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FUSSBALL: Machtkampf in der Fifa spitzt sich zu

Während Fifa- Präsident Gianni Infantino ein Verfahren der Ethik- kommission droht, wird die Kritik an Ex-Chefaufseher Domenico Scala immer lauter. Dieser habe zu wenig gegen Lohnexzesse unternommen.
Jürg Ackermann
Fifa-Präsident Gianni Infantino. Hier ist er mit der Copa-America-Trophäe am Final Argentinien gegen Chile Ende Juni im US-amerikanischen New Jersey zu sehen. (Bild: EPA/Jason Szenes)

Fifa-Präsident Gianni Infantino. Hier ist er mit der Copa-America-Trophäe am Final Argentinien gegen Chile Ende Juni im US-amerikanischen New Jersey zu sehen. (Bild: EPA/Jason Szenes)

Jürg Ackermann

In einem waren sich die Fifa-Beobachter nach der Ära Blatter einig. Nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre werde mit Gianni Infantino an der Spitze vor allem eins einkehren: Ruhe. Doch davon gibt es vier Monate nach Amtsantritt des 46-jährigen Wallisers keine Spur. Erst entmachtete Infantino Chefaufseher Domenico Scala, dann installierte er mit Fatma Samoura eine Generalsekretärin ohne Leistungsausweis im Fussball, und dann liess er sich gemäss Fifa-internen Quellen Reisen im Privatjet – unter anderem zum Papst – von einem russischen Oligarchen bezahlen. Infantino muss nun wegen der unerlaubten Annahme von Geschenken mit einem Verfahren der Ethikkommission rechnen.

Insider gehen davon aus, dass es in den nächsten Monaten zu einem Showdown zwischen der Ethikkommission und dem Präsidenten der Fifa kommen dürfte. Für die Infantino-Kritiker ist dabei klar: Wenn das Komitee mit gleicher Schärfe urteilt wie bei früheren Verfahren, müsste der neue Fifa-Präsident mit einer Sperre belegt und damit vorläufig auch des Amtes enthoben werden.

Höchst vorteilhafte Klausel

Noch ist es aber nicht so weit. Infantino ist längst nicht der Einzige, der im Schussfeld steht. Kritik wird auch an der Tätigkeit von Fifa-Reformer Domenico Scala laut: Er habe als Präsident des Vergütungsausschusses zu wenig gegen frühere Lohnexzesse bei der Fifa unternommen und zweifelhafte Verträge, beispielsweise mit dem ehemaligen Fifa-Finanzchef Markus Kattner, genehmigt.

Der Reihe nach: In einer Aufsehen erregenden Aktion verhafteten Zürcher Kantonspolizisten am 27. Mai 2015 im Auftrag des US-amerikanischen FBI sechs hohe Fifa-Funktionäre im Nobelhotel Baur au Lac. Auf einen Schlag wurde der Weltöffentlichkeit bewusst, wie tief sich Korruption und Bestechung in zentrale Stellen des Weltfussballverbandes Fifa gefressen hatten.

Markus Kattner dagegen, der stellvertretende Fifa-Generalsekretär, dürfte die turbulente Zeit auch in guter Erinnerung haben. Nur vier Tage nach den Verhaftungen erhielt er einen üppig ausgestatteten neuen Arbeitsvertrag, der ihm neben einem Monatslohn von 80 000 Franken auch einen jährlichen Mindestbonus von 100 000 Franken garantierte und höchst vorteilhafte Klauseln enthielt.

Bei einer vorzeitigen Trennung muss das komplette Gehalt bis zum Vertragsende 2023 ausbezahlt werden – ungeachtet dessen, ob eine Vertragsauflösung rechtlich begründet sei oder nicht. Dazu gab es eine «Schadloserklärung», wonach die Fifa für alle Verfahrenskosten aufkommt, sollte Kattner strafrechtlich belangt werden.

«Vertrag keineswegs gebilligt»

Kattner wurde im Mai dieses Jahres vom neuen Fifa-Präsidenten Infantino tatsächlich entlassen. Wie viel Geld Kattner aufgrund mutmasslicher Verfehlungen im Amt noch zusteht, klären jetzt die Anwälte. Beobachter staunen jedoch darüber, dass die Fifa Ende Mai 2015 solche Verträge mit goldenen Fallschirmen ausstellte – und dass dieser höchst umstrittene Vertrag Kattners damals auch von Scala, dem Chef der Fifa-Aufsichtsbehörde, unterzeichnet wurde. Von einem Mann, der eigentlich dafür angestellt war, Exzesse zu verhindern und auf ein sauberes Geschäftsgebaren des Weltfussballverbandes zu achten.

Scala, der die vom Fifa-Kongress im Februar verabschiedeten Reformen wie eine Amtszeitbeschränkung für Exekutivmitglieder entscheidend prägte, gibt seit seinem Rücktritt keine Interviews mehr. Sein Sprecher Andreas Bantel weist darauf hin, dass Kattners Vertrag ausserhalb der Kompetenzen des Vergütungsausschusses gelegen habe. Scala habe mit seiner Unterschrift einzig seine Kenntnisnahme bestätigt. «Er hat den Vertrag keineswegs gebilligt.»

