Interview

Fussball-Experte zum neuen Vertrag für den Nati-Trainer: «Vladimir Petkovic muss jetzt für Aufbruchstimmung sorgen»

Im Interview erklärt Fussball-Experte Etienne Wuillemin, Leiter Sport bei CH Media, was die Vertragsverlängerung von Nationaltrainer Vladimir Petkovic bedeutet. Und woran er sich künftig messen lassen muss.

Simon Häring
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Vladimir Petkovic bleibt Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft.

Vladimir Petkovic bleibt Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft.

Bild: Keystone

Der Schweizer Fussballverband verlängert den Vertrag mit Vladimir Petkovic um zwei Jahre. Gab es überhaupt Alternativen?

Etienne Wuillemin: Nicht wirklich. Es gibt die Namen, die rund um die Nationalmannschaft immer wieder fallen. Urs Fischer beispielsweise. Ja, er ist ein Trainer, der überall Erfolg hat, wo er arbeitet. Gerade wieder bei Union Berlin, das er als Aufsteiger sensationell ins Bundesliga-Mittelfeld geführt hat. Aber eben: Fischer hat einen guten Job und ist nicht verfügbar. Mit Lucien Favre verhält es sich ähnlich. Die Fussball-Schweiz hegt einen leisen Traum, dass er zu seiner Vollendung mal noch Nationaltrainer wird, ganz ähnlich wie bei Ottmar Hitzfeld. Aber Favre hat deutlich gemacht, dass er sich die Nati nicht vorstellen kann. Ganz abgesehen davon, dass er sich bei Dortmund gerade wieder auf dem aufsteigenden Ast befindet. Christian Gross wäre im Moment zwar wieder zu haben. Aber das wäre ein ziemlicher Stilbruch zum Fussball, den Petkovic implementiert hat. Drei Namen, die man für die Zukunft nicht ausser Acht lassen darf, sind René Weiler, Fabio Celestini und Stéphane Henchoz. Aber in der Gegenwart wären sie kein Thema gewesen.

Etienne Wuillemin, Leiter Sport CH Media.

Etienne Wuillemin, Leiter Sport CH Media.

Unter Petkovic hat sich die Schweiz für alle grossen Turniere qualifiziert, dort aber nie einen Exploit geschafft, weshalb?

Hier ist es wichtig, zu differenzieren. Darum zunächst: Sowohl den EM-Achtelfinal, wie auch den WM-Achtelfinal zu erreichen, ist nüchtern betrachtet eine starke Leistung. Gerade an der WM in einer Gruppe mit Brasilien, Serbien und Costa Rica – es war qualitativ die wohl stärkste Gruppe. Nun, die Achtelfinals: Dem Spiel an der EM gegen Polen wird die Schweiz vielleicht noch lange nachtrauern. Es wäre der Moment gewesen, um den Exploit zu schaffen. Die Leistung war gut, das entscheidende Tor wollte aber einfach nicht gelingen. Und das Penaltyschiessen – ja, das kann man halt auch verlieren. Zwei Jahre später gegen Schweden, das war tatsächlich eine der schwächsten Leistungen der Schweiz unter Petkovic. Trainer und Mannschaft waren gezeichnet von den kräfteraubenden Tagen wegen des Doppeladlers rund ums Serbien-Spiel.

Trotz Erfolgen war Petkovic nie unumstritten. Weshalb tut sich die Schweiz mit ihrem Nati-Trainer so schwer?

Es ist tatsächlich so, dass Vladimir Petkovic die fussballerische Arbeit mehr schätzt als die kommunikativen Aufgaben. Auch mit den Medien. Die Gleichung ist einfach: Je weniger Gelegenheiten es gibt, mit dem Nationaltrainer zu sprechen, desto eher sind dann die drängenden, aktuellen Themen im Fokus. Das erzeugt in der Summe manchmal ein zu negatives Bild. Eines, das gar nicht nötig wäre. Weil Petkovic in der Bevölkerung beispielsweise mit seinem Fussball, den er spielen lässt, viel Rückhalt geniesst. Die Schweizer Nati macht mehr Spass, seit er als Trainer übernommen hat. Und Petkovic selbst ist eine spannende Persönlichkeit, die viele Geschichten zu erzählen hat, eine riesige Erfahrung aufweist – und mit einem grossartigen Humor gesegnet ist. Diese Facetten sollte er künftig wieder etwas mehr zulassen. Zudem – und ich sage das völlig wertfrei: Weil Petkovic nicht so gut Deutsch spricht, ist es schwieriger, in der deutschsprachigen Schweiz eine enge Verbindung zum Publikum aufzubauen. In dieser Hinsicht hatten Köbi Kuhn und auch Ottmar Hitzfeld deutliche Vorteile.

Doppeladler, Doppelbürger, der Knatsch um den Rücktritt von Valon Behrami. Wie sehr hat das alles Petkovic geschadet?

Zwischenzeitlich sehr stark. Es gab Phasen, da war Petkovic ziemlich angeschlagen. Gerade im Jahr nach der WM. Für viele mag die Nations League ja ein Ärgernis sein. Petkovic hat sie hingegen wahrscheinlich den Job gerettet. Der 5:2-Sieg gegen Belgien im November 2018 war es, der nochmals Schwung reingebracht hat. Auch danach sind die Probleme nicht gänzlich verschwunden. Insbesondere die Absage von Xherdan Shaqiri aus Motivationsgründen in diesem Sommer hat den Druck auf Petkovic nochmals erhöht. Dazu kamen einige späte Gegentore in wichtigen EM-Qualifikationsspielen. Doch das überzeugende Ende dieser Qualifikation und der tolle Teamzusammenhalt haben den Ausschlag für Petkovic gegeben.

Die Aufarbeitung der Doppeladler-Affäre an der WM 2018 hat Vladimir Petkovic Sympathien gekostet.

Die Aufarbeitung der Doppeladler-Affäre an der WM 2018 hat Vladimir Petkovic Sympathien gekostet.

Bild: Keystone

Woran muss sich Petkovic in den nächsten Jahren messen lassen?

Krisen machen stärker, heisst es. Der Schweizer Fussballverband glaubt, dass Petkovic an den vergangenen zwei Jahren gewachsen ist. Das muss er bestätigen. Indem er es schafft, der EM und danach für eine Aufbruchstimmung rund um die Nati zu sorgen. Sportlich gesehen sollte er an der EM den Achtelfinal erreichen. Und die Schweiz danach möglichst an die WM 2022 in Katar führen.

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