FUSSBALL: «Wir haben einen Örtchengeist»

Der FC Vaduz steht kurz vor dem Aufstieg in die Super League. Präsidentin Ruth Ospelt (55) redet über die fehlende Fankultur und den grössten Fehler der Vereinsgeschichte.

Interview Melk von Flüe
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Präsidentin Ruth Ospelt im Vaduzer Rheinpark-Stadion: «In unseren Köpfen existiert keine Grenze zur Schweiz.» (Bild Eddy Risch)

Präsidentin Ruth Ospelt im Vaduzer Rheinpark-Stadion: «In unseren Köpfen existiert keine Grenze zur Schweiz.» (Bild Eddy Risch)

Ruth Ospelt, Sie wurden bestimmt schon oft auf Gigi Oeri, die ehemalige Präsidentin des FC Basel, angesprochen.

Ruth Ospelt: Das stimmt.

Ist denn ein Vergleich zwischen Ihnen und Frau Oeri angebracht?

Ospelt: Sie war eine Vorreiterin. Ich bin überzeugt, dass sie den Frauen in der Männerdomäne Fussball den Weg geebnet hat. Sie hat gezeigt, dass eine Frau nicht einfach nur hinsteht, hübsch aussieht und lächelt. Für mich ist sie ein Idol. Aber ich bin Ruth Ospelt aus Vaduz, nicht Gigi Oeri.

Wurden Sie als Präsidentin in dieser von Männern dominierten Branche gut aufgenommen?

Ospelt: Es hat ein Weilchen gedauert, bis man registriert hat, dass ich auch etwas von Fussball verstehe. Seither ist es aber kein Problem mehr. Man muss als Frau wohl einfach einen längeren Atem haben.

Sie sind nun seit rund sieben Monaten im Amt. Welche Eindrücke haben Sie bisher gesammelt?

Ospelt: Nur gute. Mein Vorgänger Albin Johann hat tolle Arbeit geleistet, und weil ich ihn als Vizepräsidentin oft vertreten habe, war ich schon gut eingebunden. Dass es sportlich so gut läuft, hat niemand erwartet. Doch wir haben offenbar gute Qualität im Team, und es wird im ganzen Verein gut gearbeitet.

Was wollen Sie beim FCV bewirken?

Ospelt: Wir haben eine gute Atmosphäre im Verein, nicht nur, weil es momentan so gut läuft. Mir ist wichtig, den Verein in konstanten Bahnen zu halten. Denn wir mussten ein paar Jahre daran arbeiten, dass der Verein wieder eine Seele bekommt. Diese war zu den schlimmsten Zeiten abhandengekommen.

Was lief denn schief?

Ospelt: Etwas vom Schlimmsten, was dem FC Vaduz passiert ist, war die Verpflichtung von Pierre Littbarski (in der einzigen NLA-Saison 2008/09, Anm. d. Red.). Praktisch das gesamte Team wurde ausgewechselt, und wir stiegen sang- und klanglos ab. Littbarski stellte eine deutsche Mannschaft zusammen. Man hatte das Gefühl, dass ein deutsches Team auf dem Platz steht – und dies hat niemand goutiert. Auch seine arrogante Art und Weise kam gar nicht gut an. Zu dieser Zeit hat es ein paar hundert Leuten abgestellt. Diese nun wieder an Bord zu holen, ist extrem schwierig.

Hat sich denn in Sachen Fankultur etwas getan in den letzten Jahren? In Luzern ist noch in Erinnerung, wie sich im ersten Saisonspiel 2008/09 nur rund 100 Vaduzer Fans im Gästesektor einfanden.

Ospelt: Wir hinken immer noch hinterher. Wir haben einzelne Grüppchen, aber diese schaffen es nicht, miteinander etwas anzupacken. Es hat unter anderem wohl auch mit den Persönlichkeiten zu tun, die im Fansektor aufeinanderprallen.

Das Einzugsgebiet erweist sich sicher auch nicht als förderlich. St. Gallen nimmt Vaduz bestimmt Zuschauer weg, und dann sind im grenznahen Österreich auch noch Altach und Lusten­au mit ihren Fussballvereinen.

Ospelt: Altach und Lustenau machen um jeden Match eine Megaparty, das dürfen wir hier in dieser Art gar nicht. Logisch, nimmt uns St. Gallen viele Leute weg. Es ist ein Traditionsklub mit einer Fangemeinde, vor der ich meinen Hut ziehe. Komme, was wolle, die Fans sind da.

In Liechtenstein selbst ist es schwierig, die Leute zu mobilisieren?

Ospelt: Wir haben hier einen Örtchengeist. Ein Fan von Eschen/Mauren zum Beispiel wäre früher nie an ein Spiel des FC Vaduz gekommen. Aber es tut sich was. Doch wir haben nur 36 000 Einwohner, Vaduz hat 5300. Zu uns kommen auch Zuschauer aus dem Rheintal oder dem Bündnerland, aber es sind noch zu wenige. Wir versuchen jedoch, aus diesen Regionen mehr Leute anzulocken. Eigentlich kann man eine Steigerung nur mit Leistung auf dem Platz herbeiführen.

Was dies anbelangt, ist Ihr Verein ja auf gutem Weg. Der Aufstieg rückt näher. Darf man bereits gratulieren?

Ospelt: Wir wissen alle, wie es im Fussball laufen kann. Es ist kein Selbstläufer. Es klingt zwar abgedroschen, aber wir konzentrieren uns stets auf das nächste Spiel.

Wieso ist Vaduz heuer so erfolgreich?

Ospelt: Wir haben die richtige Mischung. In der letzten Saison hatten wir ein junges Team, mit mehr Lichtensteinern bestückt, haben aber gemerkt, dass es leistungsmässig nicht bei jedem reicht – und wären fast noch abgestiegen. Doch wir wollten attraktiven Fussball zeigen und zuoberst in der Challenge League mitspielen. Der momentane Erfolg ist die Konsequenz aus der sehr guten Arbeit, die geleistet wird. Trainer Giorgio Contini und sein Team haben hervorragend gearbeitet. Generell herrscht beim FC Vaduz eine vorbildliche Zusammenarbeit.

In der Schweiz hält sich die Freude über den bevorstehenden Aufstieg Ihres Klubs in Grenzen. Oft wird Vaduz, ein Klub aus dem Ausland mit wenigen Zuschauern, gar als ungeliebter Gast bezeichnet. Können Sie dies nachvollziehen?

Ospelt: Nicht wirklich. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen der Schweiz und Liechtenstein. Die Grenze existiert auch in den Köpfen nicht. Bei uns leben viele Schweizer, wir haben viele Lebensbereiche, die wir zusammen teilen. Das Argument mit den wenigen Zuschauer kann ich nachvollziehen. Aber es kann ja auch keine Freude sein, wenn die Grasshoppers vor 3600 Leuten spielen.

Hinweis

Resultate und Rangliste der Challenge League auf Seite 27.