FUSSBALL: Lajos Detari: «Wir brauchen noch Geduld»

Lajos Detari war 1986 der bisher letzte ungarische WM-Torschütze. Die Hoffnung, dass sich das bald ändert, gibt er nicht auf. Weniger Optimismus hat er vor dem Spiel von Ungarn gegen die Schweiz (Samstag, 20.45).

Cyril Aregger
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Lajos Detari (rotes Trikot) im WM-Qualifikationsspiel Ungarn – Griechenland. Die Partie endete 0:1. (Bild: Ben Radford/Getty (Budapest, 31. März 1993))

Lajos Detari (rotes Trikot) im WM-Qualifikationsspiel Ungarn – Griechenland. Die Partie endete 0:1. (Bild: Ben Radford/Getty (Budapest, 31. März 1993))

Cyril Aregger

cyril.aregger@luzernerzetiung.ch

Lajos Detari hat viel von der (Fussball-)Welt gesehen. Der heute 54-jährige Ungar spielte als offensiver Mittelfeldspieler bei zahlreichen Klubs im Ausland (siehe Kasten). Seit dem Ende seiner Spielerkarriere ist der 61-fache Internationale als Trainer tätig, derzeit jedoch ohne Vertrag. Sein Länderspiel-Debüt gab er übrigens 1984 in einem Testspiel gegen die Schweiz. Das Resultat damals: 3:0 für Ungarn.

Auf ein ähnliches Ergebnis wagt Detari am Samstag beim vorletzten WM-Qualifikationsspiel in Basel nicht zu hoffen. Die Schweiz sei Topfavorit, sagt er. 24 Punkte aus 8 Spielen sprächen eine deutliche Sprache. Auch die knappe Niederlage Ungarns im Hinspiel – Valentin Stocker schoss am 7. Oktober 2016 das 3:2-Siegtor in der 89. Minute – will Detari nicht als Fingerzeig für das kommende Spiel verstanden wissen. «Das war tatsächlich eine unglückliche Niederlage, ein Unentschieden wäre möglich gewesen», sagt er zwar rückblickend. «Aber das ist schon lange her.»

«Platz vier wäre eine Katastrophe für Ungarn»

Dabei starteten die Ungarn mit einigen Hoffnungen in die Kampagne. Mit der EM 2016 in Paris qualifizierte man sich erstmals seit der WM 1986 wieder für einen fussballerischen Grossanlass. Nach dem Gruppensieg bedeuteten die starken Belgier im Achtelfinal das Aus für die Ungarn. Und in der WM-Qualifikation? «Wir haben gehofft, wir könnten mit Portugal und der Schweiz um die ersten beiden Plätze mitspielen», sagt Detari, Ungarns letzter WM-Torschütze beim 2:0-Sieg gegen Kanada. «Doch nun können uns die Färöer sogar noch vom dritten Platz verdrängen. Das wäre eine Katastrophe für den ungarischen Fussball.»

Die Gründe dafür sieht Detari einerseits im Umbruch, den die Mannschaft nach der Europameisterschaft vollziehen musste. Verdiente Spieler, zum Beispiel Torhüter Gabor Kiraly, gaben ihren Rücktritt bekannt, andere traten ins zweite Glied zurück. «Gerade Spieler wie Kiraly waren auch für den Zusammenhalt des Teams enorm wichtig», weiss Detari. Zudem sei mit ihnen auch einiges an internationaler Erfahrung verloren gegangen. Ungarn hat derzeit kaum Spieler in europäischen Top-Ligen. Die Bundesliga-Profis Peter Gulasci (Leipzig, Tor) und Adam Szalai (Hoffenheim, Angriff) sind zusammen mit Mittelfeldspieler Adam Nagy von Bologna die Ausnahme. Nagy hat diese Saison allerdings noch kein Spiel in der Serie A bestritten. Kein Vergleich zur Schweiz, sagt Detari. «Sie hat überall Spieler bei guten Klubs – und diese gehören dort oft auch zu den Leistungsträgern. Auch Ungarn müsste fünf, sechs solcher Spieler haben, um konkurrenzfähig zu sein.»

Junge Spieler, die nach Schweizer Vorbild den Weg in die grossen Ligen Europas finden können, sieht Detari derzeit aber kaum. Obwohl die ungarische Liga keine Topliga sei, hätten die jungen Spieler schon Mühe, sich in der heimischen Meisterschaft durchzusetzen. Auch weil viele ausländische Spieler die Stammplätze besetzten, sagt Detari.

Die Last der «goldenen Mannschaft»

Trotzdem. Schwarzmalen will er für die Zukunft des ungarischen Fussballs nicht. «Auch bei uns gibt es mittlerweile Ausbildungszentren für junge Spieler. Es wird in die Entwicklung investiert.» Bis sich dies auszahle, «brauchen wir aber noch etwas Geduld. Fünf, sechs Jahre mindestens», glaubt Detari, der selber mit dem Gedanken spielt, eine Fussballschule für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren zu eröffnen. «Das wäre eine spannende Arbeit. Denn in diesem Alter wird die technische Basis gelegt», ist er überzeugt. «Und ohne diese Grundlagen schafft es niemand in eine Top-Liga.» Hat ­Detari dann gar die Hoffnung auf eine neue «goldene Mannschaft» wie jene um Ferenc Puskas in den 1950er-Jahren? Detari winkt ab. Diese Mannschaft, Vizeweltmeister 1954 und vor dem «Wunder von Bern» vier Jahre lang ungeschlagen, und ihre Spieler seien zwar unbestrittene Helden. Die grosse Vergangenheit sei aber auch ein Problem: «Noch heute sprechen alle von dieser Mannschaft. Aber diese Zeit ist vorbei», sagt er. «Wir müssen über heute, morgen und übermorgen sprechen. Nur das – und harte Arbeit – bringt uns weiter!»

Die Frage nach dem Weiterkommen stellt sich aber zunächst einmal für Portugal und die Schweiz. Detari vertraut dabei den Schweizer Defensivkünsten im voraussichtlich alles entscheidenden Spiel in Portugal am Dienstag (20.45 Uhr). «Ungarn war bisher das einzige Team, ­ das mehr als ein Tor gegen die Schweiz erzielen konnte», stellt er anerkennend fest. «Deshalb würde ich sagen, die Chancen der Schweiz auf die direkte WM-Qualifikation liegen bei 80 Prozent – wenn sie am Samstag gegen Ungarn gewinnt.»