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Die schwerste Prüfung

Gegen Schweden kann die Schweiz Historisches schaffen. Vladimir Petkovic wäre der erste Nationaltrainer seit 1954, dem der Viertelfinaleinzug gelänge. Der Tessiner steht in diesem Spiel unter grossem Druck – er macht sich diesen auch selber.
Christian Brägger, St. Petersburg
Er hat in der Schweizer Nationalmannschaft die Wirkung eines Familienoberhaupts: Vladimir Petkovic (54). Bild: Laurent Gillieron/Keystone (Toljatti, 28. Juni 2018))

Er hat in der Schweizer Nationalmannschaft die Wirkung eines Familienoberhaupts: Vladimir Petkovic (54). Bild: Laurent Gillieron/Keystone (Toljatti, 28. Juni 2018))

Zurück nach Montpellier. Der Flieger hebt ab, die Stimmung seiner Schweizer Passagiere ist auf dem Tiefpunkt und die Enttäuschung gross: Sie haben vor Stunden in Saint-Etienne nach 120 Minuten im Penaltyschiessen gegen Polen den Achtelfinal verloren und sich aus dem EM-Turnier verabschiedet. Dabei waren sie doch das bessere Team gewesen. Vladimir Petkovic schnallt sich von seinem Sitz los, steht auf, schüttelt jedem Einzelnen die Hand und dankt für das Geleistete. Vom Materialwart bis zum Captain, vom Medienchef bis zum Ersatzgoalie, alle sollen die Ferien nun geniessen. Auch wenn er weiss, dass das alles nicht einfach zu verarbeiten sein wird.

Jetzt, zwei Jahre später, steht der 54-jährige Petkovic wieder vor einem Achtelfinal: Es wird sein drittes K.-o.-Spiel mit der Schweiz – genau genommen war die Barrage gegen Nordirland bereits eine Begegnung, in der sie hätte k. o. gehen können. Sie ging es aber nicht. Die Partie am Dienstag gegen Schweden wird entscheidend dafür sein, wie Trainer und Spieler bewertet werden. Sie können mit dem Einzug in die Viertelfinals Historisches schaffen. Wenn sie scheitern, wird sich das anfühlen, als gebe es einen Achtelfinalfluch, als wäre die Schweiz schlicht nicht zu mehr fähig.

Bauchentscheide – das Gespür für die richtigen Wechsel

Gegen die Skandinavier wird es ein 50:50-Match, beide Parteien rechnen sich Chancen aus aufs Weiterkommen. Petkovic hat vor dem Start ins Turnier gesagt, er wolle immer nur an das nächste Spiel denken, Schritt für Schritt nehmen. Zuerst kam Brasilien, diese scheinbare Übermacht mit ihren Weltklassefussballern. Der Trainer setzte auf Steven Zuber, der zwar am Gegentor nicht ganz unschuldig war, der aber eben auch den Ausgleich erzielte. Dann ­kamen die Serben, dieses von der ­Geschichte her schwierige Spiel für die Schweizer mit kosovarischen Wurzeln, und Petkovic brachte in der zweiten Halbzeit Mario Gavranovic, der mit seinem Pass auf Xherdan Shaqiri den Siegtreffer ermöglichte. Zuletzt war Costa Rica, und wieder bewies der Trainer ein gutes Händchen, indem er Josip Drmic und Denis Zakaria einwechselte – beide waren am zweiten Tor beteiligt. Auch hielt der Nationaltrainer in all den Spielen immer an Blerim Dzemaili fest, der in dieser Partie ebenfalls skorte. Petkovic habe ein unglaubliches Gespür für das Spiel, sagt Vincent Cavin, der als ­Videoanalyst zum Trainerstaff gehört. «Er kann ein Spiel sehr gut lesen.» Der Trainer selbst nennt es Bauchgefühl, «aus dem Bauch» fällt er oft Entscheide, die sich dann als richtig erweisen. Nicht erst seit dieser WM.

Peter Stadelmann, der Delegierte der Nationalmannschaft bis vor zwei Jahren, hatte Petkovic Ende 2013 dem Verband als Coach empfohlen. Er ist von dessen Qualitäten überzeugt und sagt: «Petkovic lebt den Fussball von A bis Z. Er geht konsequent seinen Weg.» Konsequent den Weg gehen. Dazu gehört auch, dass die Spieler in Toljatti, wo die Schweizer ihre Basis haben, ziemlich ­abgeschottet werden. Es macht den Eindruck, als befinden sie sich und noch mehr der Coach in einem Tunnel, beseelt davon, den Lucky Punch zu landen. Und vielleicht noch mehr. Stadelmann sagt: «Petkovic ist der Trainer, mit dem man etwas gewinnen kann. Er blendet alles nicht unmittelbar Wichtige aus.»

