Fussball
Neuchâtel Xamax: Ein Traditionsklub befindet sich im freien Fall

Neuchâtel Xamax droht der nächste Abstieg – die Wende soll heute (19.00) beim Angstgegner Kriens gelingen.

Nicola Berger
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Der 38-jährige Raphael Nuzzolo (Mitte) ist mit fünf Treffern bester Xamax-Torschütze.

Der 38-jährige Raphael Nuzzolo (Mitte) ist mit fünf Treffern bester Xamax-Torschütze.

Claudio De Capitani / freshfocus

Am Dienstag verlor Neuchâtel Xamax in Aarau 0:4. Man sieht das und denkt: Halb so schlimm, das gehört ja fast zum guten Ton für diesen Klub seit der legendären Barrage von 2019, als Xamax das Hinspiel mit diesem Skore verlor und sich später im Penaltyschiessen doch noch rettete. Doch die Zeiten haben sich geändert: Für Xamax geht es heute nicht mehr um den Klassenerhalt in der Super League, sondern ums Überleben. Nur ein Jahr nach dem Abstieg aus der Super League droht das Abrutschen in den Amateurfussball, dem der Klub nach dem Konkurs unter dem tschetschenischen Gauner Bulat Tschagajew erst 2015 wieder entflohen war.

Seit mehr als einem Jahr passt bei Xamax nichts mehr zusammen: Auf die in extremis gewonnene Barrage folgte eine Saison, in welcher das Team in der Super League nicht konkurrenzfähig war, der Abstand auf Platz 9 betrug elf Punkte. Der Trainer Stéphane Henchoz wurde verabschiedet, dann reaktiviert – und im Dezember 2020 entlassen. Auch unter dem Nachfolger Andrea Binotto, dem Mathematiklehrer und Baumeister der märchenhaften Hausse von Stade Lausanne-Ouchy, wurde die Wende bisher nicht bewerkstelligt: 2021 hat Xamax vier von sechs Partien verloren, dreimal verlor es zu null. Die altbewährte Strategie, den Ball einfach irgendwie auf die Lebensversicherung Raphaël Nuzzolo zu spielen, weil dieser das Tor dann schon erzielt: Sie funktioniert nicht mehr. Nuzzolo wird im Sommer 38, er hat in dieser Saison fünfmal getroffen.

«Dieses Xamax ist wie eine leere Hülle»

Aber die Probleme liegen tiefer. Der Besitzerwechsel weg vom streitbaren Patron Christian Binggeli und hin zu Jeff Collet löste Reibungen aus. Dem Unternehmer Collet gehörte einst Lausanne-Sport, er ist Vizepräsident der Swiss Football League (SFL) und richtet mit seiner Firma die Tennisturniere in Gstaad sowie Lausanne aus. Für Xamax soll Collet angeblich zwei Millionen Franken bezahlt haben, es scheint bisher nicht sein bestes Investment. Jean-Marc Rohrer, vor mehr als einem Jahrzehnt Sportchef bei Xamax, hatte sich mit lokalen Investoren ebenfalls für eine Übernahme interessiert. Das Geschäft kam nicht zu Stande, er überwarf sich mit Binggeli. Der Lokalzeitung «Arcinfo» sagte Rohrer kürzlich, der aufgerufene Kaufbetrag sei für ihn nicht nachvollziehbar:

«Dieses Xamax ist wie eine leere Hülle. Es gibt keine Spieler mit interessanten Transferwerten, keine Infrastruktur, keinen Nachwuchs.»

Zweimal Schweizer Meister – aber das ist lange her

Unter Collet soll sich das nun ändern. Als Generaldirektor installierte er den 31-jährigen Tiziano Sorrenti, was für Irritationen sorgte: Sorrenti war zuvor Agent gewesen, unter anderem betreute er den Stürmer Lorenzo Gonzalez, der im FC St.Gallen spielt. Und in seinem Portfolio fanden sich mit Thibault Corbaz, Pedro Teixeira und Freddy Mveng gleich drei Spieler aus dem Kader von Xamax. Es gebe keine Interessenkonflikte, versicherte Sorrenti den Lokalmedien – und sagte, es gehe ihm darum, den Verein lokal zu verankern. Als Lokomotive für den strukturschwachen Kanton Neuenburg wollte schon der abtretende Präsident Binggeli den Klub positionieren. Aber es kann nicht das Selbstverständnis des zweifachen Schweizer Meisters (1987, 1988) sein, sich in der Challenge League im Abstiegssumpf herumzuquälen. Zumal das Budget zwar mehr als halbiert wurde, von 9,5 auf 4,5 Millionen Franken, für diese Liga aber immer noch komfortabel ausfällt. Collet sagte im September: «Beim SC Kriens dürfte der durchschnittliche Monatslohn 2500Franken pro Spieler betragen. Bei uns ist er deutlich höher.»

Die Zusatzausgaben haben sich bisher nicht bezahlt gemacht: Der SC Kriens liegt im Klassement vor dem serbelnden Xamax – und hat alle drei Direktduelle für sich entschieden, den 4:1-Auswärtssieg im Cup eingerechnet.

Die fehlende Leichtigkeit vor dem gegnerischen Tor

Es ist Kriens in dieser Saison gelungen, Xamax gleich dreimal zu schlagen: zweimal in der Challenge League und einmal im Cup. Xamax in einem Jahr viermal zu bezwingen, geht das überhaupt? «Beide Teams wissen, was auf dem Spiel steht», sagt Kriens-Trainer Bruno Berner, «diese Partie bietet wieder eine andere Konstellation, aber egal, wer der Gegner ist, wir streben den Sieg an.»

Kriens hat vor einer Woche im Abstiegskampf Chiasso zurückbinden können, dasselbe sollen nun auch die Neuenburger erleiden. Berner: «Wir wollen beweisen, dass wir in diese Liga gehören.»

Der Krienser Erfolgscoach seit dreieinhalb Jahren war nach dem 0:0 am letzten Dienstagabend in Winterthur vor seiner Mannschaft gestanden und hatte sie für ihre Lauf- und Kampfbereitschaft gelobt. «Aber», so Berner, «das ist Basisarbeit, und die braucht es auch gegen Xamax wieder. Was uns noch fehlt, ist die Leichtigkeit vor dem Tor, das Überraschende, das Kreative.» Und das habe, erklärt der Kriens-Trainer, Xamax in der Person von Offensivspieler Raphaël Nuzzolo definitiv.

Kriens hat tatsächlich in den letzten fünf (!) Partien kein Tor mehr aus dem laufenden Spiel heraus erzielt. Gegen Chiasso resultierten «nur» zwei Penaltys, beim 1:2 gegen Wil war es ein Eckball, der direkt ins Netz flog. Was Kriens jetzt braucht: Dribblings, Tricks und Haken vor und im gegnerischen Strafraum, den Schuss vortäuschen, die Verteidiger zu Boden grätschen und den Goalie hechten lassen und dann den Ball ins leere Tor schieben. Ist doch ganz einfach, oder...? (