FUSSBALL: Sepp Blatter: «Ich bin noch nicht museumsreif»

Mit der Wahl des neuen Fifa-Präsidenten tritt Sepp Blatter (79) am Freitag von der grossen Bühne ab. Doch zur Ruhe setzt er sich nicht. Ein Rück- und Ausblick aus nächster Nähe.

Drucken
Teilen
Am Freitag wird Sepp Blatter als Fifa-Präsident abgelöst. Er sagt: «Ich freue mich, dass ich ab dann nicht mehr in der Verantwortung stehe.» (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Am Freitag wird Sepp Blatter als Fifa-Präsident abgelöst. Er sagt: «Ich freue mich, dass ich ab dann nicht mehr in der Verantwortung stehe.» (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Thomas Renggli*

Nach 18 Jahren endet die zweitlängste Regentschaft eines Fifa-Obmanns – unabhängig von der «Nachspielzeit» auf juristischem Terrain. Nur der Franzose Jules Rimet war (zwischen 1921 und 1954) noch länger am Ruder. Doch anders als Rimet, der als Taufpate der ersten WM-Trophäe auf ewig einen Ehrenplatz in der Fussballgeschichte auf sicher hat, wird Sepp Blatter quasi durch die Hintertür verabschiedet. Die von ihm angestrebte Ehrenpräsidentschaft ist weit weg. Die Ereignisse der vergangenen neun Monate befriedigen vor allem jene Beobachter, die den Walliser mit grosser Skepsis verfolgten.

Dabei geht oft vergessen, dass Blatter für die bahnbrechende kommerzielle und kulturelle Entwicklung des Fussballs steht. Als er am 10. Februar 1975 als Direktor für Entwicklungsprogramme seine erste Stelle bei der Fifa antrat, war der Weltverband ein KMU mit Büros in einer alten Villa am Zürichberg, zwölf Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von ein paar Millionen Franken. Heute beschäftigt die Fifa in Zürich über 450 Angestellte, macht einen jährlichen Umsatz von rund 1 Milliarde Dollar und weist ein Vermögen von 1,5 Milliarden aus.

Die prägende Figur

«41 Jahre Fifa – das ist mehr als die Hälfte meines Lebens. Und es war eine Zeit, die an Intensität, Emotionen und Spannung kaum zu überbieten war. Die Fifa hat mich geprägt. Und ich habe die Fifa geprägt», sagt Blatter. Seinen Abgang hätte er sich anders vorgestellt. Er spricht von «Trauer», wenn er seine Gefühle in Worte fassen muss: «Es ist klar, dass die Ereignisse seit dem 27. Mai 2015 (der Razzia im «Baur au Lac»; Anm. d. Red.) die öffentliche Haltung prägen», sagt Blatter, «was seither passiert ist, hat den Fussball erschüttert. Und es hat mich erschüttert.»

Ob mit der Wahl des neuen Präsidenten per Knopfdruck alles besser wird, bleibt abzuwarten. Sicher aber ist: Sepp Blatter wird als prägende Figur in die Geschichte eingehen. Er war es, der die WM-Endrunde nach Asien und Afrika gebracht und die Globalisierung des Fussballs vorangetrieben hat. Sunday Oliseh, der langjährige Bundesliga-Profi und jetzige Nationaltrainer Nigerias, würdigt die Verdienste des abtretenden Präsidenten: «Blatter hat das Beste für Afrika gemacht. Die fussballerische Entwicklung auf unserem Kontinent ist zu einem grossen Teil seinem Engagement zu verdanken.» Höhepunkt der interkontinentalen Aufbauhilfe war die Durchführung der WM-Endrunde in Südafrika 2010: «Das ist einer von Blatters grössten Verdiensten», sagt Oliseh und spricht von «einem Meilenstein für Afrika – infrastrukturell, gesellschaftlich und politisch».