Vor Beginn der WM-Kampagne sagte Petkovic in Feusisberg: «Frankreich ist der Ausgangspunkt, um noch mehr zu erreichen.» Während der WM sagte der zweifache Familienvater, die Schweiz wolle sich keine Limiten setzen. Und dass ihm ein Achtelfinal eigentlich zu wenig wäre. Vor dem Spiel gegen Costa Rica sagte er dann, er habe das nie so ­absolut gemeint, er sei auch falsch verstanden worden. Jeder weiss: Er will diesen Viertelfinal. Dafür schart Petkovic 23 Spieler um sich, denen er blind vertraut, komme was wolle im Club oder im Nationalteam. Er hat das Gerüst von Ottmar Hitzfeld, seinem Vorgänger, übernommen und weiterentwickelt. Er hat den schwierigen Entscheid gefällt, ab 2016 nach 89 Länderspielen nicht mehr auf Gökhan Inler zu setzen. Er hat mit der Schweiz in 43 Spielen im Schnitt zwei Punkte geholt. Er hat in den letzten 25 Spielen nur einmal verloren, wobei die Schweiz dreimal kein Tor erzielte.

Falls es nötig ist, kann der Trainer in der Kabine auch einmal laut werden, wie in der Pause des Serbien-Spiels. Der Schweizer Nationalgoalie Yann Sommer sagt: «Grundsätzlich ist Petkovic ein ­ruhiger Coach, er führt uns überlegt.» Im Umgang mit den Spielern hilft dem Trainer seine Sozialkompetenz: Diese eignete er sich in der früheren Arbeit bei der Caritas an, wo es seine Aufgabe war, Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Seine Herkunft ist Petkovics Antrieb, er ist in Sarajevo geboren und kam 1987 als ein Fussballer in die Schweiz, auf den niemand gewartet hatte und der kein Wort Deutsch konnte. Er musste sich alles selber erarbeiten, im Leben, in der Schweiz. Alles.

Petkovic fordert viel und lebt das selbst in aller Konsequenz vor

Petkovic verlangt eine hohe Leistungsbereitschaft von der Belegschaft, alles soll dem Erfolg untergeordnet werden – und er lebt das selbst in aller Konsequenz und ohne Abstriche vor. Sein Führungsstil, sein Umgang mit den Spielern gilt als informell, es muss bei ihm nicht immer alles in offiziellen Sitzungen geregelt werden. Petkovic hat die Wirkung eines eigentlichen Familienoberhaupts, das mit Schalk und Offenheit seine Spieler pflegt. Und er gibt Freiheiten, wie Valon Behrami kürzlich sagte. Das hindert Petkovic aber nicht daran, den Fokus nie zu verlieren. Gibt es dennoch Zielabweichungen, stören sie ihn gewaltig. Und wenn der Tessiner – in der Südschweiz nennen sie ihn «Mister» – das Gefühl bekommt, etwas habe keinen Sinn, wird er ungeduldig. Nach aussen sendet er ebenfalls diese eine unmissverständliche Botschaft aus: «Ich lasse mir nicht alles bieten. Also schiebe ich Dinge beiseite, die meine Arbeit beschädigen.»

Mit Petkovic kam 2014 auch sein Co-Trainer Antonio Manicone zum Verband. Die beiden Männer sind Freunde, die Familien verbringen manchmal die Ferien gemeinsam. Über seinen Chef sagt Manicone: «Vladimir ist ein guter Zuhörer, ein grosser, akribischer Trainer. Aber noch grösser sind die menschlichen Qualitäten.» Ihre Diskussionen würden nicht immer harmonisch ablaufen, es gebe manchmal Konflikte, weil Mani­cone als Trainer italienischer Prägung gewisse Dinge anders sieht als Petkovic.

Trotz allem. Es gibt leise Kritik, wenn auch auf höchstem Niveau. In der Vorrunde starteten die Schweizer in jede Partie schlecht, insbesondere gegen Serbien und Costa Rica. Im letzten Gruppenspiel wirkten sie – obwohl in der bestmöglichen Formation angetreten – von den bereits ausgeschiedenen «Ticos» überrascht. Prompt folgten die unnötigen Gelbsperren von Stephan Lichtsteiner und Fabian Schär. Ebenfalls monieren Kritiker, dass der Ball derzeit sehr oft für die Schweiz rollte. In allen drei Partien. Nur, das Glück kann und soll man ja auch erzwingen, das sagt der Trainer immer.

Die Mannschaft hat das Rüstzeug

Petkovic sagt, die Schweiz sei im Modus, in dem sie im Moment fast nicht verlieren könne. Auch wenn sie es manchmal sogar versuche, wie gegen Costa Rica gesehen, als sie fahrig und nicht immer auf der Höhe des Geschehens wirkte. «Gegen die Schweden müssen wir an die Leistungen der ersten beiden Spiele anknüpfen. Und uns nochmals steigern, weil wir immer mehr wollen. Immer.» Das Rüstzeug besitzt die Mannschaft: Ruhe, Vertrauen, Erfahrung, Charakter und den Ballbesitzstil.

Die Schweiz wird nach dem Spiel gegen Schweden wieder nach Toljatti zurückfliegen. Petkovic würde sich dann nur allzu gerne abschnallen. Aufstehen. Und im Flieger jedem Einzelnen zum Einzug in den Viertelfinal gratulieren. Vom Captain bis zum Materialwart.

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