FUSSBALL: «Keine Streicheleinheiten mehr»

Die apathischen Schweizer Auftritte in den EM-Testspielen gegen Bosnien-Herzegowina (0:2) und Irland (0:1) haben Kopfschütteln und Sorgenfalten ausgelöst. Eine Umfrage bei Experten.

Turi Bucher
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Hängende Köpfe bei den Schweizern: Ricardo Rodriguez nach dem 0:1 in der 14. Minute gegen Bosnien-Herzegowina: (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Hängende Köpfe bei den Schweizern: Ricardo Rodriguez nach dem 0:1 in der 14. Minute gegen Bosnien-Herzegowina: (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Die Konstellation der Gruppenspiele an der EM wird dem momentan formschwachen Schweizer Nationalteam womöglich entgegenkommen. Die Schweiz weiss, dass sie es in den ersten beiden Partien gegen Albanien und Rumänien richten muss, bevor sie dann zum Abschluss der Gruppenphase noch auf Frankreich trifft.

Die aktuelle Prognose für das Spiel gegen die Franzosen: keine Chance für die Schweiz! Womöglich reichen der Schweizer Mannschaft von Trainer Vladimir Petkovic allerdings schon vier Punkte fürs Weiterkommen.

Der ehemalige Nationalverteidiger Andy Egli, heute TV-Experte, wenns um Schweizer Europa-League-Auftritte geht, sagt beispielsweise: «Wenn Frankreich vor dem letzten Spiel schon als Gruppensieger dasteht, dann liegt für die Schweiz sogar gegen die Franzosen etwas drin.»

Und das sagen ehemalige Cracks des Nationalteams nach den beiden misslungenen Tests:

  • Andy Egli (57 Jahre/77 Länderspiele):«Der Wunsch nach positiven Resultaten beziehungsweise nach einem gestärkten Selbstvertrauen wurde nicht erfüllt. Klar, Europameister wird die Schweiz nicht, gleichzeitig habe ich aber keine Bedenken für die EM-Gruppenphase: Das Schweizer Team ist dazu befähigt, die Gruppenphase zu überstehen. Deshalb ist es unangebracht, nun mit Kanonen auf die Verantwortlichen zu zielen.Dem Nationalcoach rate ich deshalb:cool bleiben! Die Schweizer Nationalmannschaft ist zu Überragendem fähig und kann plötzlich auch wieder ganz bieder daherkommen. Die Wahrheit, die dürfte in der Mitte zu finden sein. Dass jetzt die Rufe nach Gökhan Inler wieder ertönen, ist Quatsch. Wenn er in seinem Klub in England nicht spielt – keine Chance fürs Nationalteam.»
  • Georges Bregy (58/54): «Gegen Irland wars schwach, gegen Bosnien-Herzegowina ein bisschen besser. Ich habe das Engagement vermisst;der Wille, unbedingt diese beiden Spiele gewinnen zu wollen, war nicht zu spüren. Wissen Sie, wieso wir 1994 an der WM eine Einheit waren? Weil wir praktisch jedes Spiel mit den gleichen elf Spielern begonnen haben. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das aktuelle Nationalkader aus zwei, drei Grüppchen besteht. Wenn Inler in England nicht spielt, ist er für die Nati kein Thema. Aber Fabian Lustenberger, der seit Jahren in der Bundesliga spielt, hätte eine faire Chance verdient. Was soll die Schweiz nun tun? Nehmen wir Weltmeister Deutschland als Beispiel: Der hat sich nach dem 2:3 gegen England um 300 Prozent aufgerichtet und mit einem 4:1 gegen Italien alle möglichen Probleme in die Schublade gesteckt.»
  • Stéphane Chapuisat (46/103):«Viele Schweizer Spieler sind noch nicht in Topform, das zeigen auch die Partien in ihren Vereinen. Es ist legitim und logisch, dass der Nationaltrainer in der Testphase diverse Spieler und Konstellationen ausprobiert. Wenn Xherdan Shaqiri wieder mit dabei ist, wird die Schweiz mit einer guten Mannschaft an die EM reisen. Für den Nationaltrainer ist jetzt wichtig, dass die Spieler in ihren Klubs viele Einsätze haben und zu ihrer Topform finden.»
  • Kudi Müller (67/38): «Ich bin sehr enttäuscht von den beiden Schweizer Auftritten, das war unter allerKanone. Die Schweiz hat nicht gezeigt, dass sie bereit ist, in den EM-Kampf einzusteigen, hat sich weder gegen Irland noch gegen Bosnien-Herzegowina richtig aufgebäumt. Shaqiri fehlt, er ist einer, der den Unterschied ausmachen kann. Aber Nationaltrainer Petkovic muss jetzt auf den Tisch klopfen und seinen Spielern den Tarif erklären. Die Zeit der Streicheleinheiten ist vorbei. Es ist halt so: Der Trainer muss für die Spieler unbequem sein.»
  • André «Bigi» Meier (65/10):«Mental waren die Nationalspieler für diese beiden Spiele nicht bereit, sie konnten keine positive Stimmung entfachen. Einer wie Granit Xhaka hätte das Feuer entfachen sollen, aber er ist im Gegenteil auf die Bremse getreten. Für mich gehört einer wie der Luzerner Fabian Lustenberger mit an die EM, er könnte die Abwehr stabilisieren. Trotz den beiden Niederlagen: Ich bin überzeugt davon, dass die Schweiz an der EM ganz anders auftreten wird.»

Nati-Programm

22. Mai bis 3. Juni: Trainingslager im Tessin.

28. Mai: Testspiel Schweiz - Belgien in Genf.

31. Mai: 23-Mann-Kader muss gemeldet werden.

3. Juni: Testspiel Schweiz - Moldawien in Lugano.

6. Juni: Abreise zur EM nach Montpellier.

10. Juni bis 10. Juli: EM-Endrunde mit Albanien - Schweiz in Lens (11. Juni), Schweiz - Rumänien in Paris (15. Juni), Schweiz - Frankreich in Lille (19. Juni).