FUSSBALL: «Die Welt mag junge, reiche und erfolgreiche Länder offenbar nicht»

Korruption? Arbeiter, die sich auf den Baustellen zu Tode schinden? Nasser Al Khater (37), Vizechef des OK und Kommunikationsdirektor der Fussball WM 2022, gibt auf heikle Fragen Antworten.

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In seinem luxuriösen Büro mit Blick auf die Skyline von Doha: WM-Kommunikationschef Nasser Al Khater redet mit unserem Reporter Klaus Zaugg. (Bild: freshfocus/Waldemar Da Rin)

In seinem luxuriösen Büro mit Blick auf die Skyline von Doha: WM-Kommunikationschef Nasser Al Khater redet mit unserem Reporter Klaus Zaugg. (Bild: freshfocus/Waldemar Da Rin)

Interview Klaus Zaugg, doha/Katar

Welch ein Luxus! Sie haben wirklich ein aussergewöhnlich schönes Büro. Diese Sicht hinaus auf das Meer!

Nasser Al Khater: Ja, man hat mir ganz bewusst dieses Büro zugewiesen.

Warum?

Al Khater: Man versucht, mich so dazu zu bringen, hier viel Zeit zu verbringen. Woher kommen Sie aus der Schweiz?

Aus der Nähe von Bern.

Al Khater: Aha, dann können Sie mir helfen. Kennen Sie Paul Klee?

Ja, warum?

Al Khater: Mein fünfjähriger Junge hat mir kürzlich seltsame Zeichnungen gezeigt, die ihn faszinieren. Er sagte mir, die seien von Paul Klee und der habe ein Museum in Bern. Stimmt das?

Ja, das ist richtig.

Al Khater: Dann werde ich mit ihm bei unserer nächsten Reise nach Zürich auch nach Bern fahren.

Entschuldigen Sie, wenn ich sozusagen gleich mit der Tür ins Haus falle. Die Welt wirft Katar vor, auf den Baustellen für die WM-Stadien Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen schuften zu lassen. Ist das so?

Al Khater: Wir hatten Schwierigkeiten, und ich gebe zu, dass wir noch nicht alle Probleme gelöst haben. Aber wir tun alles Menschenmögliche. Wir haben Gesetze erlassen, die nicht nur die Arbeitsbedingungen regeln, sondern auch die Unterkünfte der Arbeiter. Wir haben die Anzahl der Baustelleninspektoren auf über 300 erhöht. Weil wir feststellen mussten, dass Arbeiter monatelang auf ihren Lohn warten mussten, haben wir nun ein elektronisches System installiert, über das alle Löhne pünktlich überwiesen werden müssen. So können wir kontrollieren, ob die Löhne bezahlt werden. Die Welt sollte uns schon ein wenig Zeit geben. Ich frage Sie: Wann hat Deutschland den gesetzlichen Mindestlohn eingeführt, immerhin eines der Menschenrechte?

Ich bin als Schweizer nicht so mit der deutschen Politik vertraut. Aber ich denke, es war 2014.

Al Khater: Richtig. Sehen Sie: Erst vor einem Jahr und dank starker Gewerkschaften. Ihr Europäer habt Jahrhunderte und viele blutige Kriege und zahlreiche Revolutionen gebraucht, um eine demokratische Gesellschaft zu entwickeln. Wir sind ein junges Land mit kaum einer 50-jährigen Geschichte. Gebt uns also etwas Zeit.

Aber die arabische Kultur ist viel älter. Wir lebten noch in Höhlen, als man bei Ihnen schon wusste, dass die Erde sich um die Sonne dreht.

Al Khater: Oh ja, da haben Sie Recht. Wie hiess doch der berühmte Mann, der bei euch gesagt hat, die Erde drehe sich doch?

Galileo Galilei, frühes 17. Jahrhundert. Und er wäre einahe auf dem Scheiterhaufen gelandet.

Al Khater: Ja, ja, da waren wir euch weit voraus. Aber leider haben wir bei unserer Entwicklung im Verlauf der Geschichte vorübergehend eine Pause eingelegt.

Ist Katar eigentlich eine Demokratie?

Al Khater: Eine institutionelle Monarchie.

Aber regiert von ein paar Familienclans.

Al Khater: Es gibt bei uns die Herrscherfamilie. Aber unsere Gesellschaft besteht aus vielen Familien, und ich gebe zu, dass es einen gewissen Tribalismus gibt.

Wie steht es in Katar mit den Rechten der Frauen?

Al Khater: Ist bei uns gar kein Thema. Weil die Frauen die gleichen Rechte haben wie die Männer und für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten. Sie finden inzwischen an unseren Universitäten mehr Studentinnen als Studenten, immer mehr Frauen in der Arbeitswelt und in Führungspositionen.

Ich hör die Botschaft wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Al Khater: Sie haben Vorurteile. Vor unseren Gesetzen sind die Frauen absolut gleichberechtigt. Wir ermutigen die Frauen, ins Berufsleben einzusteigen. Es gibt aber einen starken Vorbehalt in den Familien gegen die Berufstätigkeit der Frauen. Das braucht Zeit. Daran arbeiten wir.

Was sagen Sie zum Vorwurf der gekauften Stimmen bei der WM-Vergabe 2022?

Al Khater: Wir haben diese Vorwürfe sehr ernst genommen und die offiziellen Untersuchungen der Fifa begrüsst. Aber wir haben auch klar gemacht, dass wir nur gegenüber diesem Untersuchungsausschuss Red und Antwort stehen.

Waren Sie beunruhigt?

