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FUSSBALL: Erfolgreich – und kurz vor der Trennung

Thomas Tuchel hat den besten Punkteschnitt aller Dortmunder Trainer – und kann mit seinem Team heute (20 Uhr, ARD) gegen Eintracht Frankfurt Cupsieger werden. Trotzdem deutet alles auf eine Trennung hin.
Carsten Meyer
BVB-Trainer Thomas Tuchel. (Bild: David Hecker/EPA (Dortmund, 20. Mai 2017))

BVB-Trainer Thomas Tuchel. (Bild: David Hecker/EPA (Dortmund, 20. Mai 2017))

Carsten Meyer

sport@luzernerzeitung.ch

Natürlich liess sich Thomas Tuchel (43) nicht locken von dieser Frage. Wie er denn damit umgehe, dass dieser Final vielleicht sein letztes Spiel als Dortmund-Trainer sei, es gebe ja viele Spekulationen. Tuchel rang sich ein Lächeln ab und erklärte: «Das spielt überhaupt keine Rolle. Ich spüre eine grosse Ruhe.» Ob das wirklich so ist, kann man nicht mit Gewissheit abschätzen. Klar ist nur, dass sich dieser Tage jeder Dortmunder darum bemüht, den Anschein von Normalität zu wahren. Auch Clubchef Hans-Joachim Watzke schlug zuletzt moderate Töne an – auch wenn er seine Botschaft nicht richtig wahrgenommen sieht. «Ich sage seit drei Wochen das Gleiche», klagt er, «aber das interessiert ja niemanden.» Was er sagt, ist Folgendes: «Wir setzen uns nach der Saison zusammen und besprechen dann, wie es weitergeht.»

So ganz klar ist den meisten Beobachtern allerdings nicht, was es noch zu besprechen gäbe. Das Verhältnis zwischen Tuchel und den Vereinsverantwortlichen dürfte mittlerweile so zerrüttet sein – da würden selbst die Nato-Friedenstruppen an Grenzen stossen. Zudem wird seit Wochen munter über Nachfolger spekuliert, ohne dass man sich beim BVB heftig dagegen wehren würde. Als Favorit wird der Schweizer Lucien Favre gehandelt, aktuell noch in Nizza unter Vertrag.

Wer nur die Ergebnisse der Dortmunder verfolgt, wird dieser Diskussion freilich recht ratlos gegenüberstehen. Denn Tuchel ist mit einem Punkteschnitt von 2,11 Zählern pro Partie der erfolgreichste BVB-Trainer aller Zeiten. Erfolgreicher als Ottmar Hitzfeld. Erfolgreicher als Jürgen Klopp. Er hat mit seinem Team in zwei Jahren kein Bundesliga-Heimspiel verloren. In der vergangenen Saison war die Mannschaft der beste Zweite aller Zeiten, erreichte den Viertelfinal in der Europa League und verlor den Cupfinal gegen Bayern München erst im Penalty-Schiessen. Auch in dieser Spielzeit führte Tuchel das Team als Dritter direkt in die Champions League, scheiterte in der Königsklasse erst im Viertelfinal und kann die Saison noch mit dem Cupsieg krönen.

Lange Liste von Missverständnissen

Fachlich gibt es ja sowieso keine Zweifel an Tuchel. Selbst seine Kritiker würden unterschreiben, dass Tuchel in taktischen Fragen ein Genie ist. Das Problem ist nur: Einer wie Tuchel taugt nicht für den diplomatischen Dienst. Nicht im Verhältnis mit der Mannschaft und schon gar nicht im Umgang mit Funktionären.

Die Liste der Missverständnisse ist lang. Als im vergangenen Sommer über die Zukunft von Henrikh Mkhitaryan, Ilkay Gündogan und Mats Hummels spekuliert wurde, erklärte Watzke, man werde nicht jeden aus dem Trio halten können: «Aber es ist auch völlig ausgeschlossen, dass alle drei nächstes Jahr nicht für Borussia Dortmund spielen.» Als die Saison startete, war keiner der Angesprochenen mehr da und Tuchel nicht erfreut. Er strickte an der Legende, mit einer nur leicht verstärkten Juniorentruppe zu arbeiten – was angesichts der Anzahl von etablierten Spielern im Kader für Verwunderung sorgte. Intern und extern.

Mit dem im Verein sehr geschätzten Chefscout Sven Mislintat fand Tuchel gar keine gemeinsame Wellenlänge und verbat sich sogar dessen Anwesenheit auf dem Trainingsgelände. Die Reaktion der BVB-Bosse: Mislintat wurde zum Leiter Profifussball befördert.

Nach dem Anschlag auf den Teambus vor dem Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals gab es einen Zwist. Das Spiel wurde schon am nächsten Tag nachgeholt, was Tuchel kritisierte. Niemand habe Mannschaft und Trainer gefragt, ob das überhaupt möglich sei. Daraufhin erklärte Watzke, der Coach sei selbstverständlich in den Entscheidungsprozess eingebunden gewesen.

Es wundert also nicht, dass Watzke vor Wochen erklärte, es gehe in der Aufarbeitung der Saison nicht nur um sportlichen Erfolg, sondern auch um andere Themen: «Kommunikation. Strategie. Vertrauen.» In Wahrheit geht es aber um persönliche Befindlichkeiten. Watzke hat zwei Probleme mit Tuchel. Erstens: Er tritt ihm zu dominant auf. Zweitens: Er ist nicht Jürgen Klopp.

Mit dem heutigen Liverpool-Coach verbindet Watzke eine Freundschaft. Die zwei harmonierten prächtig und trafen sich auch privat, zum Beispiel um Karten zu spielen. Klopp strahlte eine Wärme aus, die sie beim BVB an Tuchel vermissen. Aus all diesen Gründen wird es nach dem Cupfinal wohl zur Trennung kommen. Dass ausgerechnet Favre Favorit auf die Nachfrage ist, ist aber fast ironisch. Denn auch er zieht eine Diskussion über Abwehr-Dreiecke jedem Kartenspiel vor. Das könnte spannend werden.

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