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FUSSBALL: Stocker und die Basler Versuchung

Der Krienser Valentin Stocker sucht bei Hertha Berlin auch im dritten Jahr seine Rolle. In der deutschen Metropole habe er sich vor allem als Mensch entwickelt, sagt er. Eine Rückkehr in die Schweiz schliesst er nicht kategorisch aus.
Nicola Berger, Berlin
Ob er weiterhin im Dress der Hertha aufläuft, entscheidet Valentin Stocker erst nach der Saison. (Bild: Imago (Berlin, 9. April 2017))

Ob er weiterhin im Dress der Hertha aufläuft, entscheidet Valentin Stocker erst nach der Saison. (Bild: Imago (Berlin, 9. April 2017))

Nicola Berger, Berlin

sport@luzernerzeitung.ch

Wenn Valentin Stocker, 28, über Berlin redet, gerät er schnell ins Schwärmen. Er erzählt, wie er es geniesse, durch Kreuzberg zu streifen, diesen Schmelztiegel der Kulturen im Osten der Stadt. Wie er die Anonymität der Metropole zu schätzen gelernt habe, die endlosen kulinarischen Möglichkeiten. Und er sagt: «Was mich an Berlin so fasziniert, ist die Toleranz. Jeder Mensch hat hier seinen Platz.»

Es sind interessante Worte, die Stocker wählt, denn über seinen eigenen Platz, seine Rolle bei Hertha Berlin wird mitunter kontrovers diskutiert. Seit fast drei Jahren ist Stocker bereits bei der Hertha angestellt. Mal war er Stammkraft, mal Ergänzungsspieler, mal sass er wochenlang auf der Ersatzbank. Die «Berliner Zeitung» setzte über einen Text zu Stocker vor wenigen Wochen diesen Titel: «Das Spielerrätsel». Stockers Dasein bei der Hertha gleicht einer Achterbahnfahrt; die teils heftigen Kontraste wechseln sich teilweise im Monatstakt ab.

Tierschutz und Reflexion

70 Spiele hat Stocker für Hertha absolviert, er kommt auf neun Tore und zwölf Vorlagen. Sind das die Kennzahlen eines gelungenen Transfers? Ist das zufriedenstellend für einen, der 3 Millionen Euro Ablöse kostete? Es sind Fragen, mit denen man sich weniger bei Hertha beschäftigt, wo man mit der Investition nicht unglücklich scheint – und das, obwohl es so wirkt, als könnten Stocker und der strenge Trainer Pal Dardai sich nicht so richtig füreinander erwärmen.

Doch über Stocker diskutiert wird vorab in der Heimat, und bei der Betrachtung der Leistungen Stockers in der Schweiz scheint manchmal der unterschwellige Vorwurf mitzuschwingen, dass der Offensivspieler in Berlin nicht mehr die Unwiderstehlichkeit und Dominanz aus den Tagen im FC Basel erreicht hat, dass aus ihm kein Star geworden ist.

Stocker sitzt an einem Donnerstag im April in einem Café in Berlin-Charlottenburg und zuckt mit den Schultern, als das Gespräch auf dieses Thema fällt. Ein bisschen ist Stocker die Diskussion leid, weil er findet, dass er niemandem etwas beweisen müsse, schliesslich ist das hier sein Leben. Er sagt: «Ich würde den Transfer wieder machen.» Und er sagt auch: «Mein Glück oder Unglück im Leben hängt nicht nur vom Fussball ab.» Es ist eine aussergewöhnliche Aussage, doch Stocker hat nie in das klischierte Bild des Profi-Fussballers gepasst, der sich nur für Autos, Geld und Frauen interessiert. Er sagt: «Die meisten Fussballer leben in einer Blase. Und ich versuche, diese Blase möglichst oft zu verlassen.»

Stocker redet jetzt über Dinge, die sich nicht in Statistiken pressen lassen; er sagt, er habe sich als Mensch weiterentwickelt in Berlin, die Stadt tue ihm gut, er mache sich jetzt mehr Gedanken über den Lauf der Welt und habe gelernt, auch einmal etwas zu hinterfragen. Er hat seine Ernährung umgestellt, er isst weniger Fleisch – und er versucht, sich für den Tierschutz zu engagieren, indem er Projekte in Rumänien und den USA unterstützt.

Je länger das Gespräch mit Stocker dauert, desto weniger dreht es sich um den Fussball. Fast wirkt Stockers Beruf nebensächlich, aber nur weil der Krienser in diesen Tagen nicht vom Ehrgeiz zerfressen scheint, sollte man nicht den Fehler machen, seine Leidenschaft zu unterschätzen. Er sagt: «Ich spiele nun einmal fürs Leben gerne Fussball. Sonst hätte ich die Karriere längst beendet.» Es ist mehr als eine Floskel – Stocker hat diesen Gedanken tatsächlich schon gefasst. Und er sagt offen, dass er sich auf die Zeit nach dem Fussball freue, auf ein Leben mit neuen Inhalten und anderen Werten. Stockers Vertrag in Berlin läuft bis 2018. Will die Hertha für ihn eine Ablösesumme kassieren, müsste sie ihn nach dieser Saison verkaufen. Schon in den letzten Jahren gab es stets Gerüchte und Angebote, 2016 stand ein Wechsel nach Hamburg oder Hoffenheim im Raum. In diesem Sommer dürfte die Transferakte Stocker noch einmal kräftig Fahrt aufnehmen, weil schon heute über seine Rückkehr nach Basel spekuliert wird.

Kontakt zu Marco Streller

Im FCB ist mit Marco Streller gerade ein enger Vertrauter Stockers zum Sportchef aufgestiegen. Kann Stocker sich einen Transfer nach Basel vorstellen? Gibt es Kontakt? Oder lockt erst ein anderes Abenteuer, weil er auch in zwei, drei, vier Jahren noch nach Basel wechseln könnte? Stocker windet sich mit der Antwort. Nach ein paar Sekunden Bedenkzeit sagt er: «Natürlich stehe ich mit Marco in Kontakt, aber mit seiner neuen Tätigkeit hat das wenig zu tun, wir verstehen uns sehr gut. Und vor dem Saisonende will ich mir über meine Zukunft keine Gedanken machen. Sollten wir mit Hertha die Qualifikation für die Europa League schaffen, ist das sehr reizvoll.»

Ein bisschen lässt sich Stocker dann doch aus der Reserve locken. Dann nämlich, wenn man von ihm wissen will, was erfüllender ist: in der glamourösen Bundesliga zu spielen, sporadisch nur, beim Mittelfeldklub Hertha? Oder mit Basel als Führungsspieler Titel an Titel reihen? Stocker findet die Frage «krass», aber dann sagt er: «Bei der Meisterfeier auf dem Barfüsserplatz zu stehen, das ist etwas Einzigartiges, emotional ist das erfüllender.» Wahrscheinlich stimmt es, dass es für jeden Menschen einen Platz in Berlin gibt. Aber jener des Fussballers Valentin Stocker liegt möglicherweise in Basel.

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