FUSSBALL-FANARBEIT: Rekordablöse für Neymar: «So geht der Draht zur Basis verloren»

Der Luzerner Christian Wandeler, Geschäftsführer Fanarbeit Schweiz, äussert sich zur hiesigen Fan- und Fussballkultur. Und beschreibt die Distanz zur Welt der Rekordtransfers im europäischen Spitzenfussball.

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Christoph Wandeler wird oberster Fanarbeiter der Schweiz. (Bild: PD)

Christoph Wandeler wird oberster Fanarbeiter der Schweiz. (Bild: PD)

Daniel Wyrsch

daniel.wyrsch@luzernerzeitung.ch

Christian Wandeler (43) setzt sich seit zehn Jahren für die Anliegen der Fussballfans ein. Er war neun Jahre lang in der Fanarbeit Luzern tätig, seit 2015 ist der Soziokulturelle Animator Geschäftsleiter der Fanarbeit Schweiz.

«Für mich ist diese Summe absurd, das ist der momentane Höhepunkt des internationalen Fussballgeschäfts, in dem man jeglichen Realitätssinn verloren hat», sagt Wandeler über die Rekordablöse von 222 Millionen Euro für Neymar.

Dank der zehnjährigen Arbeit mit den Fussballanhängern an der Basis weiss Wandeler, wie die Fans hier zu Lande ticken. Angesprochen auf das Jahresgehalt von 30 Millionen Euro, die der Brasilianer Neymar bei Paris Saint-Germain kassieren soll, meint er: «Das ist ein ungesunder Weg, den die einfache Sportart Fussball zum Riesenbusiness eingeschlagen hat. So geht der Draht zur Basis verloren.»

Trotzdem gebe es einen Markt, der diese Transfersummen im dreistelligen Millionenbereich wie bei Neymar und Pogba (siehe Box) okay finde. «Ich erlebe aber auch viele Leute, die sich abwenden. Statt den sogenannten Plastik-Fussball gehen sie lieber Fussball in den unteren Ligen schauen.» Allerdings bezweifelt er, ob diese Bewegung genug gross ist, damit die Vereine eine Richtungsänderung vornehmen.

Damit ein anderer Weg überhaupt in Betracht gezogen würde, bräuchte es den finanziellen Druck. Das ist nur möglich, wenn die TV-Bezahlsender für das milliardenteure Fussballgeschäft in den europäischen Top-5-Ligen (England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich) nicht genügend Geld durch die Abonnenten einnehmen. Könnte es sein, dass der Fussball für die Mehrheit der Leute irgendwann zu teuer wird? «Möglich, dass der Peak eines Tages erreicht ist. Dann wird es lustig, vor allem wenn sich dann auch noch die schwerreichen Klubbesitzer anderen Hobbys zuwenden. Darin sehe ich ein Risiko, doch ein Teil der Fans würde auch diese Situation mittragen.»

Der Schweizer Fussball ist vom Mega-Deal eines Neymars Lichtjahre entfernt, die mittelgrossen Super-League-Klubs Luzern und St. Gallen haben ein Jahresbudget inklusive Stadion, Events und Nachwuchsakademie von ungefähr 20 Millionen Franken. Das ist deutlich unter 10 Prozent der Transfersumme von Neymar. Die im Vergleich beschauliche Swiss Football League (SFL) «kann aus der Fan-Perspektive auch eine Chance haben, noch mehr auf eine Ausbildungsliga zu setzen. Wie der FC Luzern, der immer mehr auf eigene Junge baut», sagt Wandeler. «Für mich ist das ein Gegenmodell zur Hochglanz-Plastikwelt im europäischen Spitzenfussball.»

Christian Wandeler, der Geschäftsleiter der Fanarbeit Schweiz, fordert die Schweizer Klubs auf, dem Beispiel des Challenge-Vereins FC Winterthur zu folgen: «Der Klub steht zu seinen Werten und Möglichkeiten, das macht ihn bei den Fans sehr sympathisch.» Der FCL-Anhänger wünscht sich diese ehrliche, geerdete Haltung auch vom Innerschweizer Fussball-Aushängeschild: «Wir sind das Gegenteil der surrealen Welt der Grossklubs. Es braucht Mut dazu zu stehen, doch bin ich sicher, von den echten Fans würde diese einfache, ungekünstelte Existenz des FCL geschätzt.»