FUSSBALL: Sportphilosoph über Neymar-Transfer: «Das sind krankhafte Zustände»

222 Millionen Euro für einen Fussballer – der Transferwahnsinn nimmt kein Ende. Der deutsche Sportphilosoph Elk Franke spricht über Moral, kaum fassbare Summen und ein mögliches Ende der Entwicklung.

Erik Roos (sid)
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Neymar (Mitte) im Dress von Paris Saint-Germain, wo er die Nummer 10 tragen wird. (Bild: Christophe Petit Tesson/EPA (Paris, 4. August 2017))

Neymar (Mitte) im Dress von Paris Saint-Germain, wo er die Nummer 10 tragen wird. (Bild: Christophe Petit Tesson/EPA (Paris, 4. August 2017))

Interview: Erik Roos (SID)

sport@luzernerzeitung.ch

Elk Franke, sind 222 Millionen Euro für einen Fussballer unmoralisch?

Wir bewegen uns bei diesen Summen inzwischen in einer Welt, die weit ausserhalb der Menschen liegt, die ins Stadion gehen und sich vom Fussball begeistern lassen. Da fragt man sich seit einiger Zeit, ob diese Relationen noch zu rechtfertigen sind. Es gilt dann ein eigenartiges Gesetz: Der Markt scheint es herzugeben, und somit läuft das Karussell immer schneller. Und wir stehen mit Tränen in den Augen am Rand und fragen uns: Wo soll das mal hinführen?

Sind solche Summen für den Fan überhaupt greifbar?

Diese Summen sind so nicht greifbar und auch nicht vorstellbar. Sie können nur noch mit Summen verglichen werden, die wir aus dem Bankensektor kennen. Wenn wir uns klarmachen, dass in diesem Moment mehrere Milliarden um den Erdball umgebucht werden, ohne dass Werte dahinterstehen, muss man feststellen, dass die Finanzwirtschaft abgekoppelt ist von den bodenständigen Wertediskussionen. Sie entwickelt ihre eigene Logik. Wenn nicht ein Hedge Fund, sondern die begrenzte ­Fähigkeit eines Menschen für 222 Millionen verlagert wird, kann das nicht mehr rational erklärt werden. Das ist pathologisch, das sind krankhafte Vorgänge und Zustände. Wenn es trotzdem stattfindet, hat das eine Dimension erreicht, die man nur distanziert begleiten kann. Solche Entwicklungen entziehen dem Sport mittelfristig das Fundament.

Sind der Entwicklung überhaupt Grenzen gesetzt?

Ich bewerte das sehr kritisch. Diese Entwicklung bezieht sich auf eine Vorstellung, die den Fussball als ein Event- und Showprogramm präsentiert. Gleichzeitig kommt der Fussball aus einer Zeit, in der Identifizierendes eine Rolle spielte. Man hatte bei früheren Stars immer das Gefühl: Der spielt für mich. Die Begeisterung kam zudem aus dem Glauben: Ich könnte dort auch spielen. Diese Identifizierungsmöglichkeit ist bei Spielern, die für 222 Millionen verkauft werden und die teilweise für Steuerhinterziehung und Abzocke bekannt sind, nicht mehr gegeben.

Ist der Fussball also auf einem falschen Weg?

Der Fussball verändert sich schleichend. Wir benutzen zwar einen singulären Begriff und sagen: der Fussball. Das Faszinierende und Bedrückende ist, dass er scheinbar solche Bedingungen vertragen kann.

Was folgt daraus?

Ich habe einmal gesagt: Sport und besonders Fussball ist ein inhaltsoffenes Drama, mit dem man sich identifizieren kann, ohne dass das Drama verfälscht wird. Das ist aber abhängig davon, dass Fans die Spieler nicht nur als Zirkuskünstler betrachten, die sich in Szene setzen, sondern sich mit ihnen identifizieren. Ich behaupte, dass diese Bereitschaft mittelfristig geringer wird und damit den Fussball, der weiter diesen Namen trägt, mehr zu einem Lotteriespiel werden lässt. Zumal man sich nicht sicher ist, inwieweit die Gelder diese 90 Minuten beeinflussen. Das Geld schafft zum Glück nicht automatisch auch immer Spielqualität für 90 Minuten. Das ist aber nur ein begrenzter Hoffnungsschimmer, da sich ein ganzes System Profifussball verändert in Richtung einer Eventshow.

Sie kritisieren auch die Rolle Katars ...

Katar zieht wieder die Strippen. Neymar verhandelt im Augenblick einen Vertrag, mit dem er Markenbotschafter der WM 2022 wird und 300 Millionen als Sonderbotschafter erhält. Davon könnte er die 222 Millionen allein bezahlen, dann fällt er aus dem Financial Fair Play der Uefa. Damit wird deutlich, dass wir hier ein Verflechtungsmodell haben, das wir nur aus der Welt der Banken mit ihren Scheinfirmen kennen. Somit wird der Sport zum Instrument von Geldwaschanlagen und auch als Imageträger benutzt für kleine Nationen wie Katar. Dort gibt es immer mehr internationale Sportveranstaltungen. Da scheint es Besonderheiten zu geben, die dem Land entgegenkommen. Das ist ähnlich wie damals in der DDR, die über den Sport eine internationale Anerkennung gesucht hat. Das hat sich jetzt auf die Geld- und Prestigeebene in oligarchische Staaten verlagert, die sich um Anerkennung bemühen.

Ihre Prognose für die kommenden Jahre ist also eher düster?

Wir werden einerseits einen Event- und Showbetrieb haben, in dem sehr viel Geld umgelagert wird. Und auf der anderen Seite eine neue Sportkultur, die sich bisher nur abzeichnet und we­niger den rekordorientierten Sport kennt, sondern Rhythmus, Gleichgewicht und Geschicklichkeit. Ich sehe die traditionellen moralgeprägten Vorstellungen eines rekordbestimmten Wettkampfsports immer mehr auf dem Rückzug.

Hinweis

Elk Franke (75): 1995–2009 Professor für Sportphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. 1989–1991 Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (DVS), 2002–2008 Mitglied im DVS-Ethikrat.