Der Vertrag von Lausanne-Sports

Blatter hegte im Fussball schon in seiner Jugend grosse Ambitionen. Bis nach Afrika strebte er damals aber noch nicht. Das Ziel seiner sportlichen Träume lag in Lausanne. Der dortige Nationalliga-A-Klub offerierte ihm einen unterschriftsreifen Vertrag. Doch Vater Joseph Blatter sen. zerriss das Stück Papier vor den Augen des entsetzten Sohnes: «Mit Fussball wirst du nie Geld verdienen können», lautete das väterliche Argument. Es war eine der grösseren Fehleinschätzungen der Fussballgeschichte.

Sepp Blatter machte seinen Weg auf sportpolitischem Parkett. Der verpassten Fussballkarriere trauert er aber heute nach. Um wenigstens die «0» in seiner Länderspielstatistik zu tilgen, bat er Köbi Kuhn zu dessen Zeiten als Schweizer Nationaltrainer um ein Aufgebot für ein Freundschaftsspiel der helvetischen Landesauswahl. Vergebens. Kuhn stellte den Leistungsgedanken über die Hierarchie im Weltfussball.

Das Lob von Köbi Kuhn

Gleichwohl bringt der Zürcher Blatter und dessen Karriere heute grossen Respekt entgegen: «Ich war immer sehr stolz, dass es ein Schweizer so weit geschafft hat. Der Fussball ist eine Weltsportart und die Fifa eine Institution mit mehr Mitgliedern als die UNO. Wer hier an der Spitze steht, muss grosse Qualitäten besitzen.» Kuhn streicht Blatters Verdienste in der Entwicklung der Fifa hervor: «Er hat aus einem kleinen Verein ein globales Unternehmen gemacht und ist heute weltweit vermutlich der berühmteste Einwohner unseres Landes – noch berühmter als Roger Federer.» Dass Blatter im eigenen Land so viel Skepsis und Missgunst entgegenschlägt, führt Kuhn auch auf die landestypischen Gepflogenheiten zurück: «Das ist halt unsere Art, mit herausragenden Persönlichkeiten umzugehen. Wir Schweizer führen unsere Könige lieber aufs Schafott als auf den Thron.»

Die geplante Reise um die Welt

Der König ist tot. Es lebe der König! Doch wie fühlt sich Blatter, dass er ab kommendem Freitag auch formal den Thron verlassen wird? «Dann bin ich endlich der Ex-Präsident – und nicht mehr der suspendierte Präsident», sagt er lakonisch.

Mit dem Ende seiner Fifa-Karriere wäre eine Rückkehr an den Ort seiner Wurzeln naheliegend: «Er soll ins Wallis, die Füsse hochlagern und das Leben geniessen», lautet ein oft gehörter Ratschlag. Doch Blatter hält von derartigen aufoktroyierten Vorsorgeplänen wenig: «Ich bin ein Mann mit Aktionsradius – und ich werde eine neue Tätigkeit finden.» Dass sich diese (wie im Scherz angekündigt) am Mikrofon einer Radiostation befindet, ist zu bezweifeln. Viel eher wird der Schweizer als Referent und Botschafter durch die Welt reisen und sein für April vorgesehenes Buch promoten. Denn bei aller (vor allem eurozentrischen) Kritik rückt in den Hintergrund, dass Blatter in der überwiegenden Mehrheit der 209 Fifa-Länder eine hochrespektierte Persönlichkeit ist. Selber gibt er sich zu seinen Plänen kryptisch: «Ich bin noch nicht reif fürs Museum.» Und im Wallis sieht er seine Zukunft höchstens als Wochenendgast: «Die Berge begrenzen den Horizont. Ich brauche die Weitsicht der grossen Welt.»

