FUSSBALL: Traditionalisten gegen den Rest

Heute beendet die Bundesliga mit dem Spiel zwischen dem SC Freiburg und Bayern München (20.30, ARD) ihre Winterpause. Wir verraten, auf welche Klubs genauer zu achten ist.

Jürgen Knappenberger
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Mit Problemen konfrontiert: Haris Seferovic, Diego Benaglio, Josip Drmic, Johan Djourou (von links). Bilder: Christian Beutler/Keystone (Schindellegi, 3. September 2014)

Mit Problemen konfrontiert: Haris Seferovic, Diego Benaglio, Josip Drmic, Johan Djourou (von links). Bilder: Christian Beutler/Keystone (Schindellegi, 3. September 2014)

Jürgen Knappenberger

und Carsten Meyer


FC Bayern München

Es ist wie in den glorreichen Tagen beim FC Bayern. Zumindest im verklärten Rückblick vieler Fans und Berichterstatter. Verantwortlich für das Retrogefühl ist Trainer Carlo Ancelotti. Die Vorrunde war unter dessen Vorgänger Pep Guardiola immer ein Wettbewerb im Brechen unnützer Rekorde. Als im Halbfinal der Champions League jedoch dreimal in Folge das Aus kam, haben in München die meisten bemerkt, dass es für Galavorstellungen am vierten Spieltag mit 86 Prozent Ballbesitz, 745 Pässen und 15:0 Toren keinen Bonus gibt, sobald es am Saisonende in die entscheidenden Spiele geht.

Unter dem Italiener Ancelotti agieren die Bayern in der Vorrunde wieder, wie man sie kennt. Sie spielen mal überragend (6:0 gegen Werder Bremen), mal lausig (2:3 bei Rostow), wenn es drauf ankommt, sind sie da (3:0 gegen RB Leipzig) – und am Ende stehen sie auf Platz eins. Die Münchner haben quasi ihren traditionellen Markenkern reanimiert. Mal schauen, ob dieser auch das Frühjahr überlebt.

RB Leipzig

Am Ende jedes halben Jahres führt das Fachmagazin «Kicker» immer eine Umfrage unter den Bundesligaprofis durch. Sie küren die Gewinner und Verlierer der bisherigen Saison. Bei den Siegern hat sich das Ganze leicht monothematisch gelesen. Der Gewinner unter den Trainern? Ralph Hasenhüttl, RB Leipzig. Der Aufsteiger unter den Spielern? Emil Forsberg, RB Leipzig. Die positivste Über­raschung? Natürlich RB Leipzig, das Team des Schweizer Ersatzgoalies Fabio Coltorti. Als kleine Abrundung trauen fast 10 Prozent der Befragten dem Aufsteiger sogar den Meistertitel zu.

Bei RB wären sie vor Schreck fast aus den Schuhen gekippt. «Wir gehören nicht zu den 10 Prozent dazu», hat Stürmer Yussuf Poulsen umgehend versichert. Sie wollen nicht für grössenwahnsinnig gehalten werden in Leipzig – nur für angemessen ehrgeizig. Deshalb will Hasenhüttl auch keine Ziele für die restliche Saison ausgeben. Er sagt nur: «Wir sind noch nicht satt.» Das darf ruhig als Drohung an die Konkurrenz verstanden werden.

Hertha BSC

Weihnachten auf Platz drei? Das kennen sie bei Hertha, das war schon in der vergangenen Saison so. Aber leider sah der Spielplan danach noch eine Rückrunde vor – und als alles vorbei war, waren sie in Berlin froh, sich wenigstens noch auf Platz sieben gerettet zu haben. Jetzt steht der Klub von Fabian Lustenberger und Valentin Stocker wieder auf Platz drei. Und ganz Fussball-Deutschland fragt sich: Wird die Mannschaft wieder einbrechen?

Die Antwort der Protagonisten lautet selbstverständlich: Nein! «Mit dem Blick auf die letzte Saison wissen wir, was wir zu tun haben», sagt Geschäftsführer Michael Preetz. Und Trainer Pal Dardai forderte umgehend: «Wir wollen in der zweiten Hälfte der Saison unsere Punktzahl verdoppeln.» Dann hätten sie am Ende 60 Zähler. Klingt nach Champions League.

