregt und ohne masslos Geld auszugeben. Die neu zusammengestellte Transferkommission mit Stäger, Trainer Markus Babbel, Chefscout Remo Gaugler und Nachwuchschef Genesio Colatrella hat zuerst zwei schon länger geplante Zuzüge bewerkstelligt. Christian Schneuwly (27) hatte sich noch vor einem Jahr für den FC Zürich entschieden. Nach immer weniger Einsatzzeit unter dem neuen Trainer Sami Hyypiä nahm er das erneute Luzerner Angebot bereitwillig an, und wechselte für 500 000 Franken Ablöse zur Mannschaft seines Bruders Marco.

Babbels Seitenhieb gegen Fringer

Mit seinem deutschen Landsmann Markus Neumayr (29) war sich Babbel bereits im Sommer einig gewesen. Auf Anfrage verrät der FCL-Trainer, weshalb er dem technisch starken Mittelfeldspieler vor dem Saisonstart schweren Herzens hatte absagen müssen: «Unser damaliger Sportchef Fringer wollte den Spieler plötzlich nicht mehr. Für mich war das eine sehr unangenehme Situation. Hatte ich doch schon die konkrete Zusage von Markus Neumayr gehabt. Alles wäre klar gewesen.»

Dennoch wollte Neumayr die Herausforderung in Luzern ein halbes Jahr später immer noch annehmen. Wegen des auslaufenden Vertrages ist er für lediglich 100 000 Franken Ablöse an Vaduz und zusätzlich 50 000 Franken Handgeld für sich und die Berater an den Vierwaldstättersee gezogen.

Als dritter Zuzug ist diese Woche Michael Frey (21) dazugekommen. Er wechselt leihweise von Ligue-1-Verein Lille in die Innerschweiz. Für den Stürmer ist der FCL das Sprungbrett, um nach einer fast einjährigen Verletzungspause als Leihspieler bis Ende Saison auf sich aufmerksam zu machen. Frey möchte dann entweder zurück nach Frankreich – oder noch lieber in die Bundesliga. Babbel über den finanziellen Rahmen des Leihgeschäfts: «Lille ist uns bei Michael Frey in grossem Stil entgegengekommen.» Die Luzerner haben dennoch rund 300 000 Franken für das sechsmonatige Engagement des Berners in die Hand nehmen müssen.

1 Million weg, 2,5 Millionen bleiben

Summa summarum hat der FCL in die drei neuen Profis gegen 1 Million Franken investiert. Bleiben immer noch rund 2,5 Millionen aus dem Erlös von Lezcano und Freuler übrig.

Dennoch sei die Frage erlaubt, ob die Luzerner nach den Einkäufen des bald 30-jährigen Neumayr und des in Kürze 28-jährigen Christian Schneuwly nicht doch besser wieder in jüngeres Personal investiert hätten? Denn die beiden wird der FCL kaum mehr mit Gewinn verkaufen können wie die einiges jüngeren Lezcano (25) und Freuler (23). Babbel: «Man kann nicht jeden Zuzug später Gewinn bringend verkaufen. Wir mussten auf die Abgänge unserer beiden Leistungsträger, die uns leider in der Winterpause verlassen haben, reagieren.» Bei Christian Schneuwly und Neumayr habe sich die Möglichkeit ergeben. Natürlich sei es «wahnsinnig schwer», Lezcano im Winter gleichwertig zu ersetzen. Neumayr bürge aber ebenfalls für Torgefahr. «Wir mussten einfach reagieren, weil wir in einer sehr guten Ausgangsposition sind. Wir wollen zum einen in der Liga Platz 4 verteidigen und zum anderen im Cup unsere Finalchance nutzen.» Babbel findet: «Nichts zu tun, wäre grob fahrlässig gewesen. Wenn es sportlich nicht gelaufen wäre, dann hätten alle gefragt, warum wir nichts gemacht haben.» Ausserdem sei es auch ein wichtiges Zeichen an die Mannschaft gewesen, dass es ihnen gelungen sei, sich wieder mit guten Spielern zu verstärken.

Babbel meint, das sei auch positiv für die Jungen: «Von der Erfahrung eines Markus Neumayr und auch eines Christian Schneuwly können unsere Nachwuchsleute profitieren und sich vieles auf dem Platz abschauen.»

Stäger: «Chance für die Jungen»

Präsident Stäger weist auf eine klare Strategie hin, die hinter der Verpflichtung der beiden Routiniers steht: «Wir sind ein typischer Ausbildungsklub. Hätten wir Perspektivenspieler geholt, wäre unseren Jungen die Türe zugemacht worden.» Doch man wolle den eigenen Talenten eine Chance geben. «Das ist mit den Jungen auch so abgesprochen. Für sie haben sich mit den neuen Mitspielern Neumayr und Schneuwly keine Nachteile ergeben.»

