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FUSSBALL: Ende der Vertuschung?

Die Vorwürfe gegen russische Verbandsfunktionäre haben das Potenzial zum grössten Dopingskandal in der Geschichte des Weltfussballs. Der unternimmt alles, um das geschäftsschädigende Thema auszuklammern.
Jörg Mebus (sid)
Sonderermittler Richard McLaren geht von einem separaten Dopingsystem im russischen Fussball aus. (Symbolbild: Patrik Stollarz/Getty)

Sonderermittler Richard McLaren geht von einem separaten Dopingsystem im russischen Fussball aus. (Symbolbild: Patrik Stollarz/Getty)

Jörg Mebus (SID)

Kurz vor Beginn der grossen ­Party wurde es Joao Havelange zu bunt. Sportministerin Marie-George Buffet wollte einfach keine Ruhe geben und partout ihr strenges Anti-Doping-Gesetz bei der WM 1998 in Frankreich anwenden. Deshalb legte der damalige ­Fifa-Präsident für einen Moment alle gebotene diplomatische ­Zurückhaltung ab. «Hören Sie, Madame», sagte Havelange, «wir haben Ihnen die WM gegeben, also nerven Sie uns nicht länger mit Ihren Kontrollen und Ihren Ärzten.» Buffet gab klein bei.

Heute würde Gianni Infantino vermutlich viel dafür geben, wenn er das Thema Russland ähnlich leicht vom Tisch wischen könnte wie sein brasilianischer Amtsvorgänger vor 19 Jahren. ­Damals wie heute ging es um ­Dopinggerüchte rund um den künftigen WM-Gastgeber. Doch während 1998 auch Havelange half, die mehr oder weniger diffusen Epo-Vorwürfe gegen die späteren Weltmeister im Keim zu ­ersticken, haben die jüngsten ­Veröffentlichungen über die Dopinganstrengungen rund um die russischen Kicker das Potenzial, den Weltfussball in seinen Grundfesten zu erschüttern: Richard McLaren, Sonderermittler der Welt-Doping-Agentur, geht von einem separaten Dopingsystem im russischen Fussball aus, das komplette WM-Team von 2014 steht unter Verdacht. «Es gab offenbar eine Bank mit sauberem Urin – und diese Bank wurde offenbar für Fussball genutzt», sagte McLaren. Der Kanadier glaubt, dass Urinproben entweder manipuliert worden seien, um positive Tests zu verhindern, oder Dopingsubstanzen darin zu finden seien. Hinweise darauf würden sich zum Beispiel im Mail-Verkehr russischer Funktionäre finden.

Eine Geschichte voller Verblendung

Nach allem, was McLaren mit ­seinen Untersuchungs­berichten schon in der Leichtath­letik und weiteren olympischen Sportarten ins Rollen gebracht hat, wird der Fussball den Schmutz diesmal nicht einfach unter den Teppich kehren können. So, wie er es über Jahrzehnte mit Erfolg getan hat, ohne nachhaltig beschädigt zu werden. Die Geschichte des Fussballs ist auch eine voller Verblendung und Vertuschung. Selbst seine ganz grossen Helden gerieten in den Dopingdunst, und es gibt Hunderte Hinweise auf zum Teil flächendeckenden Missbrauch, denen nicht oder nicht konsequent nachgegangen wurde. Eine Auswahl:

  • Bei Juventus Turin wurde in den 1990er-Jahren systematisch mit Epo gedopt. Dafür wurde 2004 der Teamarzt Riccardo Agricola zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt. Zum Juve-Team zählte auch Didier Deschamps, Frankreichs WM-Kapitän von 1998 und heute Nationaltrainer.
  • Zu den Kunden des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes sollen auch Fussballprofis gehört haben. Namen nennt er bis heute nicht. Ein Gericht untersagte kürzlich weitere Untersuchungen an Fuentes’ Blutbeuteln.
  • Trainer Pep Guardiola wurde 2001 zum Ende seiner aktiven Karriere bei Brescia Calcio Nandrolon-Missbrauch nachgewiesen. Er wurde gesperrt (für vier Monate), verurteilt (zu sieben Monaten auf Bewährung), in der Berufung aber freigesprochen.
  • Unter anderem der deutsche Trainer Peter Neururer berichtete, dass das Aufputschmittel Captagon in den 1980er-Jahren gang und gäbe war.
  • Im Jahr 2013 plauderte Deutschlands Legende Franz Beckenbauer in der Sendung «Das aktuelle Sportstudio» des ZDF über seine Aktivenzeit: «Natürlich haben wir auch unsere Vitaminspritzen bekommen. Keine Ahnung. Der Doktor hat gesagt: Das ist eine Vitaminspritze.»
  • Erst vor wenigen Wochen gerieten Fussballprofis unter Verdacht, Kunden eines Dopingarztes gewesen zu sein – darunter auch Roberto Carlos, Weltmeister von 2002.

Nachhaltige Dopingkonsequenzen mussten Profis oder gar der Fussball selbst in den ver­gangenen Jahrzehnten nicht erleiden. Die Ausnahme ist Diego Maradona, der bis heute einzige Profi, der bei einer Weltmeisterschaft (1994) erwischt und verurteilt wurde. 2010, nach der ­angeblich sauberen WM in Südafrika, sagte der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter: «Wir sollten nicht mehr über Doping im Fussball sprechen.»

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