FUSSBALL: Murat Yakin: «Bei einem Angriff werde ich zum Rebellen»

Murat Yakin (42) hat Schaffhausen zusammen mit Bruder und Assistent Hakan (40) in kurzer Zeit von allen Abstiegssorgen befreit. Der Ex-FCL-Coach erklärt seinen Antrieb.

Daniel Wyrsch
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Murat Yakin posiert am Ufer des Rheins als neuer Schaffhausen-Trainer. (Bild: Steffen Schmidt/Freshfocus (Stein am Rhein, 27. Dezember 2016))

Murat Yakin posiert am Ufer des Rheins als neuer Schaffhausen-Trainer. (Bild: Steffen Schmidt/Freshfocus (Stein am Rhein, 27. Dezember 2016))

Interview: Daniel Wyrsch

daniel.wyrsch@luzernerzeitung.ch

Murat Yakin, Sie führten den Challenge-League-Verein FC Schaffhausen innerhalb weniger Monate von Schlussplatz 10 auf Rang 4. Wie haben Sie das geschafft?

Das ist tatsächlich schnell gegangen, schneller als erwartet.

Wie machten Sie das?

Wir haben Fussball gespielt, keinen komplizierten, sondern grundlegend einfachen Fussball. Zuerst sprachen wir über den Ligaerhalt, danach galt unsere Aufmerksamkeit dem Thema, wie wir unsere Spiele gewinnen. Als Trainer ist wichtig, dass du der Mannschaft das nötige Selbstvertrauen einimpfen kannst.

Was stimmt für Sie in Schaffhausen?

Wir sprechen im Verein nur über Fussball und lassen uns nicht durch andere Dinge ablenken. Intrigen gibt es hier nicht. Die Infrastruktur mit dem neuen Stadion steigert die Motivation zusätzlich.

Man munkelt, Sie seien nach Schaffhausen gegangen, weil Sie dort wie schon in Luzern und bei Spartak Moskau in eine vollkommen neue Arena einziehen konnten.

Ein neues Stadion ist immer eine Motivation. So wie Sie gerne in einem schönen Büro arbeiten, trainieren und spielen wir am liebsten in tollen Anlagen. Entscheidender war für mich aber, dass ich hier die Rückrunde ganz nach meinen Ideen planen konnte.

Der erkrankte Schaffhausen-Präsident Aniello Fontana soll sehr froh gewesen sein, als Sie ihm den Zuschlag gaben.

Mich beeindruckte Aniello Fontana sehr, wie er sich gegen die Krankheit wehrte. Sobald er über Fussball redete, vergass er alles. Dann wurde klar, wie viel Herzblut er für den FCS hat. Zum Glück geht es ihm jetzt klar besser, er macht die letzten Therapien. Sein Gesamtprojekt mit dem Verein hat mir zugesagt.

Doch Hand aufs Herz, warum tut sich einer wie Murat Yakin ab Sommer eine zweite Saison in der Challenge League an?

Weil ich den Fussball liebe! Als ambitionierter, ehrgeiziger Trainer kannst du überall arbeiten und Strategien entwickeln. Am Schluss geht es immer um Punkte, egal in welcher Liga.

Wann sehen wir Sie wieder an der Seitenlinie in der Super League?

Wenn das Projekt stimmt, dann kann das jederzeit der Fall sein. Allerdings ist es nicht einfach, mich von Schaffhausen wegzubringen.

Könnten Sie früher oder später mit Schaffhausen aufsteigen?

Die Möglichkeit ist nächste Saison gross, nachdem hier jahrelang für ein neues Stadion gekämpft wurde. Wollen wir in die Super League, müssen wir das sofort schaffen. Im Schweizer Fussball kann ausser Basel kein Verein länger als ein Jahr im Voraus planen.

Nach der Saison bei Spartak Moskau hatten Sie sich eine Auszeit von anderthalb Jahren gegönnt. Erstmals nach 23 Jahren ständig als Spieler oder Trainer unter Vertrag kam diese Pause. Wie war das?