TSG Hoffenheim

Vergessen Sie Real Madrid. Den FC Barcelona. Juventus Turin. Den FC Chelsea. Oder auch den FC Bayern. In den grossen Top-Ligen gibt es nur einen einzigen Klub, der in dieser Saison noch kein Punktspiel verloren hat: die TSG Hoffenheim aus Sinsheim. Das haben sie auch beim Tabellenführer Bayern ­München registriert, weshalb sie vom Konkurrenten vorbeugend gleich mal Innenverteidiger Niklas Süle und Mittel­feldspieler Sebastian Rudy für die kommende Spielzeit verpflichtet haben. Und viele Beobachter glauben, dass der erfolgreiche TSG-Trainer Julian Nagelsmann (29) in nicht allzu ferner Zukunft ebenfalls bei einem Spitzenklub anheuern wird.

Zuvor aber sollen den guten Leistungen vor der Winterpause sehr gute nach der Winterpause folgen. Der Schweizer Mittelfeldmotor Pirmin Schwegler ist sich jedenfalls sicher: «Wir können das durchziehen.»

Borussia Dortmund

Mario Götze hat Deutschland zum WM-Titel geschossen, André Schürrle die Vorlage dazu gegeben – und Marco Reus wurde 2014 nur deshalb nicht Weltmeister, weil er verletzt fehlte. Seit dieser Saison spielen alle drei für Dortmund. Und wenn man schaut, wie viel fussballerisches Talent sich dort noch so tummelt (Shinji Kagawa, Ousmana Dembele, Pierre-Emerick Aubameyang), könnte man denken, dass der BVB doch alles kurz und klein ballern müsste. Ausser vielleicht die Bayern.

In Wahrheit ist Dortmund aber nur Sechster, Götze nicht in Topform, Schürrle gar nicht in Form, Reus immer mal wieder verletzt und Aubameyang gegenwärtig noch beim Afrika-Cup. Das hindert Trainer Thomas Tuchel nicht daran, Optimismus auszustrahlen: «Wir wollen mindestens unter die ersten drei und uns damit direkt für die Champions League qualifizieren.» Da hat er sich ­einiges vorgenommen.

Schwere Zeiten für Schweizer

Bundesliga Auch für einige Schweizer steht in den nächsten Monaten viel auf dem Spiel.

Haris Seferovic (24): Wenn man all den Meldungen der letzten Wochen Glauben schenken würde, dürfte der Angreifer schon gar nicht mehr in Frankfurt sein. Zumindest wurde schon mehrfach berichtet, dass ein Wechsel zu Benfica Lissabon fix sei. Doch noch ist gar nichts fix, was die Frankfurter nur bedingt erfreut. Denn Seferovics Vertrag läuft im Sommer aus – und Sportdirektor Bruno Hübner gibt zu: «Natürlich wäre es schön, wenn wir noch eine Ablöse generieren könnten.»

Diego Benaglio (33): Der Goalie ist unter dem neuen Trainer Valérien Ismaël nach einem kurzen Zwischenstopp auf der Bank wieder gesetzt. Doch statt um die vorderen Plätze mitzumischen, findet er sich mit seinem Team im Abstiegskampf wieder. Nichts für Julian Draxler, der im Winter nach Paris ging. Dafür kamen Yunus Malli (Mainz), Riechedly Bazoer (Ajax Amsterdam), Paul-Georges Ntep (Stade Rennes) und Victor Osimhen, ein Talent aus Nigeria.

Josip Drmic (24): Es lief vor der Winterpause nicht gut. Nicht für Borussia Mönchengladbach – und auch nicht für Stürmer Josip Drmic. Acht Monate fiel er aus, jetzt meldet er sich zurück. Doch bei einigen Fans galt er schon vor seiner Verletzung als Flop. Drmic ist es egal: «Das kratzt mich überhaupt nicht. Ich mache einfach mein Ding. Ich muss mich nur reinhauen und die Schnauze halten.»

Johan Djourou (30): Bisher ist es noch nicht die Saison von Innenverteidiger Johan Djourou. Mit seinem Hamburger SV gab es nicht viel zu lachen, er wurde als Captain abgesetzt – und zuletzt wurden in Kyriakos Papadopoulos (Bayern Leverkusen) und Mergim Mavraj (1. FC Köln) zwei neue Spieler für seine Position verpflichtet. Der Schluss liegt nahe, dass Trainer Markus Gisdol nicht vor­behaltlos auf Djourou setzt. Sagen will der 30-Jährige dazu momentan nichts. Er will Taten sprechen lassen. Wenn man ihn lässt. (cm)