Al Khater: Nein, nie. Wir haben mit grösster Gelassenheit auf das Resultat gewartet. Tatsächlich ist dabei nichts herausgekommen, dass justiziabel wäre. Aber wir empfinden es als stossend, dass ständig nur von uns die Rede war. Es ging bei diesen Untersuchungen beispielsweise auch um die WM-Vergabe an Russland. Das scheinen viele vergessen zu haben.

Die Kritik an Katar war weltweit ­heftig. Wie erklären Sie sich das?

Al Khater: Offenbar mag die Welt junge, erfolgreiche und reiche Länder nicht.

Wie haben Sie auf die weltweite ­Kritik reagiert? Haben Sie auch an recht­liche Schritte gedacht?

Al Khater: Anfänglich dachten wir, es handle sich nur um ein paar Journalisten, die übertreiben. Im Laufe der Zeit haben wir den Eindruck bekommen, es sei eine regelrechte Kampagne gegen uns im Gange. Ja, wir dachten auch an rechtliche Schritte. Dürfen wir uns das bieten lassen? Aber dann haben wir uns an ein sehr altes arabisches Sprichwort erinnert und entschieden, nichts zu unternehmen.

Wie lautet dieses Sprichwort?

Al Khater: Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.

Die Karawane ist ja nun schon ein gutes Stück vorangekommen. Können Sie in knappen Worten die WM 2022 zusammenfassen?

Al Khater: Nun, wir bieten eine WM auf sehr kleinem Raum. Jedes Stadion ist mit dem öffentlichen Verkehrsmittel in weniger als einer Stunde erreichbar. Niemand muss während der WM umziehen. Die Spieler verbrauchen viel weniger Energie als bei den bisherigen Turnieren.

Was dürfen die Fans erwarten?

Al Khater: Das Public Viewing und Partys wird es bei uns auch geben. Wir wollen aus der WM ein Fest machen, das die Fans aus der ganzen Welt nicht nur über den Fussball zusammenbringt. Wir wollen auch das Verständnis für unsere Kultur wecken, die Türe zu unserer Welt öffnen.

Was, wenn jemand ein Bier trinken will?

Al Khater: Dann muss er nur eines bestellen.

Gibt es kein Alkoholverbot?

Al Khater: Nein. Das Alkoholverbot gehört zu den Irrtümern über Katar. Es gibt bei uns kein Gesetz, das den Alkoholkonsum oder -verkauf verbietet. Es gibt bloss starke kulturelle Vorbehalte gegen den Alkohol. Wir sind Muslime.

Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie für die WM 2022?

Al Khater: Mit 800 000 bis einer Million. Wir achten darauf, dass es für alle Preislagen Unterkünfte geben wird und die Preise vernünftig bleiben.

Mit welcher Strategie haben Sie die WM-Bewerbung gewonnen?

Al Khater: Wir haben jahrelang sehr intensiv gearbeitet. Wir waren überall präsent und haben so dafür gesorgt, dass Katar ein Gesprächsthema geworden ist. Wir haben auf der ganzen Welt alle möglichen Fussballanlässe besucht. Turniere, Kongresse, Konferenzen. Auch wenn wir nicht eingeladen waren. Wir haben die Leute angesprochen, am Rande von Sitzungen, in Hotellobbys, auf der Tribüne und Werbung für unser Land gemacht. Wir haben Vorurteile abgebaut und Verständnis geweckt. Wir haben unsere Türen für die Welt geöffnet. Und wer uns zuhörte, wer sich näher mit uns befasste, hat bald einmal gesehen, welche Vorteile wir bieten. Unser Land ist so etwas wie die Mitte der Welt. Innerhalb von vier Flugstunden von hier leben zwei Milliarden Menschen.

Wieso investiert Katar so viel in den Sport?

Al Khater: Es gibt mehrere Gründe. Ganz am Anfang war der Sport eine Möglichkeit, um unser Land auf die Weltkarte zu bringen. Aber inzwischen ist der Sport ein Mittel, um die Entwicklung unseres Landes voranzutreiben. Wir brauchen den Sport aber auch für unsere Jugend und unsere Volksgesundheit. Wir haben viel zu viele Diabetiker. Da müssen wir etwas tun.

Sie fördern den öffentlichen Verkehr, und eine U-Bahn ist im Bau. Wird Doha 2030 gar die erste autofreie, grüne Hauptstadt der Welt sein? Das wäre ein PR-Coup ganz besonderer Art.

Al Khater: Sie belieben zu scherzen. Eine autofreie Hauptstadt wird es vielleicht einmal in Skandinavien geben. Aber doch nicht bei uns, in einem Land, in dem das Benzin billiger ist als Wasser. Aber es ist so, dass wir Doha fussgängerfreundlicher machen wollen.

In Katar sind schon viele Fussballspiele im Sommer ausgetragen worden. Warum ist die WM in den Spätherbst verlegt worden? Das Geschrei war deswegen in Europa gross.

Al Khater: Eine Task-Force der Fifa hat das so entschieden, und wir akzeptieren diese Entscheidung.

Aber es wäre problemlos möglich, die WM zum traditionellen Termin auszutragen?

Al Khater: Problemlos. Wir haben von Anfang an klar gemacht, dass bei uns während des ganzen Jahres gespielt werden kann. Wir haben seit 2008 die Technologie, um die Stadien und öffentlichen Plätze zu klimatisieren.

War dieser Vorbehalt, dass Katar eine WM nicht im Sommer spielen kann, ein Teil der Kampagne gegen Ihr Land?

Al Khater: Das ist denkbar. Vielleicht versuchte man so, unserer Bewerbung zu schaden und zu suggerieren, dass es völliger Unsinn sei, bei uns eine WM durchzuführen.