FUSSBALL: «Nicht-Schweizer ist das kleinere Übel»

Heute wird der Nachfolger von Fifa-Boss Sepp Blatter gewählt. Der deutsche Philosoph Wolfram Eilenberger spricht über die Qualität der fünf Kandidaten, die Reformen und die US-Justiz.

Interview Andreas Ineicheninterview Andreas Ineichen
Drucken
Teilen
Zeigt sich Präsidentschaftskandidat Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa (mit Krawatte) in der Öffentlichkeit wie gestern, gibt es einen Menschenauflauf. (Bild: Keystone/Patrick B. Kraemer)

Zeigt sich Präsidentschaftskandidat Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa (mit Krawatte) in der Öffentlichkeit wie gestern, gibt es einen Menschenauflauf. (Bild: Keystone/Patrick B. Kraemer)

Wolfram Eilenberger, wenn Sie heute in Zürich einer der 209 Stimmberechtigten bei der Wahl eines neuen Fifa-Präsidenten wären, welchen Namen würden Sie auf Ihren Wahlzettel schreiben?

Wolfram Eilenberger*: Keinen. Ich würde meinen Wahlzettel ungültig machen.

Sind die fünf Kandidaten so schlimm?

Eilenberger: Für mich ist keiner wählbar. Ich vermisse den ernsthaften Willen, an der Grunddynamik des Weltfussballverbandes etwas zu ändern.

In den letzten Tagen und Wochen lief es darauf hinaus, dass sich der Scheich Salman bin Ibrahim ­al-Khalifa und der Walliser Gianni Infantino ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Erbe von Sepp Blatter liefern werden.

Eilenberger: Beide haben in ihren Kampagnen eine Erhöhung der Teilnehmerzahl an der Fussball-WM versprochen, also eine quantitative Erweiterung. Das nützt bloss einer zusätzlichen Kommerzialisierung des Fussballs. So wird noch mehr Geld fliessen und damit die Gefahr erst recht steigen, sich auf kriminelle Art und Weise an den Honigtöpfen zu laben. Es geht um Gefälligkeiten, aber ganz bestimmt nicht um das Wohl des Spiels.

Ist es demnach hoffnungslos, dass am Freitag eine bessere Zukunft bei der Fifa eingeläutet wird?

Eilenberger: Nein, es wird besser. Die fünf Kandidaten haben allesamt einen enormen Vorteil: Keiner von ihnen ist Sepp Blatter.

Und sonst noch?

Eilenberger: Jeder Kandidat steht – qua Neuwahl – für einen möglichen Neuanfang, auch wenn dieser aller Voraussicht nach inhaltlich nicht eingelöst werden wird. Aber die Wahrnehmung der Fifa wird zunächst eine andere sein. Jeder Kandidat kann als Präsident grossen Einfluss haben, die Ausrichtung dieses Unternehmens neu zu justieren. Ohne Zweifel wird er von der Justiz und den Sponsoren unter verschärfter Beobachtung stehen. Wie mutig einer ist, wird sich zeigen, wenn er das Zepter in der Hand hält. Bei Gianni Infantino scheint mir das Paket am wenigsten glaubwürdig zu sein. Er ist Schweizer mit einflussreichen Verbindungen zu Politik, Justiz und Wirtschaft, die das System Blatter bei der Fifa mit Sitz in Zürich begünstigt haben.

Sie scheinen eine tiefe Abneigung gegen Schweizer zu haben.

Eilenberger: Überhaupt nicht. Mir geht es in erster Linie um das Signal, das von diesem Fifa-Kongress ausgesandt werden wird. Fussball ist ein wahrhaft globales Spiel. Wie bei der katholischen Kirche braucht es nicht dauerhaft einen Italiener oder Zentraleuropäer, der als Papst wirkt. Wenn also jemand in Fussballverbänden so weit gekommen ist wie der Walliser Gianni Infantino, dann geht das nicht ohne innere Protektur der relevanten Kräfte seines eigenen Landes.

Zumindest muss sich Gianni Infantino nicht gegen den Vorwurf wehren, er habe als Uefa-Generalsekretär Fussballer einer Landesauswahl gefoltert. Dem Scheich hingegen wird von Menschenrechtsorganisationen angekreidet, dass er genau das in Bahrain getan haben soll.

Eilenberger: Dieser sehr substanzielle Verdacht spricht gewiss nicht für die Wählbarkeit des Scheichs. Hinzu kommt, dass die Menschenrechtslage in den Golfstaaten ohnehin eine offene Wunde ist. Angesichts des Kandidatenkreises kommt mir unweigerlich ein Film von Quentin Tarantino in den Sinn: Man stecke fünf bewaffnete Schurken in einen Raum, und letztlich kommt nur einer zur Türe raus.

Ein düsteres Bild.

Eilenberger: Tatsächlich sind alle Kandidaten belastet, sonst wären sie keine Kandidaten. Sie sind Teil des Fifa-Systems. Die Illusion, dass ein Heilsbringer aus dem Nichts kommt und wählbar ist für die Fussballverbände, die vorher das System Blatter getragen haben, ist falsch. Aber letztlich halte ich einen Nichtschweizer aus symbolpolitischen Gründen für das kleinere Übel.

