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FUSSBALL: Die wundersame Rückkehr von Roy Hodgsons

Am Anfang der Saison wurde Roy Hodgson als «Uncle Roy» belächelt. Nun rettet der 70-jährige Gentleman nicht nur Crystal Palace vor dem Abstieg, sondern auch seine eigene Reputation als Trainer.
Raphael Honigstein, London
Roy Hodgson freut sich mit Spieler Patrick van Aanholt über den Ligaerhalt. (Bild: Getty (Stoke on Trent, 5. Mai 2018))

Roy Hodgson freut sich mit Spieler Patrick van Aanholt über den Ligaerhalt. (Bild: Getty (Stoke on Trent, 5. Mai 2018))

Raphael Honigstein, London

sport@luzernerzeitung.ch

Anfang Oktober sprach ein Mitarbeiter Roy Hodgson auf dem Vereinsgelände mit 007 an. Gemeint war die Bilanz von Crystal Palace: null Siege, null Unentschieden und sieben Niederlagen in ebenso vielen Premier-League-Partien. Doch der aufmunternde Witz konnte den 70-Jährigen nicht erheitern. «Ich bin kein Fan von James Bond», raunte der ehemalige Schweizer und eng­lische Nationaltrainer übellaunig. Hodgson, so glaubten die meisten Experten auf der Insel, war bei dem Süd-Londoner Abstiegskandidaten auch nicht in ge­heimer, sondern in unmöglicher Mission unterwegs.

Der von vielen als Mann von gestern belächelte «Uncle Roy» erwies sich jedoch als Glücksgriff für Palace. Nach dem drama­tischen 2:1-Auswärtssieg am Samstag bei Stoke City hat der Klub die Lizenz für den Nicht-Abstieg eine Woche vor Saisonende auf sicher. «Er hat ein Wunder bewirkt», schrieb die «Daily Mail» angesichts von Hodgsons fabelhafter Bilanz von 41 Punkten aus 30 Spielen seit Palaces historisch schlechtem Fehlstart.

Nach dem EM-Aus verlor er die Fassung

Für den polyglotten Gentleman ist es ein doppelter Triumph. Er rettete binnen acht Monaten nicht nur den von amerikanischen Investoren geführten Traditionsklub, sondern auch seine eigene Reputation als Coach. Vor seinem Engagement als Nothelfer im ­Süden der Hauptstadt hatte er ein knappes Jahr zuvor ja Englands schändliches EM-Aus im Viertelfinal gegen Island verantwortet und ob des unerwarteten Knock-outs völlig seine Contenance verloren. «Ich weiss nicht, was ich hier mache», hatte Hodgson nach seinem Rücktritt den fassungs­losen Reportern erklärt. Der Satz drohte zu seinem beruflichen Epitaph zu werden. Wer wollte ihm nach dieser Schmach noch eine Chance geben? Hodgson hatte in vier Jahren als Nationaltrainer letztlich ebenso versagt wie zuvor als Coach von Liverpool (2011 bis 2012). Er wirkte ein wenig wie aus der Zeit gefallen. In den Reihen der Palace-An­hänger fiel der Jubel dement­sprechend verhalten aus, als der Verein den Niederländer Frank de Boer im September nach vier Pleiten in Folge entliess und durch Hodgson, den ältesten Trainer in der Liga, ersetzte. Die Verantwortlichen im Selhurst ­Palace hatten sich ­erinnert, dass Hodgson einst West Bromwich Albion und Fulham vor dem Absturz bewahrt hatte.

Für den Sohn eines Busfahrers aus dem Süd-Londoner Arbeitervorort Croydon war es ein Neuanfang in der fussballe­rischen Heimat: Als Kind war er in den 1950er-Jahren öfters ins Selhurst-Park-Stadion gegangen und hatte später in einer Jugendmannschaft von Palace gespielt.

In seinen ersten drei Spielen schloss das verunsicherte Team nahtlos an die De-Boer-Bilanz an, verbuchte weder einen Punkt noch ein Tor. Doch nach der Länderspielpause im Herbst traten die Rot-Blauen plötzlich defensiv stabil und im Sturm effizient auf. Hodgson hatte den Spielern in unzähligen Trainingsübungen kompaktes Verschieben eingebläut und zudem den beiden talentierten, aber unbeständigen Individualisten Wilfried Zaha und Andres Townsend feste Bewegungsabläufe an die Hand gegeben. Hodgson sei zu Unrecht als Defensivspezialist verschrien, erklärte Gary Neville, sein ehemaliger Assistent in der Nationalmannschaft: «Roys Arbeit besteht hauptsächlich darin, mit der Offensive Angriffsmuster einzuüben.» Mit den Strukturen im Spiel kehrten nach und nach Selbstbewusstsein und gute Ergebnisse zurück. Mit einem Auswärtssieg gegen Burnley am letzten Spieltag der Saison könnten die Londoner am Ende sogar noch Zehnter werden.

Hodgson, der Bandleader

«Ich bin sehr stolz darauf, zu sehen, wie gut die Mannschaft die Vorgaben aus dem Training umsetzt», sagte Hodgson nach dem Sieg gegen Stoke am vergangenen Samstag zufrieden und gab die Komplimente an seinen Trainerstab und die medizinischen Betreuer weiter. Er sei «nur der Bandleader: der Mann, der den Taktstock hält», sagte er bescheiden. «Unsere Aufgabe war es, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste zu machen; ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Spieler wohlfühlen und ihren besten Fussball spielen können.»

Das gelang so eindrucksvoll, dass Kollege Mauricio Pochettino (Tottenham) in dem Ex-Nationalteam-Coach gar den Trainer des Jahres in England sieht. Auch wenn dieser Titel wohl eher an Meistermacher Pep Guardiola gehen wird, markiert das Jahr 2018 für Hodgson eine wundersame Rückkehr. Nach 16 Stationen in acht Ländern hat er sein spätes Glück vor der eigenen Haustür gefunden.

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