Fussball
Verkrustete Strukturen und ein deutliches Machtgefüge: Wie in Sion die Zeit stehen geblieben ist

Der FC Sion, am Sonntag (16.00, Swisspor-Arena) Gegner des FC Luzern, möchte vieles gleichzeitig sein – und ist darum in Abstiegsgefahr.

Nicola Berger
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Unter Sion-Präsident Christian Constantin hat Sohn und Sportchef Barthélémy bisweilen einen schweren Stand.

Unter Sion-Präsident Christian Constantin hat Sohn und Sportchef Barthélémy bisweilen einen schweren Stand.

Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

Es ist nicht überliefert, ob Christian Constantin sich dem Reiz von Videospielen hingibt, aber man kann davon ausgehen, dass er es nicht tut – schliesslich arbeitet er auch mit 64 Jahren noch fast Tag und Nacht für sein Architektur- und Immobilienunternehmen, mit dem er fröhlich Millionen scheffelt. Und doch wirkt es so, als würde der Präsident des FC Sion seinen Klub per Controller führen, so sprunghaft, konzeptlos und wirr, wie er das tut. Er tut das, was jeder Hobbymanager vor der Konsole tut: Talente, die irgendwann mal hoch gehandelt wurden, sammeln, wie andere Menschen Briefmarken, in der Hoffnung, irgendeines entfalte sein Potenzial vielleicht doch noch und lasse sich teuer verkaufen. Die Liste an solchen Sion-Transfers ist fast unendlich: Pascal Feindouno, Adryan, Darragi, Pajtim Kasami.

Gleichzeitig wäre Sion gerne ein Ausbildungsklub, ein Leuchtturm für das Wallis, angetrieben von lokalen Kräften. Und praktisch jedes Jahr leistet sich CC zudem teure Prestigetransfers von Stars im Spätherbst der Karriere: Da waren Seydou Doumbia, Johan Djourou, Alex Song, Arthur Boka, Veroljub Salatic, Gennaro Gattuso, Gabri, Emile Mpenza. Und zuletzt Guillaume Hoarau, die YB-Ikone. Funktioniert hat das fast nie. Hoarau hat in zwölf Spielen null Treffer erzielt, teilweise steht er nicht einmal im Aufgebot, bei Doumbia verhielt es sich nicht besser.

Letztmals 2007 in der Schweizer Top 3

Dem Reiz grosser Namen erliegt Constantin auch bei der Trainerwahl regelmässig, er hat immer wieder Techniker aus dem Hut gezaubert, die als Spieler grosse Erfolge feierten: Uli Stielike, Gennaro Gattuso – und zuletzt den italienischen Weltmeister Fabio Grosso. Lange blieb keiner – aber wie auch, bei dieser bizarren Kaderkonstruktion? Diese liegt im Verantwortungsbereich des Sportchefs, eigentlich, er heisst Barthélémy Constantin, der Sohn des Präsidenten. Doch dieser sagte dem Magazin «Zwölf» zuletzt recht offenherzig, dass er beispielsweise bei der Verpflichtung von Hoarau nichts zu melden gehabt habe. So ist das in Sion: Wer zahlt, befiehlt. Und am Ende begleicht immer noch der Regent CC die Rechnung.

Wobei sich schon fragt, wie viel Spass ihm sein Hobby noch bereitet. Seit Jahren stellt der FC Sion ein ziemlich teures Team, aktuell beträgt das Budget mehr als 20 Millionen Franken – und der Gegenwert tendiert gegen Null. Letztmals ist der Klub 2007 unter den Top 3 der Super League gelandet, unter dem Coach Alberto Bigon in der ersten Saison nach dem Wiederaufstieg.

Seither herrscht Tristesse, selbst im Cup, der alten Walliser Königsdisziplin, gelingt nicht mehr viel. Der letzte Triumph datiert von 2015, vor einem Monat bedeutete das unterklassige Aarau im Achtelfinal Endstation. Und auch aus der Finalqualifikation von 2017 machte Sion: Nichts – es blamierte sich in der Europa-League-Qualifikation gegen das litauische Team von Suduva.

Marco Walker kann nur eine Übergangslösung sein

Das Erstaunliche ist, dass sich nichts ändert, die Strukturen und das Machtgefüge etwa, die dem aus der Zeit gefallenen Tourbillon in ihrer Antiquiertheit in nichts nachstehen. Die Freistellung Grossos war das, was Entlassungen in Sion immer sind: Symptombekämpfung, so freudlos und desillusionierend die Darbietungen unter Grosso oft auch waren.

Der neue Coach Marco Walker, ein ehemaliger Schweizer Nationalspieler und zuletzt beim Erstligisten Naters engagiert, ist nicht mehr als eine Übergangslösung, bis CC den nächsten Coup landet. Gemäss dem «Blick» soll der Wunschkandidat Alex Frei sein, der frühere FCL-Stürmer und -Sportchef, der inzwischen den FC Wil anleitet. Es wäre eine Überraschung, wenn das gelänge: Dass Constantin den nüchternen, smarten Frei dazu überreden kann, diesen von Perspektiven weitgehend befreiten Job anzunehmen. Aber bestimmt wird CC eine andere schmissige Lösung finden, er ist ja ein blendender Verkäufer von vielen Dingen: Architekturlösungen, Grundstücken, Immobilien – und von Hoffnung, das vor allem.

Gelingt der Ligaerhalt, sind die Möglichkeiten grenzenlos, zumindest in der Theorie. Hier ein Altstar, da ein gefallenes Talent, dort ein Schnäppchen aus Südamerika dürften genügen, um sich eine bessere Zukunft einzubilden.