FUSSBALL: Lichtsteiner: «Ich erwarte, dass wir unser Offensivspiel verbessern»

Der Adligenswiler Stephan Lichtsteiner (30) ist auch unter dem neuen Nationaltrainer Vladimir Petkovic ein Führungsspieler. Ein Gespräch über Erwartungen und die WM 2014.

Interview Andreas Ineichen, Feusisberg
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Der Adligenswiler Stephan Lichtsteiner prophezeit für das EM-Quali-Spiel gegen England taktische Änderungen. (Bild: Keystone / M. Christen)

Der Adligenswiler Stephan Lichtsteiner prophezeit für das EM-Quali-Spiel gegen England taktische Änderungen. (Bild: Keystone / M. Christen)

Stephan Lichtsteiner, bei Ihrem Arbeitgeber Juventus Turin und in der Schweizer Nationalmannschaft spielen Sie gleichzeitig unter einem neuen Trainer. Wie würden Sie Ihre Ausgangslage beschreiben: als spannend? Als herausfordernd?

Stephan Lichtsteiner: Beides trifft zu. Ich hatte das Glück, für drei Jahre bei Juventus und für sechs Jahre in der Schweizer Nationalmannschaft den gleichen Trainer zu haben. Das heisst, dass wir Erfolg hatten und auf einer guten Basis arbeiten konnten. Jetzt habe ich zwei sehr gute, neue Trainer, unter denen ich mich weiterentwickeln kann. Das bedeutet für mich, Vollgas zu geben – eigentlich so, wie immer.

Sie sind ein Spieler mit einem hohen Status. Ist darum ein Neubeginn erst recht eine Herausforderung?

Lichtsteiner: Ich glaube nicht, dass man als arrivierter Spieler bei einem neuen Trainer bei null anfängt, denn was ich geleistet und erreicht habe, kann man nicht einfach vergessen. Aber ein Neubeginn ist eine Chance für andere Spieler, die sich zeigen und ins Team spielen können. Aber mit einem gewissen Status wird sich bei einem neuen Trainer nicht viel ändern, solange man gut spielt.

Wie sehen Ihre ersten Eindrücke aus, die Sie vom neuen Nationaltrainer Vladimir Petkovic gewonnen haben?

Lichtsteiner: Es ist nach drei Tagen halt alles noch ein bisschen frisch. Aber ich kenne ihn von der italienischen Liga und weiss, dass er ein sehr guter Trainer ist. Bei Lazio hat er grossen Erfolg gehabt. Ich hatte bisher einen sehr guten Eindruck von ihm, er ist sehr gut vorbereitet. Auf dem Platz gibt er uns zu spüren, wie viel Freude es ihm bereitet, die Trainings zu leiten.

Was hat es schwierig gemacht, gegen ein von Petkovic gecoachtes Lazio zu spielen?

Lichtsteiner: Mit Juventus haben wir immer das Spiel gemacht, aber gegen Lazio den einen oder andern Punkt verloren, aber eigentlich vor allem wegen mangelnder Chancenauswertung. Wir verloren im Cup gegen Lazio (Cupsieger 2012/13), auch aufgrund der Tatsache, dass wir viele Spieler geschont hatten, aber von zehn Matches gegen Lazio hätten wir in der Regel mit unserer Spielweise deren neun gewonnen, aber an diesem Tag wollte es nicht klappen. Aber das gehört einfach zum Fussball.

Was für einen Fussball erwarten Sie denn von Petkovic künftig in der Nationalmannschaft?

Lichtsteiner: Dass wir unser Offensivspiel verfeinern und verbessern, dass wir mit unserer Abwehr höher stehen. Das hat an der WM nicht perfekt geklappt. In den Phasen, in denen wir offensiv standen und versuchten, das Spiel zu machen, und dann den Ball verloren, ist es oft zu einer Grosschance für den Gegner gekommen. Das werden wir unter Petkovic ausmerzen müssen.

Wie?

Lichtsteiner: Dass wir in der Defensive schon präventiv denken, wenn wir angreifen. Und das heisst, dass wir als Verteidiger näher bei den Stürmern stehen, dass wir schon in der Zone sind, in der wir sein müssen, bevor der Gegner den direkten Konter initiieren kann. Es ist wichtig, dass man als Team nicht immer 80 Meter von vorne nach hinten und wieder zurück laufen muss. So, dass man den Ball früher abfangen und den nächsten Angriff lancieren kann. Das ist dann vor allem gegen die sogenannt kleineren Gegner wichtig, schliesslich können auch diese Fussball spielen. Aber mit Kompaktheit können wir Kräfte sparen, den Gegner permanent unter Druck setzen und ihm die Luft abschneiden, sodass es mental und physisch schwierig gegen uns wird. Diese Qualitäten haben wir allemal.

Gehen Sie davon aus, dass sich gegen England taktisch viel ändern wird?

Lichtsteiner: Es wird sich sicher etwas ändern. Ein neuer Trainer hat neue Ideen, und das präventive Verteidigen hat er schon ein paar Mal angesprochen. Da können wir grosse Fortschritte machen. Spielerisch sind wir ein hervorragendes Team, das haben wir gegen grosse Mannschaften gezeigt, in der WM-Qualifikation und an der WM, aber da gilt es noch Details zu verfeinern. Aber in dieser Beziehung sind wir schon sehr gut aufgestellt. Das präventive Verteidigen müssen wir zu 100 Prozent im Kopf haben, auch wenn der Ball weit weg ist.

Wie haben Sie das WM-Aus verdaut?

Lichtsteiner: Gut, wir spielten ein hervorragendes Turnier, und als wir aus Brasilien zurückkamen, war die ganze Schweiz happy. Von allen Seiten wurde uns gratuliert. In diesem Gefühl verbrachte ich sehr schöne Ferien. Wenn man seine Heimat zufrieden machen kann, gibt einem das Mut für die EM-Qualifikation, Grosses zu erreichen.

Denken Sie manchmal zurück an den WM-Achtelfinal gegen Argentinien?

Lichtsteiner: Das war ein schöner Match, sehr streng auch. Wir liessen fast keine Chance zu. Der Match gibt uns Zuversicht, aber er war eigentlich auch nichts Neues für uns, weil wir gegen die ganz Grossen meist gut ausgesehen hatten. So konnten wir gegen Argentinien tief stehen und mussten nicht präventiv verteidigen, das macht es für uns einfacher. Diesen Fortschritt müssen wir nun machen, wir haben nicht eine überwiegende Mehrheit von Spielern, die es sich in 40 von 50 Pflichtspielen gewohnt sind, das Spiel in des Gegners Hälfte zu machen.

Und die Szene kurz vor Ende der Verlängerung: Hätten Sie den Ball besser weggehauen?

Lichtsteiner: Was heisst weggehauen? Der Ballverlust passierte an der Mittellinie, nicht direkt vor dem Tor. Das war ein Fehler, der zu vermeiden gewesen wäre. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir mit unseren Qualitäten den Ball nicht immer wegschlagen, sondern spielen sollten. Und da passieren halt mal Fehler.

Wir haben jetzt zweimal nachgefragt, bis Sie selber auf Ihren Fehler zu sprechen kamen. Gehört es zu einem erfahrenen und erfolgreichen Spieler, solche unerfreulichen Erfahrungen schnell abzuhaken?

Lichtsteiner: Ambitionierte Spieler wie ich denken vor allem an die negativen Sachen, vor allem an die Spiele, in denen es nicht so gut gelaufen ist, damit man sich und die Mannschaft selber weiterbringen kann. Das hilft der Entwicklung.