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FUSSBALL: Johan Djourou spürte «Druck, Druck, Druck – jeden Tag»

An Johan Djourou scheiden sich die Geister: Die einen sehen in ihm den Unsicherheitsfaktor in persona, die anderen den sympathischen Genfer, der einst mit Thierry Henry bei Arsenal spielte. Beides greift wohl zu kurz.
Christian Brägger, Lausanne
In der Nati hat er Grund zum Strahlen, beim HSV ist er in Ungnade gefallen: Johan Djourou. (Bild: Cyril Zingaro/Keystone (Lausanne, 20. März 2017))

In der Nati hat er Grund zum Strahlen, beim HSV ist er in Ungnade gefallen: Johan Djourou. (Bild: Cyril Zingaro/Keystone (Lausanne, 20. März 2017))

Christian Brägger, Lausanne

sport@luzernerzeitung.ch

Johan Djourou trägt sein Haar neuerdings blond. Weil er eine Wette verloren hat, die er nie und nimmer zu verlieren glaubte. Er tippte auf Hillary Clinton als neue Präsidentin der USA. Seine Ehefrau hielt dagegen und setzte auf Donald Trump. Es muss lustig zu- und hergehen im Hause Djourou, in der Welt des Fussballprofis, der mit 17 Jahren beim Traditionsclub Arsenal debütierte, aber jetzt in der Bundesliga bei Hamburg nicht mehr zum Zug kommt. Die Welt des Schweizer Nationalspielers, der in elf Jahren 66-mal auflief und zwei Tore erzielte, ist geprägt von seiner Kindheit. Djourou ist ein Adoptivkind und wuchs nur 17 Monate bei der leiblichen Mutter auf.

Djourous Vater lebte in Genf mit seiner weissen Ehefrau, einer Schweizerin, als er öfters ferienhalber in der Heimat weilte, der Elfenbeinküste. Er pendelte zwischen diesen Welten, es kam in Abidjan zu einer Affäre, und daraus entstand der kleine «Joe». Irgendwann beichtete der Vater seiner Ehefrau, mit der er kinderlos geblieben war, die Existenz des Sohnes, sie zeigte Grösse und verzieh. «Ich glaube, sie hatte es herausgefunden», sagt Djourou. Weil die Zeiten für die leibliche Mutter in dem politisch instabilen Land schwierig waren, entstand der Plan, «Joe» nach Genf zu holen, damals war dieser 17 Monate alt. Der Plan wurde Tatsache, die neue Mutter war nun weiss, sie adoptierte ihn. «Das war doch eine unglaubliche Geste von ihr. Ich bin zu hundert Prozent Schweizer und zu hundert Prozent Afrikaner.»

Schwierige Zeiten in Hamburg

Seit dreieinhalb Jahren und noch für zwei Monate ist Djourous Fussballwelt Hamburg, dann endet für den 30-Jährigen ein fast ununterbrochener Existenzkampf um den Verbleib in der Bundesliga. Eine Zeit, die geprägt ist von «Druck, Druck, Druck, und das jeden Tag», sagt er. «Acht Trainer habe ich hier gehabt, dazu drei Sportchefs, das sagt schon alles, es war für keinen einfach hier. Und ich bin noch einer, der stark im Kopf ist.» Zweimal mussten die Hamburger in die Relegation, beide Male konnten sie sich retten, ehe die vergangene Saison mit dem zehnten Schlussrang Zuversicht auslöste. Sie war fehl am Platz. Denn schon in dieser Saison geht es wieder turbulent zu und her. Der Trainer wurde entlassen, es folgte Markus Gisdol, doch Hamburg steht wieder auf dem Relegationsplatz, und Djourou ist in Ungnade gefallen. Die Rückrunde war schwierig für ihn, zuerst war er leicht angeschlagen, und dann, gegen die Bayern, warf Gisdol ihn ins kalte Wasser. Hamburg verlor 0:8, und Djourou war der Sündenbock. «Dabei waren alle schlecht», sagt er.

Doch die Signale waren im Herbst schon nicht gut in Hamburg, und der Coach nahm dem Innenverteidiger die Captainbinde weg, ihm, dem von der Mannschaft Gewählten. Die Hanseaten hatten damals soeben erstmals in der Dreierkette gespielt, 2:5 hatten sie in Dortmund verloren, und Djourou sagte den Medien: «Wir haben die Dreierkette zwei Tage lang trainiert, natürlich fehlen die Automatismen. Aber wir sind Profi genug, trotzdem in einer Dreierkette zu spielen, wenn der Trainer dies verlangt.» Danach hiess es, Djourou desavouiere Gisdol, es kam zum Bruch.

Höhepunkt zu Beginn der Karriere

Der Verteidiger sagt, die Absetzung sei für ihn kein Problem gewesen, weil nur die Mannschaft zähle. Zumal es in der offiziellen Version hiess, Gisdol wolle mit einem neuen Captain eine neue Kultur ins Team bringen. Als er nicht mehr spielte, war das Thema in den Medien sofort gross, «viel zu gross». Djourou wäre in der Winterpause gerne gewechselt, die USA und Crystal Palace in England lockten, doch es klappte nicht. Auch aus Hamburg hiess es, man brauche ihn.

Doch was könnte die Zukunft noch bringen für einen, der als 16-Jähriger den Heimclub Etoile Carouge verliess, um bei Arsenal Profi zu werden, und mit den Londonern 140 Pflichtspiele absolviert hat? Für einen, der mit Jens Lehmann, Thierry Henry oder Robin van Persie gespielt hat? Djourou sagt: «Es kann noch sehr viel kommen.» Djourou sagt das nicht so einfach daher, man glaubt ihm. Er ist einer, der reflektiert und sich nervt, dass Fussballer in Klischees gedrückt werden: «Es heisst dann, der Fussballer habe viele Autos, schöne Frauen und verdiene zu viel. Doch die Leute kennen seine Geschichte nicht, und das ist doch das Problem.» Es fehle manchmal der Respekt. Und gar zu schnell gehe vergessen, was man einmal geleistet habe. Vladimir Petkovic sei hier das Gegenteil, der Schweizer Nationaltrainer vergesse nicht, was einmal gut war. Nicht wie jene Schweizer Anhänger, die Djourou oft auf den einen Fehler reduzieren. «Leider bin ich Verteidiger, da hast du nicht so viele Aktionen, die man bemerkt. Und dann bleibt halt das Negative haften. Auch die Schweizer Medien verhalten sich manchmal ein wenig komisch mir gegenüber.»

Auch weiss Djourou, dass er manchmal ungelenk wirkt, doch er sagt, er sei ein guter Fussballer, weil er durch die Arsenal-Schule gegangen sei. Seit elf Jahren spielt Djourou für die Schweiz, drei Trainer hat er erlebt und zuletzt zwei starke Endrunden gezeigt. Was war das Prägendste in all der Zeit? Djourou überlegt lange, dann sagt er: «Diese unnötige Diskussion um die Identifikation. Die Schweiz war immer multikulturell, ich dachte, wir seien hier weiter.»

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