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FUSSBALL: Hitzfeld: «Ich traue der Nati den Exploit zu»

Der ehemalige Nationaltrainer und Welttrainer Ottmar Hitzfeld (68) spricht vor Silvester über sein ruhiges Jahr, die bevorstehende Weltmeisterschaft, den Druck beim FC Bayern und von Laptop-Trainern.
Raphael Gutzwiller
Ottmar Hitzfeld am letzten Donnerstag im verschneiten Engelberg. (Bild: Manuela Jans-Koch (28. Dezember 2017))

Ottmar Hitzfeld am letzten Donnerstag im verschneiten Engelberg. (Bild: Manuela Jans-Koch (28. Dezember 2017))

Interview: Raphael Gutzwiller

In Engelberg ist es noch richtig Winter. Meterhoher Schnee bedeckt die im Sommer sonst so grünen Wiesen. Ottmar Hitzfeld fühlt sich in Engelberg wohl, hat dort seit Jahren einen Zweitwohnsitz.

Ottmar Hitzfeld, was bedeutet Ihnen Engelberg?

Bereits als Kind war ich mit meinen Eltern häufig in Engelberg. Damals kamen wir her, um uns zu entspannen und zu wandern. Erst nach meiner Aktivkarriere als Fussballer entdeckte ich das Skifahren. Heute geniesse ich es, zu spazieren und zu golfen. Mit dem Skifahren habe ich aufgehört, ich war sowieso kein guter Skifahrer (lacht).

Auch fussballerisch waren Sie in der Innerschweiz aktiv. Welchen Bezug haben Sie zur Region?

Überall, wo ich während meiner Karriere war, ist für mich ein Stück Heimat. Ich habe als Spieler meine Karriere beim FC Luzern beendet. Danach habe ich beim SC Zug als Trainer eine Chance erhalten und konnte mich dort für den FC Aarau empfehlen. Ich lebte in Adligenswil und fühlte mich mit meiner Familie schon damals sehr wohl hier.

Das Jahr 2017 neigt sich dem Ende zu. Grund, zurückzuschauen. Was lief bei Ihnen im vergangenen Jahr?

Es wird bei mir natürlich immer ruhiger. Im Herbst 2013 habe ich entschieden, dass ich ab Sommer 2014 nicht mehr Trainer sein möchte. Ich habe damals entschieden, keinen Job mehr anzunehmen – egal, was kommt.

Und daran ändert sich immer noch nichts? Ihr Trainerkollege Jupp Heynckes ist mit 72 Jahren ja auch noch einmal Trainer des FC Bayern.

Da müssten Sie mich in vier Jahren also nochmals fragen (lacht). Nein, das ist nicht vorgesehen. Ich hatte in diesem Jahr auch wieder Angebote aus der Bundesliga, das war für mich aber kein Thema. Denn der Entscheid, den ich 2014 getroffen habe, als ich als Nationaltrainer zurückgetreten bin, war richtig. So was weiss man ja immer erst im Nachhinein.

Spürten Sie also gar keine Leere, wie sie viele nach dem Rücktritt aus der Sportwelt haben?

Nein, gar nicht. Als Trainer ist man immer unter Druck, muss Ergebnisse liefern. Es ist schön, einmal abzuschalten und loszulassen. Die Weltmeisterschaft in Brasilien war der perfekte Abschluss.

Wie nah sind Sie noch am Fussball?

Ich verfolge den Fussball intensiv. Der Fussball ist meine Leidenschaft. Ich hatte das grosse Glück, dass ich ihn zum Beruf machen konnte. Nun bin ich Fussballgeniesser. Das jetzige Leben und das Leben als Trainer sind nicht vergleichbar. Als Trainer hat man den Fussball 24 Stunden im Kopf. Wenn man in der Nacht aufwacht, denkt man über die Aufstellung nach. Für mich ist es unglaublich reizvoll, nun eine ruhigere und stressfreie Seite an mir kennen zu ler-nen.

Die Schweizer Nationalmannschaft hat sich für die WM in Russland qualifiziert. Wie ordnen Sie das ein?

Diese Leistung kann man nicht hoch genug einschätzen. Die Nati war unglaublich konstant. Neun Spiele hintereinander zu gewinnen, ist eine unglaubliche Serie. Auch gegen sogenannte kleine Mannschaften muss man die Leistung abrufen können, das gelang in der Qualifikation sehr gut. Das ist ein Verdienst von Trainer Vladimir Petkovic, der die Mannschaft weiterentwickelt hat. Ich habe es selber natürlich intensiv verfolgt, da das Stammteam ausser zwei Spielern (Diego Benaglio und Gökhan Inler, Anm. d. Red.) immer noch das gleiche ist, das an der WM 2014 gegen Argentinien gespielt hat.

Man sagt, es gäbe acht Millionen Schweizer Nationaltrainer, weil jeder Fan alles besser weiss. Denken Sie manchmal auch, dass Sie als Trainer anders aufgestellt hätten?

Nein, überhaupt nicht. Jeder Trainer muss selber entscheiden, er ist viel näher dran als jeder Kritiker oder Fan. Der Trainer hat eine Taktik und einen Plan im Kopf, nach dem er seine Mannschaft aufstellt. Für mich ist das von aussen sehr spannend zu verfolgen.

Was trauen Sie der Schweiz an der Weltmeisterschaft im Sommer zu?

Ich traue der Schweiz durchaus einen Exploit zu. Die Achtelfinals sind für die Schweiz inzwischen Pflicht, was aber nicht einfach zu schaffen ist. Dann hoffe ich, dass mal ein Viertelfinal drinliegt.

Dazu müsste man Brasilien oder Deutschland schlagen.