Nur Blatters Bonus gestrichen

Fifa-Kenner wie Nationalrat Roland Büchel bezeichnen dies als «formaljuristische Wortklauberei»: «Wann, wenn nicht in solchen Momenten, muss ein Audit-Chef einer Organisation eingreifen?» Es sei auch höchst unverständlich, warum Scala nicht viel früher auf die Lohnexzesse bei der Fifa aufmerksam gemacht habe. «Wenn er in den entscheidenden Momenten über zu wenig Kompetenzen verfügt hat, um bei unredlichem Verhalten wirksam einzugreifen, dann hat auch Scala als willkommenes Feigenblatt für die Öffentlichkeit gedient», kritisiert Büchel. Scala sei sehr wohl auch für die Vergütung von Kattner zuständig gewesen, heisst es auch bei der Fifa.

«Der Vergütungsausschuss hat dort, wo er entscheiden konnte, beherzt eingegriffen. So hat er Herrn Blatter einen Bonus von 12 Millionen Franken wegen des laufenden Verfahrens der Ethikkommission gestrichen. Ein Feigenblatt hätte das sicher nicht getan», entgegnet Scalas Sprecher Bantel.

Warum der Vergütungsausschuss nur bei Blatter, aber nicht beim der Korruption überführten ehemaligen Generalsekretär Jérôme Valcke handelte, erklärt Bantel damit, dass Blatters Bonus an die Mandatsdauer gekoppelt gewesen sei und im Sommer 2015 noch habe gestoppt werden können. Valckes 12-Millionen-Bonus für die Durchführung der WM in Brasilien sei bereits 2014 ausgezahlt worden.

Angeschlagener Infantino

Andere erklären das fehlende Durchgreifen Scalas im Fall von Kattner mit allfälligen eigenen Ambitionen auf ein lukratives Amt bei der Fifa. Bantel bezeichnet dies als «faktenfreies Geschwätz»: «Scala hat in Interviews klargemacht, dass er für keine operativen Aufgaben bei der Fifa zur Verfügung steht.» Zum Vorwurf, Blatter habe zu viel verdient, sagte Bantel: «Blatters Vertrag war für den 2013 eingesetzten Vergütungsausschuss ein Erbstück. Ein früher vereinbartes Salär kann in der Schweiz einzig mit einer Änderungskündigung reduziert werden. Der Vergütungsausschuss hatte dazu keine Kompetenzen.»

Für Fifa-Kenner bleibt es dennoch unverständlich, dass solche Verträge wie mit Kattner von Scala nicht gestoppt wurden. «Das grenzt an ungetreue Geschäftsführung», sagt ein Insider. Das Versagen von Infantino in den ersten 100 Tagen sei offensichtlich. «Er hat fast alle Fehler gemacht, die man machen kann.» Aber Scala im Gegensatz dazu als Heiligen darzustellen, verstelle das Bild.

Gegner haben sich formiert

Sicher ist: Die Gegner von Infantino, zu denen seit der Entmachtung am Fifa-Kongress in Mexiko auch Scala zählt, haben sich formiert. Sie führen den Kampf auch über die Medien. Als die neue Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura – wahrscheinlich auf Geheiss von Präsident Infantino – den Chef des internen Reisebüros und einen weiteren Mitarbeiter vor zwei Wochen entliess, weil diese mögliche Verstösse Infantinos bei der Ethikkommission gemeldet hatten, wussten das drei Schweizer Sonntagszeitungen gleichzeitig.

Ein Zufall kann das nicht sein: Die bewusst gestreuten Informationen dienen dazu, den angeschlagenen Infantino weiter zu destabilisieren.

Wie hoch wird Infantinos Lohn?

Dass eine konzertierte Aktion im Gange ist, darauf deuten auch Aussagen des ehemaligen Fifa-Reformers Mark Pieth hin, der Infantino bei jeder Gelegenheit als Abzocker darstellt. Infantino sei schlimmer als Blatter, sagte der Anti-Korruptions-Experte dem «Sonntagsblick». Das ist mit Blick auf die Entschädigungen eine etwas eigenartige Sicht der Dinge. Während Blatter mit Fixlohn und allen Boni durchschnittlich über 7 Millionen Franken pro Jahr erhielt, soll sich Infantino mit fast viermal weniger begnügen.

Infantino hat den bereits im März ausgestellten Arbeitsvertrag jedoch nie unterschrieben, weil er die von Scalas Vergütungsausschuss festgelegten 2 Millionen Franken Lohn im Vergleich zu seinem Vorgänger «als Beleidigung» empfand. Die Fifa sagt, die Sache werde demnächst geregelt, Infantino plane, seinen Lohn öffentlich zu machen. Und dieser werde unter 2 Millionen Franken liegen – ob mit oder ohne Boni, wird sich zeigen.

Blatter kann sich Ende August wehren

Sperre sda. Der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter kann sich am 25. August vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne gegen seine sechsjährige Sperre wehren. Der 80-jährige Walliser hatte gegen die von der Fifa-Ethikkommission verhängte Strafe Mitte März Beschwerde beim CAS eingelegt.

Zwei Millionen für Platini
Hintergrund der Sperre ist eine Zahlung Blatters von zwei Millionen Franken im Jahr 2011 an den damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini. Im Mai hatte der CAS die von der Fifa in der selben Sache verhängte Sperre gegen Platini bestätigt, allerdings zugleich von sechs auf vier Jahre verkürzt. Daraufhin war der Franzose als Uefa-Chef zurückgetreten.

Ex-Fifa-Chefaufseher Domenico Scala. (Bild: EPA/Ennio Leanza)

Ex-Fifa-Chefaufseher Domenico Scala. (Bild: EPA/Ennio Leanza)

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