FUSSBALL: Heynckes: Vom Rentner zum Rettungsanker

Mit dem 72-jährigen Jupp Heynckes soll der Vater des letzten grossen Triumphs den FC Bayern München wieder auf die Erfolgsspur führen.

Sergio Dudli
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Jupp Heynckes soll es beim FC Bayern wieder richten. (Bild: Peter Kneffel/Keystone)

Jupp Heynckes soll es beim FC Bayern wieder richten. (Bild: Peter Kneffel/Keystone)

Es war im Juni 2013, als die Spieler des FC Bayern München auf dem Marienplatz das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League feierten. Ziehvater der erfolgreichsten Saison in der Vereinsgeschichte der Münchner war Jupp Heynckes – zu diesem Zeitpunkt schon im stolzen Traineralter von 68 Jahren. Er verabschiedete sich damals im Moment seines grössten Triumphs in den Ruhestand. Doch wenn sein Freund und Bayern-Präsident Uli Hoeness nun zum Hörer greift, um ihn um einen Gefallen zu bitten, fällt Heynckes das Neinsagen schwer.

Anders lässt es sich nicht erklären, dass der mittlerweile 72-Jährige voraussichtlich vom Rentner zum Retter wird. Noch hat sich Heynckes etwas Bedenkzeit erbeten. Nach seiner ersten Amtszeit auf dem heissen Stuhl bei den Bayern von 1987 bis 1991 gewann er unter anderem 1998 mit Real Madrid die Champions League. Zudem trainierte er zweimal das Team von Athletic Bilbao. Im Jahr 2009 sprang er dann bei Bayern erstmals als Retter ein, da Jürgen Klinsmann fünf Spieltage vor Saisonende entlassen wurde. Heynckes führte das Team noch in die Champions League und verabschiedete sich sogleich wieder – dieses Mal aber nur für zwei Jahre. Denn auch nach der Entlassung seines eigenen Nachfolgers Louis van Gaal war Heynckes zur Stelle.

Aus dem Trainerjob «ad interim» wurde eine Erfolgsgeschichte, die mit dem Triple endete. Zwei Tage nach der Feier auf dem Marienplatz gab er seinen Rücktritt bekannt. Und viele dachten sich: Das war es endgültig. Doch scheinbar sieht er sich verpflichtet, seinem in Not stehenden Verein zu helfen. In der Liga liegen die Münchner nach sieben Spielen fünf Punkte hinter dem Rivalen aus Dortmund. Die 0:3-Niederlage in der Champions League gegen Paris St-Germain schmerzte und führte die Bayern-Bosse zu der bitteren Erkenntnis: Das über Jahrzehnte angehäufte und berüchtigte Festgeldkonto reicht nicht mehr aus, um mit den Investoren aus dem arabischen Raum mitzuhalten. Opfer dieser Erkenntnis war Trainer Carlo Ancelotti. Der italienische «Maestro» konnte das alternde Kader durch seine angeblich laschen Trainingseinheiten nicht mehr auf Topniveau hieven.

Nun soll es also «Feuerwehrmann» Heynckes richten – wie schon 2009 und 2011. Hoeness appelliert an Heynckes’ Gewissen, den Verein in diesen schweren Zeiten nicht im Stich zu lassen. So lockt er seinen Freund aus dessen Haus nahe der holländischen Grenze, wo er sich niedergelassen hatte. Aus Sicht der Bayern ein cleverer Zug: Sie gewinnen mit der Ernennung einer beliebten Clublegende Zeit, um eine langfristige Trainerlösung zu finden. Heynckes aber, der als guter Motivator gilt und die Nähe zu den Spielern sucht, geht ein Risiko ein – denn er ist das Symbol des grössten Erfolgs der Vereinsgeschichte.

Sergio Dudli