FUSSBALL: Vladimir Petkovic: «Ich bin ein Löwe»

Vor den entscheidenden WM-Qualifikationsspielen gegen Ungarn und Portugal sagt Vladimir Petkovic, er fühle sich heute in seinem Amt wohler. Vielleicht hätte man ihn zu Beginn einfach als einen von vielen Secondos im Nationalteam begrüssen sollen.

Christian Brägger
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Vladimir Petkovic funktionierte schon als Spieler wie ein Trainer. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Freienbach, 4. Oktober 2017))

Vladimir Petkovic funktionierte schon als Spieler wie ein Trainer. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Freienbach, 4. Oktober 2017))

Interview: Christian Brägger

Vladimir Petkovic, stimmt es, dass Sie Russisch können?

Ja. Ich habe die Sprache acht Jahre lang in der Schule gelernt. Vielleicht bräuchte ich ein paar Monate, um wieder richtig reinzukommen. Aber lesen und schreiben kann ich schon noch. Ein Interview auf Russisch würde aber vermutlich nicht funktionieren.

Es könnte hilfreich sein, besonders im nächsten Sommer.

Dafür würde ich sehr gern ein paar Stunden repetieren.

Der Blick auf die bisherige WM-Qualifikation lässt den Schluss zu, dass es die kleine Fussball-Schweiz nicht mehr gibt.

Hinsichtlich unserer Landesgrösse sind wir immer noch klein. Wenn wir aber die Leistungen der vergangenen Jahrzehnte betrachten, mit all den WM- und EM-Teilnahmen, haben wir uns überall grossen Respekt verschafft.

Ist die Schweiz eine Topnation?

Die Fifa-Weltrangliste (aktuell Weltnummer 7, Red.) will uns das weismachen. Ich würde es so sagen: Wir sind eine gute Nation, die hoffentlich bald zeigen kann, dass sie noch besser wird.

Ist es richtig, das aktuelle Team als goldene Generation zu bezeichnen?

Nein, man darf heute nicht von einer goldenen Generation sprechen. Das Alter der Spieler ist dafür zu unterschiedlich. Wir stehen vielmehr in einer konstanten Entwicklung. Und es stossen immer wieder neue Gesichter dazu.

Dafür hat die U21 Probleme.

Wir müssen zu unseren Jungen mehr Sorge tragen als andere Nationen. Ich denke aber, dass unser Nachwuchs präsent ist. Natürlich haben auch wir Generationen mit weniger Talenten, doch es sind auch einige Spieler von der U21 ­bereits im A-Team. Ich glaube, es ist auch unser Weg, immer früher die Jungen in den älteren Teams zu integrieren.

Was trauen Sie der Schweiz gegen Ungarn und Portugal zu?

Wir wollen gegen Ungarn gewinnen und dann die Positivität mitnehmen nach Portugal. Wir müssen uns auch dort nicht verstecken. Das Wichtigste ist, an der WM in Russland teilzunehmen.

Es braucht in Lissabon den Exploit.

Gegen Ungarn sind wir sicher Favorit – mit dieser Rolle sind wir bisher gut zurechtgekommen. In Portugal werden wir für niemanden mehr der Favorit sein. Jeder sieht uns in der Barrage, die Leute rechnen sich ja schon unsere Gegner aus. Und ob wir gesetzt sind oder nicht.

Nervt es Sie, dass die Schweizer Offensive zu wenig Tore erzielt hat?

Nein. Wir haben einen guten Reifeprozess hingelegt, erzielten Tore in 13 Partien in Serie. Wir waren gegen keinen Gegner unterlegen, wir dominierten alle, wir kreierten uns stets zahlreiche Chancen. Das müssen wir weiterpflegen. Wir haben die Intelligenz, das Spiel auch in Portugal zu steuern. Wir hätten mehr Tore schiessen können, haben es aber nicht getan. Dennoch haben wir drei Punkte mehr – im letzten Spiel können wir mit zwei Ergebnissen reüssieren.

Es könnte in den letzten beiden Spielen aber nicht gut laufen. Machen Sie sich solche Gedanken?

Das realistischste Szenario ist es, die Gruppe zu gewinnen. Wir denken in jedem Fall in diese Richtung. Plan B wäre sonst immer noch, die Entscheidungsspiele zu absolvieren und uns über die Barrage für die WM-Endrunde zu qualifizieren. Es scheint unrealistisch, dass wir mit so vielen Punkten nicht nach Russland kommen. Es kann im Leben aber alles passieren. Wir müssen auf ­alles gefasst sein – und positiv denken.

Die Schweiz stellt allenthalben Rekorde auf, der Grat ist dennoch schmal – sie könnte am Ende mit nichts dastehen. Dann würde vielleicht wieder Kritik an Ihnen laut.

So weit nach vorne schaue ich nicht. Schlimmer ist die Lage doch für die Portugiesen. Sie sind Gruppenfavorit, sie sind Europameister, sie haben Ronaldo. Weltweit schaut man nur auf Portugal – allein in der Schweiz sieht man das anders. Es wird eine grosse Überraschung sein, wenn wir vor ihnen stehen.

Man hat schon fast vergessen, wie es sein kann, wenn die Schweiz nicht erfolgreich Fussball spielt. Und wie Trainer und Team damit umgehen.

Das ist doch gut so, das müssen wir uns bewahren. Aber lassen wir jetzt diese negativen Gedanken beiseite. Wir sind Tabellenführer mit dem Punktemaximum und einer tollen Ausgangslage.

