FUSSBALL: «Führungsschwach nennt mich keiner»

Beim FC Luzern hat sich die Krise zugespitzt. Vor dem Heimspiel gegen St. Gallen (heute, 16.00, SRF 2) erklärt Präsident Ruedi Stäger (57), warum er und die Klubbesitzer weiter ruhig bleiben.

Interview Daniel Wyrsch
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Ruedi Stäger auf dem Bootssteg: Der FCL-Präsident gestern beim Hotel Hermitage in Luzern.

Ruedi Stäger auf dem Bootssteg: Der FCL-Präsident gestern beim Hotel Hermitage in Luzern.

Ruedi Stäger, der FC Luzern ist nach neun Runden immer noch sieglos. Am Sonntag im Heimspiel gegen St. Gallen müssen die Spieler «unbedingt siegen», wie Captain Claudio Lustenberger richtigerweise festgestellt hat. Stimmt es; lastet ein enormer Druck auf der Mannschaft und dem Klub?

Ruedi Stäger: Dieser Druck ist für das Team nicht neu. Niemand durfte erwarten, dass wir nach diesem Umbruch die Spiele gleich in Serie gewinnen würden. Die Mannschaft hat phasenweise ihr Potenzial aufblitzen lassen. Ich bin überzeugt, der erste Sieg steht unmittelbar bevor und wird sehr befreiend wirken.

Wie gehen Sie mit der sich in den letzten Wochen immer mehr zuspitzenden Krise beim FCL um?

Stäger: Gewiss lastet der momentane sportliche Misserfolg schwer auf uns, aber hier von einer Krise zu sprechen, ist übertrieben. Selbstverständlich analysieren wir die Situation laufend und überlegen uns Massnahmen. Dennoch wollen wir un­sere mittelfristigen Ziele nicht aus den Augen verlieren. Hektik und übereilter Aktionismus sind in dieser Situation wenig zielführend.

Man hat das Gefühl, dass Sie als Präsident zwischen die Fronten in diesem Verein geraten sind. Stimmt dieser Eindruck?

Stäger: Das scheint mir eher polemisch! Ich kenne keine Fronten und weiss auch nicht recht, wer diese Gefühle aufbringt. Dieser Eindruck ist mit Sicherheit falsch. Wir haben intern eine klare gemeinsame Strategie und lassen uns nicht durch Spekulationen und Mutmassungen auseinanderdividieren.

Doch einige Leute aus dem Umfeld und ein Teil der Medien rufen bereits nach der starken Führung von Ex-Präsident Walter Stierli. Für Sie alles andere als angenehm, oder?

Stäger: Mir hat bis anhin niemand gesagt, dass ich führungsschwach sei. Zur Frage kommt mir ein Spruch meiner Mutter in den Sinn: «Wer die Vergangenheit nicht ehrt, ist die Zukunft nicht wert!» Was ich damit sagen will: Meine Vorgänger sind ihren Herausforderungen begegnet, so wie wir das heute auch tun. Doch sind die Rahmenbedingungen selten vergleichbar. Und noch einmal: Die Stärke des Managements lässt sich mit Bestimmtheit nicht an übereilten personellen Rochaden messen. Ein genauer Blick in die Vergangenheit der Fussballgeschichte würde da eine durchzogene Statistik aufzeigen.

Studien beweisen aber, dass Trainerwechsel in der Regel eine sofortige positive Wirkung erzeugen. Nach dem Heimspiel gegen St. Gallen und der Auswärtspartie am nächsten Sonntag in Sion folgt eine zweiwöchige Nationalmannschafts-Pause. Zeit für Krisensitzungen in Luzern?

Stäger: Genau auf diese Weise werden Krisen herbeigeredet. Zum letzten Mal: Wir durchleben ein sportliches Tief und sind überzeugt, da auch wieder den Weg raus zu finden. Gemeinsam mit der sportlichen Führung analysieren wir das Geschehen laufend und überlegen uns allfällige Massnahmen. Mit Sicherheit werden wir die Pause für entsprechende Reflexionen nutzen.

Im Zentrum der Kritik stehen Sportchef Alex Frei und Trainer Carlos Bernegger. Vor einem Jahr wurden sie noch gefeiert, jetzt gehören sie zu den Losern des ersten Viertels der Meisterschaft. Wo liegt Ihrer Meinung nach die Wahrheit über die Fähigkeiten dieses Duos?

Stäger: Hier von Verlierern zu sprechen, erachte ich als eine ungeheuerliche Frechheit und Polemik.

Sorry, die Tabelle lügt nach neun Spieltagen nicht: Luzern ist Tabellenletzter, seit dem Rückrundenbeginn der letzten Saison am 2. Februar dieses Jahres hat der FCL acht Plätze verloren und von 27 Meisterschaftsspielen nur deren 6 gewonnen.

Stäger: Ja, momentan fehlt der sportliche Erfolg. Es war genau dieses Duo, das uns vor gut einem Jahr auf die Erfolgsschiene geführt hat. Die Fähigkeiten von Alex wie auch von Carlos sind für uns unbestritten. Mit Kontinuität in der sportlichen Führung wollen wir unsere Ziele erreichen. Der Weg ist noch lang und darf nicht allein an den bisher verpassten Punkten gemessen werden.

