FUSSBALL: Thomas Hitzlsperger bricht ein Tabu

Der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger* outet sich als homosexuell. Sportpsychologe Jörg Wetzel glaubt aber nicht, dass sich im Fussball nun etwas ändern wird.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Thomas Hitzlsperger bekennt sich zu seiner Homosexualität (Bild: Keystone)

Thomas Hitzlsperger bekennt sich zu seiner Homosexualität (Bild: Keystone)

Es war die Meldung des Tages, und eigentlich müsste einem das zu denken geben. Wir schreiben das Jahr 2014, ein junger Mann sagt öffentlich, er sei schwul. Und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht sich dazu veranlasst, sich via ihren Sprecher Steffen Seibert in die Debatte mit einzuschalten: «Es ist gut, dass er über etwas spricht, das ihm wichtig ist, das ihn womöglich auch befreit.» Die Welle positiver Reaktionen ebbte bis zum Abend nicht ab, selbst in Leserforen waren keine homophoben Sprüche zu lesen.

Bewusst gewählter Zeitpunkt

Was war geschehen? Der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger (31) hat in einem Interview mit der Wochenzeitung «Die Zeit» (Ausgabe von heute) seine Homosexualität offengelegt: «Erst in den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einem Mann zusammenleben möchte», so der 52-fache Nationalspieler, der vor vier Monaten seine Karriere beendete. Mit seinem Bekenntnis brach Hitzlsperger mit einem Tabu: Bislang wagte keiner der schätzungsweise 900 Profis der ersten und zweiten Bundesliga, seine Homosexualität öffentlich zu machen – obwohl Statistiken den Anteil Homosexueller in einer Gesellschaft auf zwischen 5 und 10 Prozent beziffern.

Der Ex-Profi äusserte in dem «Zeit»-Interview teils heftige Kritik am Fussball-Geschäft: Homosexualität werde im Fussball «schlicht ignoriert», bis heute kenne er keinen Fussballer persönlich, der das zum Thema gemacht habe. Der Profi-Sport sei ein absolut harter Leistungssport, in dem «Kampf, Leidenschaft und Siegeswille untrennbar miteinander verknüpft sind». Das passe nicht zu dem Klischee, das sich viele Leute von einem Homosexuellen machten, nämlich: «Schwule sind Weicheier.» Hitzlsperger hat den Zeitpunkt seines Outings bewusst gewählt. «Die Olympischen Spiele von Sotschi stehen bevor, und ich denke, es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle», sagt er im Interview.

«Es herrscht viel Misstrauen»

Ob Hitzlspergers Tabu-Bruch dazu führen wird, dass sich andere Fussball-Profis zu einem Coming-Out ermutigt sehen, bleibt abzuwarten. Hitzlsperger dürfte nun von Talkshow zu Talkshow tingeln, das Thema bekommt eine grosse Plattform. Der Schweizer Sportpsychologe Jörg Wetzel hat in den letzten 15 Jahren viel mit Profifussballern aus der Schweiz zusammengearbeitet. Wetzel glaubt nicht, dass der Tabu-Bruch zu einer wesentlichen Änderung im Business führen wird. Er fällt ein hartes Urteil über das Fussballgeschäft: «Dass Fussball immer als nicht ganz sauberes Geschäft bezeichnet wird, kommt nicht von ungefähr.» Etliche Fussballer haben sich Wetzel gegenüber in persönlichen Gesprächen negativ über die Mechanismen geäussert. «Es ist nicht salonfähig, als Fussballer über persönliche Gefühle zu sprechen. Öffnet sich ein Fussballer allzu sehr, wird es für ihn sofort heikel. Im Fussballgeschäft herrscht viel Misstrauen, man muss unglaublich aufpassen, was man wo und zu wem sagt.»

Die Fussballer hielten sich während ihrer Karriere sozusagen in einer unwirklichen Parallelwelt auf. «Die Sportart ist eine Art geschützte Werkstatt, die keine Impulse von aussen her zulässt. Solange das so bleibt», gibt sich Wetzel skeptisch, «so lange wird es auch kaum ein aktiver Spieler wagen, sich öffentlich zu outen.» Die homophobe Atmosphäre habe nicht zuletzt auch eine sportpsychologische Komponente: «Es ist eine testosterongesteuerte Kontaktsportart mit einer erheblichen Prise Macho-Gehabe.» Die Fussballer blieben unter sich, quasi ein Berufsleben lang. Das gelte auch für die Zeit nach der Aktivlaufbahn. Jedes Stadionrestaurant, jeder Posten im Scouting, jede Trainerstelle werde besetzt durch ehemalige Fussballspieler. «So kann es natürlich keine neuen Impulse geben. Der Fussball muss sich öffnen», fordert Wetzel.

Fussballer-Leben ist einsam

Ähnliche Beobachtungen hat der ehemalige Bundesliga- sowie FCL- und SCK-Profi Christian Brand gemacht. Über 100 Bundesligaspiele absolvierte der heutige U-21-Trainer des FC Luzern für Bremen, Wolfsburg und Hansa Rostock, vier Jahre wirbelte der Linksfuss noch in den beiden höchsten Schweizer Ligen. «Es gibt schon lange Gerüchte über schwule Profis, die sich eine Scheinwelt mit einer Freundin oder Ehefrau an ihrer Seite aufbauen», sagt der 41-Jährige. Brand geht davon aus, dass sich die Bundesliga in den letzten Jahren geöffnet hat. «Als ich in Deutschland spielte, herrschte bezüglich Homosexualität von Spielern noch Steinzeit», erinnert sich der Ex-Profi, der von 1996 bis 2002 in Deutschlands höchster Spielklasse unter Vertrag stand. Homosexua-lität sei nie ein Thema gewesen.

Brand lobt Hitzlsperger für dessen Mut. «Ich kann mir gut vorstellen, dass die Furcht der betroffenen Spieler vor negativen Reaktionen unbegründet ist. Es müsste nur auch ein aktiver Profi wagen, sich zu outen.» Möglicherweise würde es zu Beginn zu Spott und Häme von den Rängen kommen, aber: «Das wird sich nach ein paar Wochen hoffentlich legen.» Brand weiss, dass ein Fussballer-Leben auch Einsamkeit beinhaltet: «Die Fussball-Welt ist oberflächlich. Du kriegst als Spieler einen befristeten Vertrag, kommst in eine neue Mannschaft mit 25 jungen Leuten, du ziehst nach ein paar Jahren wieder weiter, führst ein Vagabunden-Leben. Es ist schwierig, wirkliche Freundschaften als Fussballer aufzubauen.»

Hinweis

* Thomas Hitzlsperger (31) spielte unter anderem für Aston Villa, den VfB Stuttgart, Lazio Rom und Everton. Wegen seines starken Schusses erhielt der Linksfuss in England den Übernamen «The Hammer». Hitzlsperger absolvierte 52 Länderspiele für Deutschland (6 Tore). Im September beendete der Mittelfeldspieler seine Karriere.