Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

FUSSBALL: Tore, Titel und Tragödien

Gerd Müller, der deutsche «Bomber der ­Nation», wird heute 70 Jahre alt. Der einst so erfolgreiche Stürmer muss seinen Geburtstag in einer Klinik verbringen.
Hartmut Scherzer
Der Höhepunkt seiner Karriere: Nach dem 2:1-Sieg über Holland im WM-Final 1974 hält Gerd Müller den Pokal in die Höhe. (Bild: Getty/Werner Schulze)

Der Höhepunkt seiner Karriere: Nach dem 2:1-Sieg über Holland im WM-Final 1974 hält Gerd Müller den Pokal in die Höhe. (Bild: Getty/Werner Schulze)

Hartmut Scherzer

Mit seiner charmanten Übertreibung bringt Franz Beckenbauer die Lebensleistung Gerd Müllers auf den Punkt. «Ohne ihn würden wir heute noch in der alten Holzhütte aus den 60er-Jahren am Trainingsplatz an der Säbener Strasse sitzen.» Der Kaiser, selbst am 11 September 70 Jahre alt geworden, lässt sich zum 70. Geburtstag Gerd Müllers am 3. November wunderbar zitieren. «Ohne seine Tore stünde der FC Bayern München heute nicht da, wo er ist.» Ein prägnanter Satz. Keine Hommage, keine Lobeshymne, keine Glorifizierung, keine Rekordstatistik kann in diesen Tagen den Mythos der Gerd-Müller-Tore treffender würdigen. So kaiserlich amüsant ist eigentlich alles über das Verdienst Müllers um den FC Bayern gesagt.

Glorreiche Siebzigerjahre

Und Gerd Müllers Meriten für Fussball-Deutschland? Ohne die Tore des «Bombers der Nation» hätte es – und das ist wahrlich keine Übertreibung – die glorreichste Ära der deutschen Nationalmannschaft in der ersten Hälfte der Siebziger nicht gegeben: WM-Dritter 1970, Europameister 1972, Weltmeister 1974. Es hat etwas zutiefst Bedrückendes, zum runden Jubiläum die Laudatio auf das Phantom im Strafraum anzustimmen, seit der FC Bayern am 6. Oktober in einer Pressemitteilung die Alzheimer-Erkrankung Gerd Müllers publik gemacht hat. Im Wissen um dessen Schicksal haben die beiden Journalisten Udo Muras und Patrick Strasser in den vergangenen Monaten die einfühlsame Biografie «Gerd Müller – Der Bomber der Nation» geschrieben. Sozusagen als Geburtstagsgeschenk, damit sich die Öffentlichkeit an den grössten Torjäger der deutschen Fussball-Geschichte erinnert. Besonders die bewegende Erzählung ab dem Kapitel «Der Abstieg» macht das Buch lesenswert.

Klose scheut den Vergleich

Tore, Titel und Triumphe – mit dieser ruhmreichen T-Trilogie liesse sich der glückliche Teil seines Lebens überschreiben. Leere, Last und Leiden – der schicksalhafte L-Dreiklang steht für das unglückliche Leben nach dem Fussball mit Alkohol- und nun Alzheimer-Erkrankung.

Zu den glorreichen Jahren: Aus der Torproduktion seiner 18-jährigen Karriere, die 1963 im schwäbischen Nördlingen begann, 15 Jahre lang den FC Bayern schmückte und 1981 in Fort Lauderdale, Florida, endete, seien nur zwei Superserien herausgegriffen: 365 Tore in 427 Bundesligaspielen, 68 Tore in 62 Länderspielen. Der Rekord im Nationaltrikot fiel exakt 40 Jahre nach Müllers Rücktritt mit 28 Jahren noch am Abend des WM-Triumphes 1974. Miroslav Klose erzielte sein 69. Tor im letzten Vorbereitungsspiel vor der WM am 6 Juni 2014 in Mainz beim 6:1 gegen Armenien – in seinem 132. Länderspiel. Prompt verwies der 36-jährige neue Rekordschütze auf die Unverhältnismässigkeit: «Ich will und kann mich nicht mit Gerd Müller vergleichen. Ich habe doppelt so viele Spiele.» Ein ehrenvoller Standpunkt!

Das Geheimnis seiner Tore schrieben die Lehrmeister der untersetzten, stämmigen Figur mit den kurzen dicken Beinen zu. Sein erster Bayern-Trainer «Tschik» Cajkovski erfand den legendären Kosenamen «Kleines dickes Müller». Für Müller selbst waren Tore keine Kopfsache: «Wennst denkst, is eh zu spät.» Instinkt pur.

Bayern kümmern sich um Müller

Der Fussball war Müllers Leben. Ohne Fussball war es kein Leben mehr. Langeweile, Lebenskrise. Die Ehe mit Uschi zerrüttet – und damit auch das Verhältnis zu Tochter Nicole. Einsamkeit. Müller weiss nichts mit sich anzufangen und verfällt dem Alkohol. Uli Hoeness überredet den Freund zu einer Entziehungskur. Nach einer qualvollen Tortur ist der so introvertierte Mensch trocken. «Dass ich diese Sucht bezwungen habe, war mein grösster Sieg, wichtiger noch als der WM-Titel», wird Müller zitiert. Alles wird nun gut, so scheint es. Müller kommt mit Uschi wieder ins Reine, die Bayern, allen voran Uli Hoeness und Franz Beckenbauer, kümmern sich rührend um den Patienten und verschaffen ihm eine Aufgabe: Müller wird 2008 im Trainerstab integriert und steigt zum Assistenten der zweiten Mannschaft auf.

Alzheimer ist weit fortgeschritten

Bis vor vier Jahren die Heimtücke des Alters, Alzheimer, beginnt, sich an die Ikone heranzuschleichen. Biograf Patrick Strasser ist dem Assistenztrainer Gerd Müller letztmals am 1. Juni 2014 beim verlorenen Aufstiegsspiel von Bayern II gegen Fortuna Köln begegnet: «Er hat mich nicht mehr erkannt.» Seit Anfang Februar, so die Mitteilung des FC Bayern, werde Müller professionell betreut. Die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass Müller nach einer eingehenden Untersuchung im Dezember 2014 im Klinikum rechts der Isar nicht mehr nach Hause zurückkehren kann.

«Es wird keine offiziellen Termine und Besuche geben», verkündet Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und bittet «um den nötigen Respekt». Gerd Müller habe es verdient, «dass wir alle rücksichtsvoll mit seiner Krankheit umgehen und seine Privatsphäre respektieren». Gefeiert werde im Stillen.

HINWEIS
Ein Video mit den grössten Momenten in Gerd Müllers Karriere finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/video

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.