FUSSBALL: Stephan Lichtsteiner: «Ich setze meine Emotionen bewusst ein»

Stephan Lichtsteiner (33) steht heute mit Juventus Turin im Champions-League-Final gegen Real Madrid (20.45, SRF zwei). Der Adligenswiler sagt: «Dieser Titel wäre die Krönung meiner Karriere.»

Lukas Plaschy, Turin
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Stephan Lichtsteiner: «Die Gier nach Titeln treibt mich zu Höchstleistungen.» (Bild: Pierpaolo Picivcco/Imago (Turin, 6. Mai 2017))

Stephan Lichtsteiner: «Die Gier nach Titeln treibt mich zu Höchstleistungen.» (Bild: Pierpaolo Picivcco/Imago (Turin, 6. Mai 2017))

Interview: Lukas Plaschy, Turin

sport@luzernerzeitung.ch

Stephan Lichtsteiner, Juventus Turin ist und bleibt in Italien das Mass der Dinge. Sechster Meistertitel in Folge und zum dritten Mal hintereinander Cupsieger. Was macht die «Vecchia Signora» besser als der Rest der Serie A?

Da gibt es viele Gründe. Das klubeigene Stadion und die damit verbundenen Einkünfte, die Vereinsstruktur mit der Familie Agnelli oder die operative Leitung. Auf der sportlichen Seite fällt sicher ins Gewicht, dass der harte Kern der Mannschaft seit Jahren derselbe ist. Wir haben Spieler, die auch nach Jahren des Erfolgs weiterhin hungrig auf Trophäen sind. Auf dem Transfermarkt wurden Spieler geholt, die dieselbe Winner-Mentalität mitbringen.

Im letzten Sommer wollten Sie Turin trotz weiterlaufendem Vertrag verlassen. Hatten Sie eine Vorahnung, dass Sie es nach der Verpflichtung des Brasilianers Dani Alves schwerer haben würden?

Bei einem Club wie Juventus, der neben Barcelona, Real Madrid und Bayern München zu den Besten der Welt gehört, hast du auf jeder Position Topspieler als Konkurrenten. Das war in den vorangehenden Jahren bereits so und wird auch immer so bleiben. Die Meinungsverschiedenheiten mit Juventus vom letzten Sommer stehen in keinem Zusammenhang zu Dani Alves. Er war nie das Problem. Es ging um andere Themen, die einzig und allein den Club und mich betreffen und die ich für mich behalte.

In dieser Saison waren Sie aber erstmals nicht mehr unbestrittener Stammspieler. Wie schwer war es, diese Situation zu akzeptieren?

Klar, hätte ich mir mehr Spielzeit in der Champions League gewünscht, aber ich bin mit meiner Bilanz in Meisterschaft und Cup zufrieden. Alle drei Titel sind wichtig, auch wenn der Fokus aktuell klar auf dem Gewinn der Champions League liegt. Es ist normal, dass man nicht bei allen Spielen in der Startelf stehen kann, dafür gilt das Rotationsprinzip.

Ein wenig böse formuliert, könnte man sagen, dass Sie nur deshalb auf so viele Spiele gekommen sind, weil Alves zwei Monate wegen eines Wadenbeinbruchs ausfiel.

Was wäre gewesen, wenn ... Das interessiert mich nicht. Ich schaue nach vorne. Auch habe ich in meinem Alter, trotz meiner grossen Leidenschaft für den Fussball, nicht mehr die Eitelkeit und den Anspruch, in jedem Spiel im Mittelpunkt stehen zu müssen. Ich glaube, ich kann heute besser mit so einer Situation umgehen als vor zehn Jahren.

Haben Sie mit Trainer Massimiliano Allegri über Ihre Lage gesprochen?

Natürlich. Ich führe regelmässige Gespräche mit dem Trainer und schätze auch den direkten und aufrichtigen Austausch. Es ging aber letzten Sommer vor allem darum, mich selbst zu hinterfragen. Kann ich als Spieler den Ansprüchen bei Juve weiterhin gerecht werden?

Genügen Sie den Ansprüchen noch?

Absolut. Die Gier nach Titel, die Jagd nach Trophäen ist fundamental im Profisport. Das treibt mich zu Höchstleistungen. Ich will mir selbst beweisen, dass ich weiterhin mit den Besten mithalten kann. Dieser Ehrgeiz ist angeboren und hat mir in meiner Karriere immer geholfen.

Sie sind jetzt 33. Zählen ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch die gewonnenen Titel?

Mit meiner Mannschaft Erfolg zu haben, war schon immer der Ansporn. Ich habe mit Juventus in Italien alles gewonnen. Der Gewinn der Champions League wäre somit die Krönung meiner Karriere.

2015 verloren Sie den Final gegen Barcelona mit 1:3. Nun heisst der Gegner Real Madrid. Warum wird dieses Mal Juve triumphieren?

2015 hatte Barcelona wohl eine der besten Mannschaften der Geschichte. Viele Spieler der Katalanen hatten bereits Finalerfahrungen. Heuer ist Real Madrid zwar Favorit, aber nicht haushoch. Von der Spielanlage her liegen uns meiner Meinung nach die Königlichen besser.

Welches werden die entscheidenden Faktoren in dieser Begegnung sein?

Sicher die Tagesform. Dazu braucht es bei solchen Spielen immer ein Quäntchen Glück. Und uns muss es gelingen, Cristiano Ronaldo abzumelden.

Könnten Sie sich bei einem allfälligen Triumph trotzdem genau gleich freuen, obwohl Sie in der Königsklasse in dieser Saison nur ein einziges Spiel (Anm.: Achtelfinalhinspiel in Porto) absolviert haben?

Selbstverständlich. Wie gesagt, dieser Titel wäre die Krönung meiner Karriere.

Kann einer wie Torhüter Gianluigi Buffon, der mit fast 40 weiterhin eine unglaubliche Leidenschaft zeigt, auch für einen erfahrenen Spieler eine Inspirationsquelle sein?

Klar, ist es beeindruckend, wenn du einen wie Gigi siehst, der Weltmeister geworden ist, einer der besten, wenn nicht gar der weltbeste Torhüter ist und immer noch diesen unbändigen Siegeswillen hat. Was mich aber in erster Linie inspiriert, ist der Erfolg als Mannschaft.

Sind Sie bereits an dem Punkt Ihrer Karriere angelangt, wo Sie sich umdrehen und zurückschauen?

Ich bin einer, der selten zurückschaut. Wenn ich ein Ziel erreicht habe, spüre ich eine tiefe, innere Zufriedenheit. Deshalb behalte ich meine Empfindungen nach einem bedeutenden Sieg oder Titel auch gerne für mich.

Auf dem Rasen legen Sie sich aber immer noch häufig mit Schiedsrichtern und Gegnern an. Sie sind also in dieser Hinsicht nicht ruhiger geworden.

Zu Beginn meiner Karriere hatte ich meine Emotionen oft nicht unter Kontrolle. Heute setze ich diese dosiert und bewusst ein. Meine Emotionen sind auch Ausdruck meines Engagements.

Champions-League-Final

Samstag, 20.45 (SRF zwei), in Cardiff: Juventus Turin – Real Madrid.