Während für einige Schweizer Medien das Ende von Blatters Präsidialzeit einer Erlösung gleichzukommen scheint, gibt es auch differenzierte Stimmen. Günter Netzer würdigt Blatter vor allem für sein wirtschaftliches Gespür: «Er war geschäftlich jederzeit Herr des Geschehens.» Dass Blatter als Fifa-Präsident für alles Schlechte dieser Welt verantwortlich gemacht wurde, ist in Netzers Augen auch auf das immer hektischere Mediengeschäft und die Schnelllebigkeit der Internetberichterstattung zurückzuführen: «Es werden vorgefasste Meinungen verbreitet und Dinge kolportiert, über die selbst die Reporter oft nicht genau Bescheid wissen. Aber wie kann man dem Fifa-Präsidenten die Schuld an der weltweiten Korruption und kriminellen Energie von Einzelpersonen geben?»

Das wegweisende Ereignis

Offenbar kann man – und ein wichtiger Grund dafür lässt sich an einem konkreten Datum festmachen: dem 2. Dezember 2010, als im Zürcher Hallenstadion Katar zum Austragungsort der WM 2022 ausgerufen wurde. Das Exekutivkomitee hatte sich mit 14:8 Stimmen – entgegen einem internen Konsens – für die arabische Kandidatur und gegen das Dossier der USA entschieden. Für Blatter das wegweisende Ereignis: «Hätten die USA den Zuschlag erhalten, wären die Ereignisse der vergangenen Monate kaum ins Rollen gekommen.» Oder mit anderen Worten: Dem Eingriff der amerikanischen Justiz in den internationalen Fussball liegen wirtschaftliche und politische Interessen zu Grunde.

Mit diesem Sachzwang muss sich ab Freitag ein neuer Mann an der Fifa-Spitze auseinandersetzen. Zur Auswahl für den anspruchsvollsten Posten im globalen Krisenmanagement stehen (in Reihenfolge ihrer Wahlchancen): ein bestens vernetzter Scheich aus Bahrain (Salman bin Ibrahim al-Khalifa), ein europäischer Ersatzspieler aus Brig (Gianni Infantino), ein südafrikanischer Diamanten-Milliardär (Tokyo Sexwale), ein Prinz aus Jordanien (Ali bin al-Hussein) und ein früherer Blatter-Intimus aus Frankreich (Jérôme Champagne).

So unterschiedlich das Quintett auch daherkommt – das Wissen, dass Joseph S. Blatter vor dem Kongress unverändert grossen Einfluss besitzt, kann niemand negieren. So setzten sich vier der fünf Kandidaten in den vergangenen Wochen mit dem suspendierten Präsidenten in Verbindung und buhlten um seine Gunst. Nur der im letzten Mai unterlegene jordanische Prinz verzichtete auf eine Kontaktaufnahme.

Der sehr lange Schatten

Auch diverse Nationalverbände bemühten sich um Blatters Rat. Der künftige Ex-Präsident will sich aber nicht zu den Kandidaten äussern. Denn er weiss genau: Ein Wort von ihm kann die Kräfte verschieben und Mehrheiten zum Kippen bringen. Und diese Verantwortung will er nicht übernehmen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Aussage zu seinen künftigen beruflichen Plänen zu verstehen: «Ich freue mich, dass ich ab Freitag nicht mehr in der Verantwortung stehe. Aber dem Fussball und der Fifa werde ich für immer verbunden bleiben. Nach über 40 Jahren wäre etwas anderes nicht möglich.»

Kurzfristig bedeutet das: Sepp Blatter ist nicht mehr König – Königsmacher aber sehr wohl. Und mittelfristig wird es für den neuen Fifa-Präsidenten kaum möglich sein, den Vorgänger vergessen zu machen. Der berühmteste Walliser der Welt misst zwar nur 170 cm. Doch sein Schatten ist lang – sehr lang.

Hinweis

* Thomas Renggli (44) ist freier Journalist und arbeitete zwischen 2013 und 2015 für die Fifa. Er ist Autor des im April erscheinenden Buches über Sepp Blatter: «Mein Leben für den Fussball».