Aus dem Mund von Babbel tönt es ähnlich: «Hätten wir drei 20-Jährige verpflichtet, wären die unseren jungen Leuten gefährlich geworden. Wir haben eben auch Spieler ausgesucht, die nicht die nächsten Jahrzehnte beim FC Luzern spielen. Gegebenenfalls sind die Talente dann so weit, dass sie in die Rolle der Routiniers schlüpfen können.»

Babbel betont, dass für ihn die Zuzüge überhaupt nicht konträr zur bisherigen Philosophie stehen. «Wir brauchen schon eine gewisse Qualität in der Mannschaft, damit die Jungen auch besser werden können.»

Für ihn sei wichtig, dass die Mannschaft breit aufgestellt sei. «Elf gute Spieler, und dann kommt nichts mehr: In dieser Situation war ich hier schon mal. Und das war keine angenehme Situation. Jetzt haben wir einen tollen Konkurrenzkampf, jeder muss sich behaupten, keiner kann sicher sein, seinen Platz zu verteidigen.» Doch diesem Konkurrenzkampf müssten sich nicht nur die älteren Spieler stellen. «Das gilt ebenso für die Jungen, sie müssen den Kampf um die Plätze annehmen.»

Die Situation der drei wichtigsten FCL-Eigengewächse vor dem Auftakt der Rückrunde sieht wie folgt aus:

  • Hekuran Kryeziu (22): Der Schwyzer mit kosovarischen Wurzeln war am Freitag beim Präsidenten im Büro. Stäger: «Wir sind zuversichtlich, dass Hekuran in den nächsten Tagen seinen im Sommer auslaufenden Vertrag mit uns verlängern wird.» Babbel: «Wir haben eine grosse Wertschätzung ihm gegenüber, sind sehr zufrieden mit ihm. Er hat sich bei uns im letzten halben Jahr weiterentwickelt.» Kryeziu, gestern leicht angeschlagen als Zuschauer beim Testspiel gegen Aarau (2:0), sagt: «Es sieht gut aus, dass ich beim FCL bleibe. Ich hatte mit Ruedi Stäger, Markus Babbel und zuvor Rolf Fringer gute Gespräche. Schade ist, dass uns Assistenztrainer Roland Vrabec im Sommer verlässt.» Beim Start am Sonntag in Basel ist Kryeziu gesperrt.

  • Nicolas Haas (20): Er hat gegen Aarau ab der 58. Minute im defensiven Mittelfeld gespielt. Kurz vor Schluss gab er den entscheidenden Pass zu Jérôme Thiessons 2:0. Babbel findet zu Recht: «Nicolas hat ein schwieriges Halbjahr hinter sich, von dem er sich vielleicht mehr erhofft hatte. Jetzt heisst es für ihn, die Zähne zusammenbeissen und den Fight annehmen. Er wird nichts geschenkt bekommen, den Platz muss er sich erarbeiten.» Als grosses Talent sei sich das Haas vom Nachwuchs her wohl noch nicht gewohnt gewesen. «Bei den Profis gibt es immer ein, zwei andere Spieler, gegen die du den Platz verteidigen musst.»

Remo Arnold (19): In der Winterpause hat er mit Luzern bis 2019 verlängert. Babbel über den defensiven Mittelfeldspieler: «Remo Arnold ist erst 19 Jahre alt, er hat ausserdem Schulstress an der Backe. Durch leichte Blessuren ist er zuletzt zurückgeworfen worden.»

Der FCL-Chefcoach findet grundsätzlich: «Man muss dem Trainerteam vertrauen. Wir lassen die Jungen laufen, wenn sie soweit sind.»

Super League

Rückrundenstart. 19. Runde. Samstag, 6. Februar, 17.45: Lugano - Vaduz. – 20.00: Young Boys - Grasshoppers.

Sonntag, 13.45: Zürich - Sion. St. Gallen - Thun. – 16.00 (SRF 2): Basel - Luzern.

1. Basel 18 14 1 3 41:20 43

2. Grasshoppers 18 10 3 5 46:32 33

3. Young Boys 18 7 7 4 30:22 28

4. Luzern 18 7 5 6 24:24 26

5. St. Gallen 18 6 5 7 19:21 23

6. Sion 18 6 4 8 21:25 22

7. Thun 18 6 2 10 24:31 20

8. Lugano 18 5 4 9 25:34 19

9. Zürich 18 3 8 7 27:40 17

10. Vaduz 18 2 9 7 17:27 15

Daniel Wyrsch