FUSSBALL: Grosses Spektrum und hohe Nachfrage

Die vorzüglichen WM-Perspektiven sind mehr als das Ergebnis einer überdurchschnittlich guten Phase der SFV-Auswahl. Ottmar Hitzfeld steht ein Ensemble zur Verfügung, das Millionen wert ist und ausserhalb der Grenzen höchste Akzeptanz geniesst.

Sven Schoch, Oslo
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Die Schweizer Nationalmannschaft ist am Mittwoch am Flughafen Zürich gelandet. Trainer Ottmar Hitzfeld verabschiedet sich von Fabian Schär. (Bild: Keystone)

Die Schweizer Nationalmannschaft ist am Mittwoch am Flughafen Zürich gelandet. Trainer Ottmar Hitzfeld verabschiedet sich von Fabian Schär. (Bild: Keystone)

Im Schweizer Fussball steckt internationale Substanz. Daran war auch nach dem fahrlässigen 4:4 gegen Island nicht ernsthaft zu zweifeln. In Oslo hielt die SFV-Auswahl im Gegensatz zum einst ebenso ambitionierten Gastgeber der mentalen Belastungsprobe problemlos stand. Unter erheblichem Druck widerlegten die Spieler die negativen Prognosen der Kritiker und demonstrierten ihre WM-Reife.

Die Nordländer, vor zwei Jahren von der FIFA bei der Auslosung in der ersten Reihe gesetzt, kamen ausserplanmässig in den Genuss einer Lektion. Bis auf paar wenige «unforced errors» degradierte Hitzfelds Team die Norweger zu ideenlosen Statisten. Mit ihrer Stilsicherheit beeindruckten die Schweizer auch Norwegens Trainer-Ikone Egil Olsen: «In ihrer gegenwärtigen Verfassung zählen sie zu den besten Teams in Europa.»

Für «Drillo» ist der Leader der Gruppe E nicht mehr zu stoppen - die dritte WM-Teilnahme hintereinander ist vermutlich tatsächlich nur noch eine Frage der Zeit. Und dieser kräftige Aufschwung der letzten sechs Jahre ist ziemlich exklusiv. Im europäischen Raum haben nur die «Big Six» (Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich, England, Holland) bessere Kennzahlen vorzuweisen. Für andere Nationen wie beispielsweise Österreich kommt die WM seit bald 16 Jahren einer Sperrzone gleich.

Der zweifache Torschüte Fabian Schär (recht) freut sich zusammen mit Valon Behrami (Bild: Keystone)
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Jubel bei Diego Benaglio und seinen Teamkollegen nach dem Spiel. (Bild: Keystone)
Valon Behrami (links) und Steve von Bergen nach dem Spiel. (Bild: Keystone)
Jubel bei den 2000 mitgereisten Fans in Oslo. (Bild: Keystone)
Valentin Stocker (rechts) gegen Espen Ruud. (Bild: Keystone)
Fabian Schär (links) trifft per Kopf zum 1:0. (Bild: Keystone)
Dreh- und Angelpunkt im Schweizer Spiel: Gökhan Inler. (Bild: Keystone)
Rotweisse Stimmung in Oslo. (Bild: Keystone)
Fabian Schär bedankt sich bei den Fans... (Bild: Keystone)
... und schenkt ihnen ein T-Shirt. (Bild: Keystone)
Xherdan Shaqiri (rechts) enteilt Verteidiger Espen Ruud. (Bild: Keystone)
Kopfballduell zwischen Granit Xhaka (links) und Havard Nordtveit. (Bild: Keystone)
Stephan Lichtsteiner (oben) wird von Tom Hogli gebremst. (Bild: Keystone)
Ricardo Rodriguez. (Bild: Keystone)
Fast in Brasilien: Schweizer Fans in Oslo. (Bild: Keystone)
Rund 2000 Fans reisten mit nach Oslo. (Bild: Keystone)
schiesst die Norweger mit zwei Toren ab: Fabian Schär (links) und Haris Seferovic. (Bild: Keystone)
Bild: Keystone
Die Schweizer Startformation in Norwegen. (Bild: Keystone)

Der zweifache Torschüte Fabian Schär (recht) freut sich zusammen mit Valon Behrami (Bild: Keystone)

Zehn Champions-League-Teilnehmer im Team

Dass die Schweiz trotz vergleichsweise geringer Landesgrösse in der global lückenlos verbreiteten Königssportart inzwischen zu den Top 15 des aktuellen FIFA-Rankings zählt und von den letzten sechs erheblichen Endrunden lediglich die EM 2012 (knapp) verpasst hat, ist ein Qualitätsnachweis - vom oft zitierten «Losglück» allein haben die Schweizer nicht gelebt. Unter Hitzfeld fand ein unübersehbarer Entwicklungsprozess statt. Das Torverhältnis von 71:45 in 51 Spielen mit dem früheren «Bayern-General» dokumentiert die Vorzüge des Teams gut. Das Spektrum reicht vom richtigen Pragmatismus bis zur hohen Spielkunst.

Der WM-Titel der U17-Junioren erleichterte den Zugang zur Weltelite zwar nicht, aber Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez und Haris Seferovic setzten im November 2009 ein Signal: «Mit uns Schweizern ist zu rechnen.» Der Vorstoss in den U21-EM-Final folgte, die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London stärkte das Selbstbewusstsein der neuen Generation weiter. Parallel dazu legte auch das A-Team zu. Mittlerweile sind sieben Nationalspieler bei Champions-League-Teilnehmern der wichtigsten Ligen engagiert und waren Fabian Schär, Valentin Stocker und Keeper Yann Sommer vor wenigen Wochen massgeblich an der fünften Qualifikation des FC Basel für die Königsklasse beteiligt.

Der Schweizer Fussball ist en vogue. Im Ausland sind die SFV-Hauptdarsteller selbst im attraktivsten Segment begehrt. Bayern München, Napoli, ZSKA Moskau, Juventus, Real Sociedad haben einen hohen zweistelligen Millionen-Betrag in die SFV-Stars investiert. Der FC Basel ist neben der Landesauswahl die zweite erstklassige Plattform und mitverantwortlich für die hohe Nachfrage. In der europäischen Klubrangliste ist der Schweizer Meister übrigens fünf Positionen vor dem fünffachen Meistercupsieger Liverpool klassiert.

Anschluss nicht verpasst

Im Gegensatz zu anderen Vertretern von relevanten Ballsportarten haben die Schweizer Fussballer den internationalen Anschluss in den letzten 20 Jahren nicht verpasst. Die Schweizer Handballer hingegen sind nahezu zeitgleich mit der ersten Phase des SFV-Aufbruchs jährlich tiefer abgesackt; die letzte EM-Ausscheidung haben sie an 27. und vorletzter Stelle beendet. Im Basketball ist die Schweiz auf Nationalteam-Ebene praktisch bedeutungslos, im Volleyball spielt sie ebenfalls schon seit Jahrzehnten keine Rolle mehr.

Geld ist für die markanten Unterschiede nicht der einzige und zentrale Faktor. Den Fussballern stehen zwar viel mehr Mittel zur Verfügung, die europäische Konkurrenz wird deshalb aber nicht kleiner - im Gegenteil: Selbst die Mittelklasse aus Russland, Schweden oder Dänemark wirtschaftet mit TV-Mitteln in anderen Dimensionen. Zudem ist die (mediale) Erwartungshaltung nicht zu vergleichen mit jener an der sportlichen Peripherie. Der Punktverlust gegen die zweitklassierten Isländer verursachte mehr Schlagzeilen als alle Fehltritte der Handballer der gesamten letzten Dekade.