Werden Sie wirklich erst zum Ende der Vorrunde ein Fazit ziehen, das zu einer Freistellung des Trainers und/oder des Sportchefs führen könnte?

Stäger: Wir setzen auf Kontinuität in der sportlichen Führung. Alle leisten gute Arbeit, und ich bin überzeugt, dass wir bald die Früchte dieser Arbeit ernten können. Natürlich sind wir auf Punkte angewiesen. Lassen Sie uns eine sportliche Bilanz nach der Vorrunde ziehen.

Da Sie erst seit Anfang des Jahres FCL-Präsident sind und Frei und Bernegger auch erst seit 18 Monaten in ihren Funktionen Erfahrungen sammeln: Könnten Sie sich in dieser Krise vorstellen, einen Fussballfachmann wie beispielsweise Ex-Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld als Berater zu holen?

Stäger: Nochmals, es gibt keine Krise beim FCL. Deshalb stellt sich diese Frage nicht. Ich habe langjährige Führungserfahrung, dabei bin ich immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert gewesen. Hier ist es wichtig, sich auch immer wieder zu hinterfragen und Drittmeinungen einzuholen und allenfalls in Entscheidungen mit einzubeziehen. Niemand ist fehlerfrei, und man sollte nie über seine eigene Eitelkeit stolpern.

«Wir übernachteten mit dem Schlafsack im Büro»

Erfahrungen dw. Bankfachmann Ruedi Stäger (57) ist seit dem 1. Januar 2014 der erste hauptamtliche Präsident des FC Luzern. Er ist im 60-Prozent-Pensum angestellt, der Verein verzichtet seither auf einen CEO. Der gebürtige Berner wuchs im Seeland auf, seit über 25 Jahren lebt er in Luzern. Stäger ist als FCL-Präsident der Nachfolger des Hoteliers Mike Hauser (43), der eineinhalb Jahre Klubchef war und das Präsidentenamt von Walter Stierli (66) übernommen hatte.

Ruedi Stäger, durch welche beruflichen Ereignisse wurden Sie geprägt, sodass Sie die Herausforderungen beim FCL meistern können?
Stäger: Ich habe 30 Jahre lang Führungserfahrung in ganz unterschiedlichen Bereichen und Zeiten gesammelt. Es hat auch stürmische Zeiten gegeben. Ich habe die grosse City-Revolution in London, begleitet vom Börsencrash im Jahr 1987, erlebt, als wir zeitweise mit dem Schlafsack im Büro übernachteten, so gross waren die Herausforderungen. Mein damaliger Arbeitgeber hat eine grosse Broker-Firma übernommen. In kurzer Zeit mussten wir unzählige Leute entlassen. Von den Anforderungen her war das eine sehr anspruchsvolle und emotionale Phase. Es ist sicher spannend und sehr herausfordernd, was ich heute als FCL-Präsident erlebe, aber es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe, dass wir als Team diesen Herausforderungen nicht gewachsen sind.

Zurück in der Schweiz haben Sie als Banker ähnliche Turbulenzen erlebt?
Stäger: Es folgten meine Führungsjahre bei der Luzerner Kantonalbank und später beim Group Management der Bank Vontobel. Dort habe ich miterlebt, wie die grosse Internetblase, mit all ihren Folgen bis hin zu Entlassungen im Managementbereich, geplatzt ist. Zeitweise kämpfte ich im stürmischen Wasser mit Gegenwind. Ich habe einiges überstanden, da werfen einen die gegenwärtigen Schwierigkeiten beim FCL auch nicht aus der Bahn.

Unterschiede dürften die lokale Nähe, das öffentliche und hoch emotionale Umfeld des FCL sein. Stäger: Es ist so, es gibt wenige Leute, die sich nicht berufen fühlen, über Fussball zu diskutieren und Empfehlungen zu geben. Das ist nicht immer gleich angenehm, wenn ich in der Region mit oder ohne Familie unterwegs bin und praktisch immer angesprochen werde. Ich habe Verständnis für die Emotionen der Fans, vor allem, wenn es sportlich nicht gut läuft. Aber wir dürfen uns durch all diese Zwischenrufe nicht vom Weg abbringen lassen.

Vertrag mit dem Trainer verlängert?

Bernegger dw. Es ist und bleibt dieser Tage die grosse unbeantwortete Frage des FC Luzern: Haben die Klubverantwortlichen den Vertrag mit Trainer Carlos Bernegger (45) vorzeitig verlängert? Luzerns Präsident Ruedi Stäger wich im Gespräch mit unserer Zeitung gestern Vormittag im Luzerner Seehotel Hermitage aus, wie er und Sportchef Alex Frei dies bislang in allen Medien in dieser Angelegenheit getan haben: «Über allfällige Vertragsverlängerungen mit dem Trainer oder Spielern sowie über Transfers informiert der FCL, wenn es so weit ist.»
Das ist weder ein Dementi noch eine Bestätigung. Es spricht jedoch einiges dafür, dass Bernegger über das offiziell bekannt gegebene Kontraktende vom 30. Juni 2015 hinaus beim FC Luzern angestellt bleibt.