Enorm wichtig. Unmittelbar nach der Spielerkarriere wurde ich Trainer, hatte im Fussballbusiness immer funktioniert. Die Familie ist mit der Geburt unserer Tochter gewachsen. Endlich konnte ich selber bestimmen, wie ich meine Zeit verbringe. Dabei hatte ich mir auch mal Zeit für mich genommen. Schön war, dass ich niemandem Auskunft geben musste. Nach 18 Monaten hat es mich aber wieder gepackt, die Leidenschaft ist nach wie vor gross, Fussball ist für mich das Grösste.

Mit dem FCL waren Sie erfolgreich: 2011/12 gilt als die zweitbeste Saison der Vereinsgeschichte, Sie führten Luzern auf Platz 2 und in den Cupfinal. Nur der Meistertitel 1989 mit Friedel Rausch zählt mehr.

Was heisst besser mit dem Abstieg und Cupsieg 1992? (schmunzelt) Im Ernst: Wir hatten das Maximum herausgeholt und erlebten im neuen Stadion eine tolle Zeit. Den Cupfinal verloren wir leider unverdient gegen Basel. Wir sind Vizemeister geworden, der FCB war damals quasi unschlagbar. Immerhin einmal schafften wir es dennoch, die Basler in der Swisspor-Arena zu besiegen.

Was bleibt Ihnen sonst noch an der Luzerner Zeit in Erinnerung?

Hekuran Kryeziu kam als 18-Jähriger ins Team und konnte sich mittlerweile super entwickeln. Dario Lezcano holte ich aus Thun, er wurde gewinnbringend verkauft. Am Anfang hatte es nicht danach ausgesehen.

Nach sechs Spielen mit nur drei Punkten mussten Sie zu Beginn der zweiten Saison Luzern verlassen. Was war falsch gelaufen?

Wir redeten nicht mehr nur über Fussball. Es gab Leute, die ihre eigenen Dinge in den Vordergrund rückten. Ich konnte nicht mehr so wirken, wie ich wollte. Walter Stierli trat als Präsident zurück, Veränderungen im sportlichen Bereich waren die Folge (Heinz Hermann wurde Sportchef; Anm. der Red.).

Hatten Sie auch Fehler gemacht?

Ich hatte einmal öffentlich den Präsidenten angegriffen. Und ebenso gegen Sie als Journalist machte ich eine unnötige Bemerkung. Beides würde ich heute in dieser Form nicht mehr machen.

 

Es tönt vielleicht verrückt: Für mich als Sportjournalist ist das überwiegend positiv gewesen, dass mich Murat Yakin einst öffentlich attackierte. Ich war schliesslich derjenige, der Sie provoziert hatte.

Die Fussballersprache ist ehrlich und direkt. Bei einem Angriff verwandle ich mich in einen Rebellen. Unter Druck und in den Emotionen reagierte ich halt so. Schön, dass wir heute über den Vorfall lachen können.

Wie ist Ihr heutiges Verhältnis zu Ex-FCL-Präsident Stierli?

Wir sahen uns zwei Jahre danach auf dem Golfplatz wieder, bei dieser Gelegenheit sprachen wir uns aus. Er hat als Präsident einen wunderbaren Job gemacht. Im Schweizer Fussball gibt es nur ganz wenige wie Walter Stierli, der für mich der «Monsieur FCL» bleibt. Ein unermüdlicher Kämpfer für den Verein wie Christian Constantin, Aniello Fontana und Bernhard Heusler.

Sie spielten mit dem FCL einen taktisch sehr variablen Fussball. Als Maestro an der Seitenlinie bleiben Sie mir in Erinnerung, kaum einer in der Schweiz kann das Spiel so gut lesen und darauf reagieren wie Sie. Steht für Sie die Taktik immer noch an erster Stelle?

Absolut. Als Trainer ist mir elementar wichtig, für die Mannschaft und jeden einzelnen Spieler einen Plan zu haben. Die Spieler müssen vom Gegner die Stärken und Schwächen kennen und sich entsprechend verhalten. Es geht nicht nur darum, die Partien zu gewinnen, sondern auch die eigene Spielweise zu entwickeln und durchzusetzen. Für mich ist Taktik der schönste Bereich im Fussball, der höchste Genuss.