Ihr Vertrag wurde bereits vorzeitig bis Ende 2019 verlängert. Warum haben Sie eigentlich nicht gepokert?

Ich spiele gerne Poker. Aber wenn nur zwei Leute am Tisch sitzen, lohnt sich das ja nicht. Zudem kennen sich die ­beiden Leute so gut, da musste ich kein Pokerface aufsetzen. (lacht)

Lange Zeit fühlten Sie sich mehr als ein Klubtrainer. Wie ist es heute?

Es ist doch schön, wenn man zeigt, dass man anders ebenfalls funktioniert. Ich habe das Amt des Nationaltrainers kennen gelernt, mir angeeignet und keine Schwierigkeiten damit, einer zu sein. Das ist meine Entwicklung. Und der Abstand zum Team tut manchmal auch gut.

Sie sind quasi polyvalent einsetzbar.

Ja. Ich kann im Zentrum agieren und Assists geben – wie früher als Spieler.

Das Schweizer Team verfügt über völlig unterschiedliche Spieler­typen. Welcher Akteur entspricht dem Fussballer Vladimir Petkovic?

Ich habe einst als Haris Seferovic oder Eren Derdiyok im Sturm angefangen. Später habe ich auf der ganzen Zentralachse gespielt, in der Schweiz dann meist vor der Abwehr – die Position, die Granit Xhaka im Moment besetzt.

Also waren Sie wie Granit Xhaka?

Nein. Ich war im Kopfballspiel stärker als er. (lacht) Xhaka hat natürlich grössere Qualitäten, er spielt ja auch bei Arsenal.

Waren Sie ebenfalls so selbst­bewusst und ein solch dominanter Charakter wie der Arsenal-Profi?

Schon. Ich trat als Spieler auf dem Platz oft wie ein Trainer auf. So war es am Schluss meiner Karriere nahezu logisch, Spielertrainer zu werden – beispielsweise bei Malcantone Agno. Aber alles ist ein Lernprozess, auch bei Xhaka.

Hatten Sie wie Xhaka ein gutes Auge und einen guten langen Ball?

Ja. Ich lief aber nicht so viel und war nicht so schnell. (lacht)

Sie betonen oft, die Spieler würden sich heute im Nationalteam wohler fühlen als früher. Und Sie?

Ich fühle mich gewiss wohler. Ich spüre das jeden Tag, egal wo ich mich bewege. Die Leute haben über mich und das Team eine andere Meinung erhalten, man redet über den Sport und nicht mehr über andere Dinge. Das sind gute Zeichen, wir haben heute viel Kredit.

Sie haben sich der Mannschaft und auch den Medien geöffnet. Gab es dafür ein Aha-Erlebnis?

Ich musste die eine oder andere Kurve fahren. Bei den Medien muss man aufpassen, um nicht mit ihnen zu kollidieren. Zu Beginn meiner Amtszeit war die Negativität der Berichterstattung extrem, ich musste Acht geben, nicht zu viele Schläge zu erhalten. Langsam fand ich aber den richtigen Dreh und passte die Taktik an. Ich komme nun authentischer rüber – wie bei den Spielern. Unsere Resultate kamen mir dabei entgegen.

Sie sagen, die Medien seien zu Beginn Ihnen gegenüber sehr kritisch gewesen. Ottmar Hitzfeld wurde einst als Welttrainer begrüsst, Köbi Kuhn als Vaterfigur. Als was hätten Medien und Schweizervolk Sie denn annehmen sollen?

Als einen von vielen Secondos im Nationalteam. In meiner Karriere gab es ­immer Situationen, in denen ich mich bestätigen musste. Ich habe das gerne angenommen und musste an neuen Wirkungsstätten oft viel riskieren, damit man mir vertraute und ich in Ruhe etwas entwickeln konnte. Meistens ist mir das gelungen. Im Nationalteam ist ebenfalls eine positive Bewegung entstanden, nachdem zu Beginn Antipathie gegenüber meiner Person herrschte. Nun gibt es Nähe, die Leute spüren auch in der Öffentlichkeit meinen Charakter.

Mussten Sie mehr leisten als andere?

Ich musste einfach immer und immer wieder zeigen, ob ich der Richtige für die ausgesuchte Position bin. Auch als ­Spieler schon – jedes Jahr musste ich um ­einen neuen Vertrag kämpfen. Ich war früher weniger selbstbewusst, hatte ­weniger Durchsetzungsvermögen. So gesehen, habe ich mich mit der Zeit entwickelt und konnte bald mehr bewegen. Doch ungerecht behandelt habe ich mich nie gefühlt. Aber ich war schon immer so: Wer mir mit Respekt begegnete und mich korrekt behandelte, bekam dasselbe von mir. Das gilt bis heute.

Sie haben es weit gebracht, bis zum Nationaltrainer. Sie sind Tessiner, der neue Bundesrat ebenfalls. Lenken nun die Südschweizer das Land?

Das wäre übertrieben. Gewiss versuchen wir, auch vom Tessin aus Einfluss auf die Schweiz zu haben. Die Leute mögen unseren Kanton, sie besuchen uns gerne. Wir Tessiner haben jetzt einfach offenbar mehr denn je bewiesen, dass wir beruflich etwas bewegen können.

Als Nationaltrainer scheinen Sie vor nichts und niemandem Angst zu haben. Und als Privatmensch?

Angst kann man steuern, auf die Seite schieben. Ich bin ein Löwe, ich sollte keine Angst haben.