Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

FUSSBALL: Königsberger Klops

In Kaliningrad hat man das WM-Stadion auf eine Sumpfinsel gebaut. Ein sündhaft teures und wuchtiges Bauwerk, in dem vorerst nur 2.-Liga-Fussball stattfinden wird.
Stefan Scholl, Kaliningrad
Wie ein riesiges UFO, das auf der Osterinsel gelandet ist: die Arena in Kaliningrad. (Bild: Nikolai Kharchenko/AP (11. April 2018))

Wie ein riesiges UFO, das auf der Osterinsel gelandet ist: die Arena in Kaliningrad. (Bild: Nikolai Kharchenko/AP (11. April 2018))

Die Nacht dämmert, die weissen Membranwände der Arena glimmen auf, aus der Ferne wirkt das Stadion Kaliningrad jetzt wie ein riesiges UFO, das auf den Ebenen der Oktoberinsel gelandet ist. Aber drinnen schwillt sehr irdischer Lärm, die Ultras hinter dem Gästetor skandieren «Baltika, Baltika», nach der nächsten vergebenen Chance stimmt das ganze Stadion ein, La Ola schwappt durchs Rund. Das Spiel zwischen dem FK Baltika Kaliningrad und dem FC Chimki rumpelt einem frustrierenden 0:0 entgegen, aber die fast 26 000 Zuschauer feiern. Sie feiern ihr neues Stadion, die tolle Akustik, sie feiern den Fussball als Hoffnung.

Am 14. Juni startet die WM in Russland. Kaliningrad, das frühere Königsberg, gehört zu den elf Austragungsorten. Hier tritt am 22. Juni auch die Schweiz zum wohl entscheidenden Gruppenspiel gegen Serbien an. Im mit 35 200 überdachten Plätzen kleinsten Stadienneubau, aber auch kostspieligsten. Böse Zungen verspotten das Bauwerk auf der sumpfigen Oktoberinsel als Schildbürgerstreich. Aber die Fussballfans hier hoffen auf ein neues Leben nach der WM.

Gouverneur Anton Alichanow trägt einen roten Trainingsanzug mit Nationalwappen, als er vor dem Anpfiff die Pressetribüne inspiziert. Alichanow, mit 31 Jahren Russlands jüngster Gebietsgouverneur, hat gesagt, um die Arena rentabel zu machen, müsse dort nach der Weltmeisterschaft eine Premierliga-Mannschaft kicken. Es gelte aufzusteigen, wenn nicht diese, dann nächste Saison. Die Frage, ob das Stadion auch ohne Unterstützung eines grossen Sponsors den Verein ernähren könne, ärgert den Gouverneur. «Es gibt auf der Welt keinen grossen Klub ohne grossen Sponsor», sagt er. «Ich verstehe nicht, worin sich Russland da von anderen Ländern unterscheiden soll.»

Nur 21 Millionen Euro aus Fernseheinnahmen

Natürlich haben auch westliche Profiklubs Sponsoren. Aber die sind meist nicht ihre Haupteinnahmequellen. So teilen sich die Vereine der Deutschen Fussballliga jährlich 1,16 Milliarden Euro aus TV-Rechten. Die Fernseheinnahmen der russischen Premjerliga betragen gerade 21 Millionen Euro. Ohne Gasprom, Lukoil oder die russische Eisenbahn als Geldgeber spielt in Russland kein Klub oben mit. Alichanow sagt: «Es wird Sponsoren geben.»

Wie auch andere russische Offizielle betont der Gouverneur, man wolle die beste aller Fussball-WM ausrichten, noch wichtiger aber sei die Infrastruktur, die sie hinterlasse. Ohne Aufstieg könnte diese Infrastruktur allerdings eine Nummer zu gross sein.

Die Oktoberinsel hiess früher Lomse, altpreussisch so viel wie schwankendes Land. Den Westzipfel dieser Sumpfinsel bebauten die Preussen, gerade wird dort die 1938 zerstörte Synagoge neu errichtet. Jetzt fühlt sich der Boden vor dem Stadion statt nach Sumpf nach Steppe an. «Aber das Stadium ist auf Sumpf gebaut», sagt der Spaziergänger Stanislaw, ein pensionierter Ingenieur. «Deshalb haben sie Unsummen ausgegeben, 24 Meter lange Betonpfeiler in die Erde gerammt, die waren zu kurz, mussten mehrfach verlängert werden.»

Das Stadion war teuer. Knapp 11 Millionen Euro kassierte die Omsker Baufirma Mostowik nur für die Projektierung, laut der Aufsichtsbehörde Glawgosekspertisa dreimal mehr als nötig. Beim Trockenlegen der Insel karrten Subunternehmer viel weniger und schlechteren Sand heran als vereinbart. Allein die Firma GlobalElektroServis des inzwischen verhafteten Dol­lar­milliardärs Sijawudin Magomedow soll so 10 Millionen Euro unterschlagen haben.

Kaliningrad mangelt es an Grosskonzernen

Finanziell geriet die wuchtige Arena zum Königsberger Klops, 235 Millionen Euro teuer. Ein vergleichbares Bauwerk, das Tivoli-Stadion im westdeutschen Aachen, 33 000 Zuschauerplätze, kostete 46 Millionen Euro – und riss den Zweitligaverein Alemania Aachen in den Konkurs.

Zwei Spieltage später ist klar: Der FK Baltika steigt nicht auf. Der Saisonetat von nur 3 Millionen Euro, laut dem Fachportal soccer.ru dem viertkleinsten aller Zweitligisten, reichte nur für den fünften Platz. «Für die Premjerliga brauchst du eine gute Milliarde Rubel», sagt Vereinssprecher Sergei Kandalow, also 13,5 Millionen Euro. Man verhandle wirklich mit einem nationalen Grossunternehmen als neuem Sponsor – aber ohne Aufstieg sei der Ausgang dieser Verhandlungen fraglich. Es klingt nach Teufelskreis.

Das alte Baltika-Stadium im Stadtzentrum hiess früher Walter-Simon-Sportplatz, 1892 eröffnet, Russlands ältestes Fussballstadion. Auf der Haupttribüne warten Konstantin und einige andere Mitglieder des Fanklubs Baltizy. Sie gehören zu den etwa 150 weiss-blauen Ultras, die bei den ersten Spielen die ganze Arena zum Skandieren brachten. Auf der Flagge, die sie ausbreiten, steht noch der alte Name ihres Fanklubs: Königslegion. «Vor einigen Jahren hatten wir Rosatom als Sponsor», erzählt Konstantin, «weil in der Region ein Atomkraftwerk gebaut wurde.»

Aber 2014 wurde das Projekt eingefroren – und so auch die Ros­atom-Hilfe für Baltika. Es mangele Kaliningrad einfach an Grosskonzernen und deshalb an einem stabilen Sponsor für den Klub. Aber die «Baltizy» hoffen, dass Baltika es nächste Saison schafft – mit oder ohne Grosssponsor. «Das neue Stadion ist eine Pracht», sagt einer. «Da darf man eigentlich nicht schlecht spielen.» Die Männer haben sich zuerst einmal Karten für die WM-Spiele gekauft.

Stefan Scholl, Kaliningrad

sport@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.