FUSSBALL: Schweizer Refs sind weg vom Fenster

Fehler von Schweizer Spielleitern sorgen für Ärger. Das Problem: Die Refs entwickeln sich nicht weiter, weil sie international kaum aufgeboten werden.

Turi Bucher
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Die Spieler des FC Sion können es nicht fassen: Schiedsrichter Nikolaj Hänni lässt im Spiel gegen Basel vor einer Woche weiterspielen, obwohl der Ball hinter der Torlinie war. (Bild: Keystone/Olivier Maire)

Die Spieler des FC Sion können es nicht fassen: Schiedsrichter Nikolaj Hänni lässt im Spiel gegen Basel vor einer Woche weiterspielen, obwohl der Ball hinter der Torlinie war. (Bild: Keystone/Olivier Maire)

Turi Bucher

Cyril Zimmermann (40, Bild), der Schiedsrichterchef des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV), ist nicht zu beneiden. Beinahe jede Woche muss er sich schützend vor einen oder mehrere seiner Leute stellen, wenn sie mit einem Fehlpfiff ein Super-League-Spiel auf den Kopf gestellt haben.

Es gibt nur einen Weg: Profi-Schiedsrichter müssen ran. Sagen die einen. Noch nicht lange ist es her, da wurde die Idee aufgeworfen, dass jeder Super-League-Klub 50 000 Franken in den Ref-Topf werfen soll. Das wären pro Saison 500 000 Franken zur Entlöhnung professioneller Schiris. Zimmermann sagt: «Die Finanzierung von Profi-Schiedsrichtern ist das eine. Das andere: Finde ich genug Leute, die dazu bereit sind, diesen Job zu machen? Viele würden es wohl nicht sein.»

1150 Franken für ein Weekendspiel

Er habe zwar keine Umfrage gemacht, aber das Problem sei, dass der Schweizer Referee den Fünfer und das Weggli wolle: den aktuellen Job und die Schiedsrichterei, zumal die Karriere der Ref-Profis im Alter von 45 Jahren endet.

Werfen wir einen Blick ins Portemonnaie der Herren Jaccottet, Hänni, Amhof, und Co.: Ein Schweizer Schiri bekommt pro Super-League-Spiel an einem Wochenende 1150 Franken plus Spesen; für ein Wochentagspiel gibts 1650 Franken plus Spesen. Zimmermann schätzt, dass ein Schiedsrichter in der deutschen Bundesliga rund vier- bis fünfmal so viel pro Spiel verdient. «Und er darf nebenbei erst noch eine andere berufliche Tätigkeit ausüben. Das hat er finanziell aber nicht nötig, weil er so viel verdient, dass er sich von Montag bis Sonntag mit Fussball beschäftigen kann.»

Bitter: Zimmermann sagt, dass für die Schweizer Schiedsrichter, von denen im Juni keiner an der EM pfeifen wird, höchstwahrscheinlich auch der Zug für die WM 2018 in Russland bereits abgefahren ist. «Es wird sehr schwierig für uns, dorthin zu kommen, unser Ziel muss die EM 2020 sein.» Zimmermann rechnet vor, dass es im europäischen Fussball eine Hierarchie von rund 30 Spitzenschiedsrichtern gibt, die auf Champions-League-Niveau, an der EM und an der WM pfeifen. Die Schiedsrichter werden generell in vier Kategorien eingereiht:

  • Kategorie Elite: Dassind die oben erwähnten, absoluten Topreferees, Leute wie beispielsweiseder Schwede Jonas Eriksson oder der Türke Cüneyt Çakir.
  • Kategorie 1: Refs, die mit Bestimmtheit Spiele in der Europa-League-Gruppenphase leiten, eventuell in der Champions League.
  • Kategorie 2: Schiedsrichter, bei denen die Möglichkeit besteht, dass sie Gruppenspiele in der Europa League arbi­trieren dürfen.
  • Kategorie 3: Spielleiter, die europäische Nachwuchs-Topspiele (U 21, U 19, U 17) pfeifen.

Und jetzt kommts: Die Schweiz hat momentan sieben Schiedsrichter mit dem Fifa-Abzeichen auf der Brust, aber keinen in den ersten beiden Kategorien.

Adrien Jaccottet, Alain Bieri, Stephan Klossner und Sandro Schärer gehören zur Kategorie 2; Nikolaj Hänni, Sascha Amhof und Fedayi San figurieren lediglich in der Kategorie 3.

Ref-Chef Zimmermann gehörte in der Zeit zwischen 2007 und 2012 zur Kategorie 1. Er ist dem sofortigen Videobeweis an der Seitenlinie (wie man ihn beispielsweise vom Eishockey oder Tennis kennt) nicht abgeneigt und hat nicht die Haltung wie viele Schiedsrichter vor einigen Jahren noch, die befürchteten, man würde mit der sofortigen Korrektur eines Entscheids dem Schiri auf dem Platz «etwas wegnehmen». Zimmermann betont, dass der sofortige Videobeweis in den nächsten zwei Jahren vor allem in einigen europäischen Ligen getestet wird. Zimmermann kann sich vorstellen, dass dieser Videobeweis «innerhalb der nächsten fünf Jahre» an grossen Events wie WM, EM und Champions League Einzug halten wird.

