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FUSSBALL: Schweizer Schiedsrichter-Chef findet sofortigen Video-Beweis gut

Der neue Videobeweis sorgt beim Confed-Cup für Diskussionen. Der Schweizer Schiedsrichter-Chef Cyril Zimmermann (41) sagt, wo er noch Probleme sieht – und wann hierzulande mit der Technologie zu rechnen ist.
Sven Aregger
Der deutsche Captain Julian Draxler (im weissen Dress) möchte auch hören, was die Videoexperten meinen. (Bild: Alexander Hassenstein/Getty (Sotschi, 19. Juni 2017))

Der deutsche Captain Julian Draxler (im weissen Dress) möchte auch hören, was die Videoexperten meinen. (Bild: Alexander Hassenstein/Getty (Sotschi, 19. Juni 2017))

Interview: Sven Aregger

sven.aregger@luzernerzeitung.ch

Cyril Zimmermann, am Confed-Cup wird der Videobeweis erstmals auf der grossen Fussballbühne eingesetzt. Sorgt er nun für Gerechtigkeit, wie die Befürworter sagen, oder stiftet er Verwirrung, wie die Gegner behaupten?

Die Gerechtigkeit dominiert. Es wird aber immer Situationen geben, bei denen man geteilter Meinung sein kann. Zum Beispiel gibt es Argumente für und gegen ein Handspiel. Entscheiden muss trotzdem jemand. Und nicht alle werden damit einverstanden sein. Aufgrund des erstmaligen Einsatzes an einem solch grossen Turnier hat der Videobeweis noch Kinderkrankheiten.

Welche meinen Sie?

Speziell finde ich, dass die drei Video-Referees bei einer roten Karte eingreifen dürfen, nicht aber bei einer zweiten gelben Karte. Doch beide Karten haben die gleiche Konsequenz: Der Spieler muss den Platz verlassen. Momentan geht es auch noch viel zu lange, bis ein Entscheid gefallen ist.

Die Zuschauer müssen bis zu zwei Minuten warten, bis die Video-Schiedsrichter eine Situation geprüft haben. Lässt sich die Zeit verkürzen?

Es muss letztlich schneller gehen, sonst werden die Fans im Stadion und vor dem Fernseher vergrault.

Kritiker sagen, die neue Technologie raube dem Fussball die Emotionen. Müssen sich Zuschauer und Spieler daran gewöhnen, wegen technischer Diskussionen erst mit Verzögerung ein Tor bejubeln zu können?

Das ist nicht auszuschliessen. In einigen Spielen am Confed-Cup ist es bereits drunter und drüber gegangen. Das Warten auf einen Entscheid ist mit einer gewissen Anspannung verbunden, ähnlich wie im Eishockey. Aber am Schluss können Spieler und Fans je nach Urteil doch noch jubeln, die Emotionen gehen nicht verloren. Ausserdem wird es immer noch genug Fälle geben, in denen der Schiedsrichter auf dem Platz allein entscheiden kann. Wichtig ist, dass man den Videobeweis nicht überdosiert einsetzt.

Gerade den Fans im Stadion wird bisher wenig vermittelt, warum ein Schiedsrichter nach Konsultation des Videobeweises auf Tor oder kein Tor entscheidet. Braucht es nicht mehr Transparenz wie etwa im Tennis, wo strittige Szenen auf Leinwand aufgeschlüsselt werden?

Dem stimme ich zu. Es muss transparent aufgezeigt werden, warum es zu diesem oder jenem Entscheid gekommen ist. Das Problem: Dieses Vorgehen ist nur an den grossen Turnieren und in den grossen Ligen umsetzbar, weil es anderswo zu kostenintensiv ist. Zudem kann die Autorität des Schiedsrichters untergraben werden.

Inwiefern?

Ich glaube zwar nicht, dass sich der Schiedsrichter auf dem Feld kontrolliert fühlt – an seinem Verantwortungsbewusstsein ändert sich nichts. Aber wenn er während einer Partie dreimal von den Video-Referees überstimmt wird, kann dies seine Leistung für die verbleibende Spielzeit negativ beeinflussen und ihn verunsichern.