Brasilien hat die Schweiz ja im ersten Spiel. Das ist ein Vorteil, da weiss man noch nicht genau, wo man steht. Das ist für die Schweiz eine gute Gelegenheit, für eine Überraschung zu sorgen.

Eine Überraschung, wie sie Ihnen 2010 gegen Spanien gelang. Wie schlägt man ein absolutes Topteam?

Dafür müssen viele Faktoren zusammenkommen. Gegen Spanien brauchte es Schlachtenglück, einen Gegner, der vielleicht nur 80 Prozent der Leistung abrief, einen defensiv starken Auftritt mit einem herausragenden Torhüter und beim entscheidenden Treffer etwas Glück. Aber das Potenzial und die Substanz in der Nati sind heute höher als 2010. Für mich ist es die stärkste Schweizer Nationalmannschaft aller Zeiten. Leistungsträger wie die U17-Weltmeister Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez und Haris Seferovic sind im besten Alter.

Da würde es doch wieder reizen, dieses Team an die WM zu führen.

Nein, das ist für mich abgehakt. Diese Überlegung habe ich mir 2014 auch gemacht. Ich habe schon immer gesagt, dass ich mich mit 65 pensionieren lassen möchte. Als Spieler habe ich ältere Trainer auch nicht besonders gemocht.

Da wären wir bei einem aktuellen Thema in der Bundesliga. Auf der einen Seite gibt es erfolgreiche junge Trainer wie den 30-jährigen Nagelsmann bei Hoffenheim und den 32-jährigen Tedesco bei Schalke. Auf der anderen Seite setzen die Topklubs Dortmund mit Stöger und Bayern mit Heynckes auf Altbewährte. Was ist besser?

Ich glaube, das Alter kann teilweise eine Rolle spielen. Viel entscheidender ist aber die Persönlichkeit. Es gibt junge Trainer, die noch wenig Erfahrung haben, aber bereits eine Persönlichkeit sind. Das trifft auf Nagelsmann und Tedesco zu. Auf der anderen Seite weiss Jupp Heynckes genau, wie Bayern funktioniert, er konnte auch das Umfeld beruhigen. Bei Bayern ist es gleich unruhig, wenn man nicht jedes Spiel gewinnt. Da ist Erfahrung entsprechend wichtig.

Ist es viel schwieriger, Trainer des FC Bayern zu sein als Trainer des FC Aarau?

Es ist ein ganz anderes Anforderungsprofil. Wenn ich gleich zu Beginn Bayern trainiert hätte, wüsste ich nicht, wie es herausgekommen wäre. Dabei geht es nicht um Taktik, sondern um das ganze Drumherum. Alleine die Medienanfragen sind immens.

Mehmet Scholl kritisierte kürzlich die junge Trainergeneration als Laptop-Trainer. Sie selber sind Mathematiker. Sind Sie der Vorgänger der Laptop-Trainer?

Laptop-Trainer ist ein Begriff, der überhaupt nicht zutrifft. Jeder Trainer, der Erfolg haben möchte, muss die Menschenführung gut anwenden. Er muss die Teambildung hinkriegen, muss 25 Spieler bei Laune halten können. Er muss auch das Gespür haben, wann es der richtige Zeitpunkt ist, einem schwächeren Spieler eine Chance zu geben.

Im letzten Jahr wurde der Video­beweis eingeführt. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Ich finde es generell eine gute Entwicklung. Auch wenn nicht alles geklappt hat, hat man in dieser Bundesliga-Hinrunde etwa 40 Fehlentscheide korrigieren können. Der Videobeweis macht das Spiel gerechter. Er ist für alle neu und braucht seine Zeit. Ich fände es gut, wenn der Videobeweis auch an der Weltmeisterschaft angewendet würde.

Sie machen Talks zu Themen wie Motivation, Leadership und Teambildung. Was hat es damit auf sich?

Darin geht es um mein Empfinden von Menschenführung. Ich erzähle, was mir wichtig war, um mein Team zu führen. Im Prinzip habe ich meine Mannschaften immer gleich geführt.

Wie?

So wie ich selber geführt werden wollte – mit Empathie und Respekt. Als Trainer muss man in jeglicher Hinsicht ein Vorbild für die Spieler sein.

Das waren Sie nicht immer, wenn man sich an den Stinkfinger-Skandal zurückerinnert. Mussten Sie sich da vor den Spielern rechtfertigen?

Nein, für die Spieler war es interessant, dass dem strengen Trainer auch mal eine Entgleisung passiert. Sie haben es mit Humor aufgefasst. Als Trainer frisst man viel in sich hinein und macht die Faust im Sack, weil man ein Vorbild sein möchte.

An Ihren Talks nehmen vor allem Firmenchefs teil. Kann man eine Firma eins zu eins mit einer Mannschaft vergleichen?

Eins zu eins sowieso nicht. Jeder Chef muss seine Angestellten so führen, dass er authentisch rüberkommt. Aber die Werte sind gleich wie in einer Mannschaft. Zum einen zählt die Leistung, zum anderen geht es um Menschlichkeit. Man kann nur ein starkes Team haben, wenn sich jeder einordnet. Es funktioniert nicht, wenn sich einer etwas herausnimmt und das vom Chef geduldet wird. Der Chef muss konsequent sein.

Wie feiern Sie eigentlich Silvester?

Wir feiern gemütlich hier in Engelberg im «Schwyzerhüsli».

Haben Sie Neujahrsvorsätze?

Ich versuche immer, das Beste aus meinem Leben zu machen und glücklich zu sein. Das ist ein permanenter Auftrag, dazu brauch ich Silvester nicht.

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