Der einsame Mann auf dem Platz

Bleiben immer noch die schwächelnden Schweizer Schiedsrichter. Zimmermann meinte kürzlich in einem Online-Interview gegenüber dem SFV, dass Torhüter und Stürmer schliesslich auch Fehler machen würden, «Fehler aller Beteiligten, nicht nur der Schiedsrichter, gehören zum Spiel». Ob er damit richtigliegt? Man kann sagen: kein Spiel ohne Schiedsrichter. Was aber nicht zum Umkehrschluss führen muss, dass der Schiri der 23. Mitspieler ist. Er spielt nicht wirklich mit und soll eben kein Teil der Show sein. Der Fussball lebt von den Fehlern der Torhüter, Verteidiger und Stürmer. Aber vom Schiedsrichter erwarten alle nur eines, so schwierig das auch ist: dass er keinen Fehler macht.
 

«Viele Schiedsricher sind privat und beruflich am Anschlag»

Experte Ex-Schiedsrichter Urs Meier (57, Bild) leitete 2002 unter anderem den Champions-League-Final und den WM-Halbfinal. Er war ausserdem bis 2011 Schweizer Schiedsrichter-Chef.

Urs Meier, die Schweizer Schiedsrichter werden nach mehreren Fehlentscheiden momentan heftig kritisiert. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Urs Meier: Es gibt immer wieder Phasen, in denen zwei bis drei Partien von Fehlentscheidungen geprägt sind. Dann stehen die Schiedsrichter natürlich im Fokus der Diskussionen. Tatsache ist: Der Fussball entwickelt sich sehr schnell weiter, aber die Schiedsrichter konnten sich nicht gleich schnell weiterentwickeln. Das ist ein grosses Problem, auf das ich schon lange hinweise.

Schweizer Schiedsrichter werden nicht mehr zu Grossanlässen aufgeboten, pfeifen keine Champions-League-Spiele mehr. Weshalb? Sind sie schlechter geworden?

Meier: Die Schweizer Schiedsrichter hatten jahrzehntelang einen hervorragenden Ruf, sie haben etliche grosse Spiele gepfiffen. Sie sind nicht schlechter geworden, aber sie spielen heute international keine Rolle mehr. Kein Schweizer ist unter Europas Top 50. Wir haben es vor Jahren verpasst, die Bedingungen zu verbessern, weshalb uns andere Länder ein- oder überholt haben. Die internationalen Glanzlichter haben viel überstrahlt. Es braucht Zeit, bis die Lücke gefüllt ist, die Massimo Busacca mit seinem Rücktritt 2012 hinterlassen hat.

Was muss konkret verbessert werden?

Meier: Die Schiedsrichter müssen stärker entlastet werden. Zum einen finanziell. Hier sind sowohl der Verband wie auch die Klubs gefordert. Vor fünf Jahren haben mir die Klubs versprochen, dass jeder gewillt ist, 50 000 Franken pro Jahr zu Gunsten der Schiedsrichter zu zahlen. Doch daraus ist nichts geworden.

Und zum anderen?

Meier: Es müssen mehr Lehrgänge angeboten werden. Konditionell und regeltechnisch sind die Schiedsrichter bestens gerüstet, doch das gehört in jeden Rucksack. Verbessert werden muss das Spielverständnis. Schiedsrichter müssen das Spiel lesen können, ahnen, was passiert, und dann handeln können. Sie müssen taktisch genauso geschult sein wie Trainer. Sie müssen wissen, was die einzelnen Spieler vorhaben, wohin der Ball kommt, auf wen es die Verteidiger abgesehen haben und auf wen sie den Fokus legen müssen. Können sich Schiedsrichter derart ausführlich auf ein Spiel vorbereiten, sind sie mit dem Auge schon dort, wo die entscheidende Szene passiert.

Sie sind also ein Verfechter von Profi­schiedsrichtern?

Meier: Es braucht Profis! Ich habe mal gesagt, dass es in der Schweiz mindestens drei braucht. In den grossen Ligen sollten jedoch alle Schiedsrichter Profis sein. In Deutschland sollten die Schiedsrichter von Montag bis Mittwoch am Verbandssitz in Frankfurt am Main trainieren, ihre Spiele analysieren, sich behandeln lassen, Einzelgespräche führen können. So wären sie bestens für den nächsten Spieltag gerüstet. Donnerstags und freitags könnten sie nach Hause und am Wochenende ausgeruht wieder im Einsatz stehen.

Sind die Schiedsrichter denn momentan zu wenig ausgeruht?

Meier: Viele Schiedsrichter sind am Anschlag – privat wie beruflich. Das schlägt sich dann auf die Leistungen auf dem Platz nieder. Fussballer, Trainer und Präsidenten wissen gar nicht, unter welchen Bedingungen die Schiedsrichter arbeiten.

Sion-Präsident Christian Constantin hat Schiedsrichter Sascha Amhof gar vorgeworfen, seinen Verein vorsätzlich benachteiligt zu haben. Was sagen Sie zu solchen Anschuldigungen?

Meier: Was Constantin macht, ist eine Frechheit! Schiedsrichter stehen für Glaubwürdigkeit, sie betrügen nicht. Sie machen Fehler. Aber die Ehrlichkeit ist ihr Kapital, das darf nicht in Frage gestellt werden.

Interview Jonas von Flüe



Turi Bucher