FUSSBALL: Vom Arbeitsamt nach Kanada

Am Montag startete der Zürcher Marco Schällibaum (50) mit Montreal in die Saisonvorbereitung. Hinter der überraschenden Verpflichtung steht eine verblüffende Geschichte.

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Marco Schällibaum ist in Montreal angekommen. (Bild: Keystone)

Marco Schällibaum ist in Montreal angekommen. (Bild: Keystone)

Wie kommt ein aufstrebender, millionenschwerer Verein darauf, einen seit 20 Monaten arbeitslosen Schweizer Trainer zu verpflichten? Wer eine Antwort auf diese Frage will, muss mit Nick de Santis (45) reden. De Santis ist ein adrett gekleideter Mann mit wilden Locken, mediterranem Teint und einem freundlichen Lächeln. Er ist der Sportdirektor von Montreal Impact, dem jüngsten Expansionsteam in der nordamerikanischen Major League Soccer. De Santis weiss nicht mehr genau wie, aber vor einiger Zeit machte er Bekanntschaft mit Gaetano Giallanza (38). Giallanza war früher einer der besseren Schweizer Stürmer, er spielte für YB, Norwich und Basel. Heute ist Giallanza Fussballagent, und man kann sagen, dass De Santis einer seiner besseren Kunden ist. Giallanza hat zwar kein offizielles Mandat bei den Impact, aber De Santis schwärmt von «einem besonderen Vertrauen», welches ihm Giallanza vermittle.

Kandidaten Sforza und Challandes

In diesem Winter suchte De Santis einen Trainer, nachdem man mit dem Amerikaner Jesse Marsch (39) nicht richtig warm geworden war und diesen nicht weiterbeschäftigt hatte. Gemeinsam mit Klubbesitzer Joey Saputo (48) umriss De Santis das Profil. Der neue Trainer sollte Europäer sein, offensiven Fussball spielen lassen und – in Montreal ganz wichtig – multilingual sein. 150 Bewerbungen trafen ein, aber für De Santis unter Beiziehung von Giallanza kamen bloss zehn Kandidaten in die engere Auswahl – darunter drei Schweizer. Das mag überraschen, Schweizer Trainer haben im Ausland trotz hoher Fachkompetenz so gut wie keine Lobby, aber in Montreal war es dank Giallanza anders. Eine Woche vor Weihnachten flog De Santis nach Zürich, um sich mit Kandidaten zu treffen; drei davon flogen die Impact danach nach Montreal ein. Neben Schällibaum waren das: der frühere FCL-Trainer Ciriaco Sforza (42) und Bernard Challandes (61, zuletzt Thun).

Bombardiert mit Fragen

Beim viersprachigen Schällibaum, dessen Interessen von Giallanza vertreten werden, dauerte das Jobinterview drei Stunden, er sei mit Fragen «bombardiert» worden, aber nun sitzt er an diesem Montagabend hier in einem edlen italienischen Restaurant in Montreals Innenstadt und sagt: «Was mit mir passiert ist, ist eine Riesengeschichte. Das ist hollywoodreif.» Bei den Gesprächen mit Klubboss Saputo habe es sofort «click» gemacht, so erzählt es Schällibaum heute, und zwar gegenseitig. Diesen Effekt bei Saputo zu erzielen, ist vermutlich gar nicht so einfach. Er gehört zu den reichsten Männern der Welt, seine Milchproduktefirma setzt im Jahr 6 Milliarden Dollar um. Als die Klub-Oberen letzte Woche zum Talentdraft nach Orlando reisten, sass Schällibaum an Bord von Saputos Privatjet.

Zu Hause in Gelterkinden BL hatte er seit vier Monaten nicht einmal mehr Arbeitslosengeld erhalten – er war ausgesteuert. Wenn man sich das überlegt, aus Schällibaums Optik, ja dann kann man die Geschehnisse der letzten Wochen durchaus als hollywoodreif bezeichnen.

«Es war ein hartes Jahr»

In der Schweiz war Schällibaum auf dem Abstellgleis gelandet, als Trainer geht das manchmal schnell. Seit er in Lugano im Mai 2011 als Tabellenerster entlassen worden war, blieb sein Telefon öfter stumm, als ihm das lieb war. Er tingelte als Fifa-Instruktor durch die Welt, arbeitete in der Mongolei, in Katar, aber das füllte ihn nicht aus. Mit Verbitterung in seiner Stimme sagt der dreifache Familienvater: «Es war ein hartes Jahr. Aber ich habe auch daraus wieder gelernt. In solchen Situationen merkt man, welches die wahren Freunde sind. Viele sind mir nicht geblieben.»

Und so ist Schällibaum Hals über Kopf in ein neues Abenteuer aufgebrochen. «Schon die zwei Wochen, die ich nun hier bin, haben mir gezeigt, dass ich mich richtig entschieden habe», sagt der frühere FCL-Verteidiger. Er hat lange auf diese Chance gewartet – nun muss er sie packen. In Montreal unterschrieb er vorerst für ein Jahr; das Arbeitspapier verlängert sich automatisch, sollte er die Playoffs erreichen.