Als Deutscher verkünden Sie das nicht unbedingt aus sattelfester Position.

Eilenberger: (schmunzelt) Da gebe ich Ihnen Recht. Der Deutsche Fussball-Bund positionierte sich vor Monaten als ehrlicher, unbelasteter Verband. Doch bei näherer Prüfung, wie die Vergabe der WM 2006 an Deutschland abgelaufen war, brach auch dieses Kartenhaus in sich zusammen.

Der Biograf von Sepp Blatter, der uns für die letzte Dienstagausgabe ein Porträt vom abtretenden Fifa-Präsidenten geschrieben hatte, liess durchblicken, dass Blatter nach wie vor grossen Einfluss auf die Entscheidungen des Fifa-Kongresses haben kann.

Eilenberger: So einen tiefen Einblick, um das wirklich beurteilen zu können, habe ich nicht. Zuletzt habe ich aber auch den Eindruck gewonnen, dass Sepp Blatter zu erschöpft ist, um auf Rache zu sinnen. Mir kommt er vor wie ein Diktator, dessen Nimbus der Macht von ihm abfällt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das sonnige Leben eines Alterspräsidenten haben kann. Es wird einsam werden in seinem Haus, weil Sepp Blatter weniger gefragt sein wird als gewünscht. Und das auch nur, falls es ihm gelingen sollte, Kost und Logis in einem Gefängnis zu vermeiden.

Kann es sein, dass die Öffentlichkeit nach Monaten und Jahren ehrloser Aufführungen in diesem Fifa-Theater nicht einfach auch genug hat nach der Präsidentenwahl?

Eilenberger: Das halte ich durchaus für möglich. Ohne die dämonische Gestalt Blatters an der Spitze kann das mediale Interesse an der Fifa absacken. Dadurch könnte die Beobachtungsschärfe verloren gehen. Die Aussicht, dass alles noch schlimmer wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn wer gewählt wird, erreicht nie das Standing von Sepp Blatter.

Sie haben schon vor Monaten in einem Interview mit unserer Zeitung den Standpunkt vertreten, dass für Sie der wichtigste Faktor die US-Justiz sein wird, um die Fifa reformieren zu können. Werden die US-Amerikaner die Bühne eines ausserordentlichen Kongresses wieder für Verhaftungen nutzen?

Eilenberger: Sollte die US-Justiz tatsächlich aktiv werden und nur schon ein Kandidat für das Fifa-Präsidium unter Arrest stellen lassen, ist der Fortbestand der Fifa gefährdet. Noch stärker, als er es ohnehin schon ist. Ich möchte betonen, dass ich mir keinen globalen Fussball ohne Fifa wünsche. Wir brauchen eine katholische Vertretung des Fussballs, für einheitliche Regeln und die Durchführung der internationalen Turniere. Eine Aufsplitterung des Weltfussballverbandes, wie das im Boxen schon lange Realität geworden ist, wäre schädlich. Aber die Verhaftung des Scheichs zum Beispiel kann das Ende der Fifa bedeuten. Folglich lassen sich am Verhalten der US-Justiz zwei Marschrichtungen ablesen: Entweder hat sie die Absicht, nicht destabilisierend einzuwirken – oder sie zeigt den Willen, die Fifa zu zerschlagen.

Beim heutigen Kongress geht es in der Hauptsache um die Bestellung des neuen Präsidenten. Was halten Sie aber von den Reformen, die angestossen werden sollen? Von der Offenlegung des Salärs des neuen Fifa-Machthabers zum Beispiel?

Eilenberger: Die Transparenz der Saläre von den wichtigsten Funktionären ist für mich eine Mindestvernunftsanforderung. Das Regelwerk dafür bestünde schon, nun muss aber der Wille vorhanden sein, es durchzusetzen. Es wäre ein Signal gegen die Kultur der Korruption und des Nepotismus.

Auch eine Frauenquote in Führungsgremien soll umgesetzt werden. Sind Frauen weniger anfällig auf Korruption und Vetternwirtschaft?

Eilenberger: Sie scheint mir sinnvoll, auch wenn ich sonst überhaupt kein Freund von Frauenquoten bin. Aber was eine Differenz in der Anfälligkeit für moralische Verwerflichkeiten zwischen Mann und Frau angeht, bin ich extrem skeptisch. Fakt ist aber, dass in Skandinavien, in den USA, Kanada und Deutschland der Frauenfussball einen hohen Stellenwert geniesst, dass ein höherer Regelethos vorherrscht. Man möchte annehmen, dass Menschen auf dieser «Amateurstufe» mit viel Herzblut dabei sind und das Geld, weil davon noch relativ wenig im Markt vorhanden ist, die Mentalität der Macher nicht vollends verdorben hat. Wie auch immer: Als Deutscher und Schweizer gibt es jedenfalls keinen Grund zum Hochmut. Wir mussten die vergangenen Monate ja schmerzlich erkennen: Auch unsere Kaiser sind moralisch in Wahrheit nackt.

Hinweis

* Wolfram Eilenberger (43) ist ein deutscher Philosoph und Publizist. Er ist ein ausgewiesener Fussballkenner und Chefredaktor des «Philosophie Magazins».