Fühlen sich die Schiedsrichter auf dem Platz in ihrer Entscheidungs­gewalt beschnitten?

Nein, denn der Videobeweis kommt erst zum Tragen, wenn der Unparteiische einen Entscheid getroffen hat. Entscheiden kann er also immer noch selber. Ein Problem ist aber das Abseits. Eigentlich dürfte der Linienrichter nie mehr die Fahne heben, weil das Spiel sonst unterbrochen wird und der Entscheid sich nicht mehr revidieren lässt. Das heisst: Man kann einem Stürmer den Ball dann nicht einfach hinlegen, damit er eine Torchance erhält. Der Assistent muss das Spiel im Zweifelsfall also laufen lassen, damit Video-Referees bei einem Fehler eingreifen können. Wenn der Linienrichter dadurch aber fünfmal falsch liegt, ist das auch nicht vorteilhaft.

Empfinden die Schiedsrichter das System tatsächlich als Hilfsmittel?

Grundsätzlich stehen sie ihm positiv gegenüber, vielleicht auch, weil sie wissen: Die neue Technologie ist hilfreich für sie und sorgt für korrekte Entscheide, wie sie Spielleiter in gewissen Situationen aufgrund von ständig höherem Tempo oder teilweiser Unübersichtlichkeit kaum mehr immer treffen können. So oder so: Die Schiedsrichter müssen und werden sich damit anfreunden.

Ist der Videobeweis schon reif für einen Einsatz an der WM 2018 in Russland?

Davon gehe ich aus. Und ich hoffe, dass das System bis dahin ausgeklügelter ist.

In der nächsten Saison wird es in der Bundesliga verwendet. Wie sind die Bestrebungen in der Schweiz?

In Rahmen eines Projekts werden wir beobachten, welche Erfahrungen die Deutschen mit der Technologie machen. Ich gehe davon aus, dass das System in zwei bis fünf Jahren auch in der Schweiz eingeführt wird. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass einzelne Ligen eines Kontinentalverbandes unterschiedliche Wege gehen werden. Letztlich ist es aber dem jeweiligen Landesverband überlassen, ob er den Videobeweis einführen will oder nicht.

Zwei Halbzeiten à 30 Minuten: Fifa plant nächste Revolution

Im Fussball steht nach der Einführung der Torlinientechnologie und dem Videobeweis möglicherweise die nächste gravierende Regeländerung an. Das für Regeln zuständige International Football Association Board (Ifab) vom Weltverband Fifa zieht in seinem Strategiepapier für eine Erhöhung der effektiven Spielzeit zwei Halbzeiten mit jeweils 30 Minuten in Erwägung; diese Regel gilt zum Beispiel im Eishockey (3 mal 20 Minuten reine Spielzeit).

Demnach würde die Spieluhr im Fussball immer dann, wenn der Ball ausserhalb des Spielfelds ist, unterbrochen. Mit der Initiative «Play Fair!» sollen die Begegnungen «fairer, attraktiver und unterhaltsamer» gemacht werden, heisst es seitens des Ifab. Die Experten haben sich noch mit weiteren möglichen Regeländerungen befasst, die in den kommenden fünf Jahren umgesetzt werden könnten. Dazu gehört ein strengeres Vorgehen der Unparteiischen gegen zu aufmüpfige Spieler.

Das vorgelegte Strategiepapier wird in den kommenden Monaten diskutiert. Dabei soll entschieden werden, welche der vorgeschlagenen Regeländerungen bei der nächsten Ifab-Generalversammlung im März 2018 zur Abstimmung
gestellt werden. (sid)

Cyril Zimmermann, Schiedsrichter-Chef SFV. (Bild: LAURENT GILLIERON (KEYSTONE))

Cyril Zimmermann, Schiedsrichter-Chef SFV. (Bild: LAURENT GILLIERON (KEYSTONE))

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