Gemeinsame Lugano-Zeiten

Und angesichts des üppigen Kaders ist das ein realistisches Ziel. Schällibaum kann auf Stars wie den früheren Weltmeister Alessandro Nesta (36), dessen Landsmann Marco Di Vaio (36) oder den kolumbianischen Verteidiger Nelson Rivas (29, zuletzt Inter) zählen. Den Schweizer Linksverteidiger Dennis Iapichino (22) und Felipe (22) kennt er bereits aus gemeinsamen Zeiten in Lugano. Schällibaum sagt: «Wir sind gut aufgestellt.» Aber kann er mit diesen Stars umgehen? Er, der bis auf ein fünfwöchiges Engagement bei Sion in den letzten acht Jahren nur noch in der Anonymität der Challenge League gearbeitet hat? Etwas entrüstet sagt er: «Natürlich kann ich das! Und ausserdem sind unsere Spieler keine Diven, ich sehe keine Probleme.»

Am Montagmorgen leitet der Fussballlehrer sein erstes Training. Weil es draussen minus 24 Grad ist, trainieren die Impact in einer gewaltigen Halle im Norden der Stadt. Es mag bloss eine simple Übungseinheit sein, aber für Schällibaum ist es mehr. «Die Arbeit auf dem Platz hat mir gefehlt», gesteht er. Mit gewohnt rotem Kopf dirigiert er, erteilt Anweisungen und gestikuliert wild. Später muss er sich vor rund 50 Journalisten erklären. Nach dem Interviewmarathon sagt Schällibaum: «Es ist doch schön, wenn die Leute Interesse zeigen.»

Er weiss selber am besten, wie es sein kann, wenn das mal nicht mehr der Fall ist.

Nicola Berger, Montreal

Montreal ist jünges Mitglied

Major League Soccer nbe. Die Montreal Impact sind das 19. und jüngste Mitglied der sich im Aufwind befindenden Major League Soccer (MLS). Der Klub besteht bereits seit 1993, wurde jedoch erst 2012 in die MLS aufgenommen und belegte dort in der letzten Saison den siebten Platz in der Eastern Conference. Die Aufnahmegebühr betrug 40 Millionen Dollar, welche von Boss Joey Saputo finanziert wurde.

Die Impact haben rund 8000 Saisonkarteninhaber und tragen ihre Spiele vor bis zu 60 000 Zuschauern aus. Zum harten Kern gehören rund 800 Ultras. In der Stadt kämpfen die Impact mit dem American-Football-Team Alouettes um den Status als Nummer 2 hinter den allmächtigen Canadiens im Eishockey. Die Budgetzahlen sind geheim, die Franchise dürfte pro Jahr aber mit einem Etat von rund 50 Millionen Dollar operieren und ist damit mit dem FC Basel vergleichbar.

Topverdiener ist der Angreifer Marco Di Vaio mit einem Jahressalär von 1,94 Millionen. Ihr Auftaktspiel bestreiten die Impact am 2. März in Seattle.

Was schätzen Sie an Schällibaum?

nbe. Der Frauenfelder Dennis Iapichino trifft in Montreal mit Marco Schällibaum auf seinen Mentor aus Lugano-Zeiten. Im Sommer 2012 wechselte Iapichino (22) von Lugano zu den Montreal Impact. Sein früherer Teamkollege im Südtessin, der Brasilianer Felipe, hatte den Linksverteidiger empfohlen, worauf Montreal ihn eine Woche zum Probetraining einflog – und anschliessend prompt verpflichtete. Der Vertrag des früheren U-21-Nationalspielers läuft bis zum Winter 2016 und ist mit jährlich 102 000 Dollar dotiert (in der MLS sind die Lohnsummen der Spieler frei einsehbar).

Dennis Iapichino, wie haben Sie darauf reagiert, als klar wurde, dass Marco Schällibaum Montreal-Trainer wird?

Dennis Iapichino: Das hat mich gefreut. Wir haben in Lugano mit ihm sehr erfolgreichen Fussball gespielt, und wir haben uns gegenseitig geschätzt.

Obwohl Lugano Leader war, wurde Schällibaum im Mai 2011 entlassen.

Iapichino: Ja, wir alle können diese Entscheidung bis heute nicht verstehen. Aber man hat ja gesehen, wozu es geführt hat. (Lugano vergab den Aufstieg kläglich, die Red.)

Was schätzen Sie an Schällibaum?

Iapichino: Er ist eine tolle Persönlichkeit mit grossem Ehrgeiz. Immer direkt, immer ehrlich, aber ein sehr korrekter Mensch. Er ist der beste Trainer, den ich je hatte.

Welche Ziele haben Sie mit Montreal?

Iapichino: Für mich ist das hier ein Traum. Die Infrastruktur ist sensationell, ich lerne die Sprache, und die Stadt ist sowieso wunderschön. Ich will mich einfach weiterentwickeln. Dann sehen wir, wohin der Weg geht.

Hatten Sie letzten Sommer keine anderen Angebote?

Iapichino: Aarau, Bellinzona und Sion waren interessiert. Aber für mich hätte es nicht besser laufen können. Dieses Abenteuer ist eine tolle Lebenserfahrung.

Wie schätzen Sie das Niveau in der MLS ein?

Iapichino: Die MLS wird in Europa unterschätzt. Mit unserem Team würden wir in der Super League um den Titel mitspielen.