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Ende eines Mythos

Das Vorrunden-Aus des Weltmeisters Deutschland stösst eine Debatte über Joachim Löw an. Dem 58-jährigen Trainer werden taktisches Versagen und eine falsche Personalpolitik vorgeworfen.
Christoph Reichmuth, Berlin
«Ich muss mich natürlich als Trainer hinterfragen»: Joachim Löw nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft. (Bild: Frank Augstein/AP (Sotschi, 23. Juni 2018))

«Ich muss mich natürlich als Trainer hinterfragen»: Joachim Löw nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft. (Bild: Frank Augstein/AP (Sotschi, 23. Juni 2018))

«Ankunft des Verlierer-Fliegers», titelte die «Bild» auf ihrem Onlineportal und sendete live vom Flughafen Frankfurt, wo die deutsche Nationalmannschaft gestern gegen 15 Uhr gelandet war. Eine knappe halbe Stunde nach der Ankunft in Deutschland trat auch Joachim Löw vor die ­Mikrofone der Journalisten. «Wir haben enttäuscht an diesem Turnier. Von daher sind wir alle wahnsinnig traurig», sagte der 58-jährige Bundestrainer. Er kündigte «klare Veränderungen» in der Mannschaft an. Seine eigene Zukunft liess der Weltmeister-Trainer, der seinen Vertrag erst kürzlich bis 2022 verlängert hatte, offen. «Ich als Trainer stehe in der Verantwortung», sagte Löw und fügte an: «Es war auch meine Verantwortung, die Mannschaft in Form zu bringen. Das ist mir nicht gelungen.» Im Land des vierfachen Weltmeisters Deutschland herrscht nach dem historischen Vorrunden-Aus Ernüchterung. Die Mission «Titelverteidigung» endete nach nur drei Spielen zu einem Zeitpunkt, an dem die WM mit der K.-o.-Phase für die Auswahl eigentlich erst richtig losgehen sollte.

Vogts und Matthäus poltern

Von «Schlafwagen-Fussball» war in den Medien die Rede, von einer «Schande» sprachen andere. Experten meldeten sich besorgt zu Wort. «Sie haben es nicht verdient, weiter für unsere Nationalmannschaft zu spielen», forderte der frühere Bundestrainer Berti Vogts, sonst kein Mann der lauten Töne, einen Umbruch. «Die Mannschaft war keine Einheit. Sie hat keine Leidenschaft gezeigt. Und viel schlimmer: Sie war selbstherrlich», polterte der Rekordnationalspieler und Weltmeister von 1990, Lothar Matthäus.

Lahm glaubt an Löw-Verbleib

Philipp Lahm, Captain der Weltmeistermannschaft von 2014, erwartet nach dem WM-Desaster der deutschen Nationalmannschaft keine umfassenden Konsequenzen. Er gehe davon aus, dass Bundestrainer Joachim Löw bleibt. «Er hat ja immer gesagt, er habe das grosse Ziel, Europameister zu werden. Deswegen glaube ich schon, dass er weitermacht», sagte Lahm bei «Antenne Bayern». Löw werde sich aber die Frage stellen: «Bin ich noch der Richtige? Kann ich das Team so motivieren?» Nach dem Titelgewinn 2014 hätten neben ihm noch Per Mertesacker und Miroslav Klose aufgehört, so der 34-Jährige, aber es kämen «dann neue Spieler einfach dazu. Ich glaube nicht, dass man auf einmal nur noch komplett neue Spieler sieht und keine Erfahrenen. Ich denke, der Mix ist schon wichtig.» (sid)

Ungewöhnlich scharf war die Kritik am Cheftrainer. 2006 hatte er das Team nach der WM im eigenen Land von Jürgen Klinsmann übernommen und 2014 zum WM-Titel in Brasilien geführt. Löw habe es verpasst, den Umbruch in der Mannschaft einzuleiten, zudem werden dem Süddeutschen taktisch grobe Fehler vorgeworfen. So überraschend das frühe Aus ist: Ein enttäuschendes Abschneiden hatte sich zuletzt angedeutet. Bereits in Vorbereitungsspielen machte die deutsche Mannschaft keinen ­guten Eindruck. Zudem störten Debatten um die beiden türkischstämmigen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil die Ruhe rund um die Mannschaft. Die beiden liessen sich – trotz eines höchst angespannten deutsch-türkischen Verhältnisses – in London mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in freundlicher Einigkeit fotografieren. Danach schwappte über das Nationalteam eine ähnliche Debatte, wie sie die Schweiz schon vor Jahren durchlebt hatte und die nach dem «Doppeladler-Jubel» im Spiel gegen Serbien kurz, aber heftig wieder aufgekommen war: die Frage, wie weit deutsche Nationalspieler mit ­Migrationshintergrund tatsächlich integriert sind.

Löw wird sich die Frage stellen lassen müssen, weshalb er es nicht geschafft hat, aus den talentierten und erfahrenen Spielern eine Mannschaft zu formen. Die Rede ist von Grüppchenbildung. Auch Löws Entscheid, den wegen einer langwierigen Verletzung quasi ohne Spielpraxis ans Turnier gereisten Torhüter Manuel Neuer dem beim FC Barcelona engagierten Marc-André ter Stegen vorzuziehen, dürfte einigen Mitspielern sauer aufgestossen sein, vermuten Experten. Vor allem aber treibt die Öffentlichkeit die Frage um, weshalb es Löw nicht geschafft hat, junge, hungrige Spieler, die im vergangenen Jahr den Konföderationen-Cup in Russland mit begeisterndem und unbeschwertem Fussball gewonnen hatten, in die Mannschaft zu integrieren. Stattdessen setzte Löw für die Mission Titelverteidigung auf die alten, erfahrenen Kräfte, scheute offenbar das Risiko mit «jungen Wilden». «Die meisten Spieler waren viel zu satt. Der Schuss ging nach hinten los», glaubt der frühere Goalie Lutz Pfannenstiel, Experte unter anderem des Schweizer Fernsehens, in einer Videokonferenz mit dem Fachmagazin «Kicker».

Die Deutschen wünschen sich einen Neuanfang

Ob Löw weitermacht, bleibt offen. In Umfragen wünscht sich eine Mehrheit der Deutschen ­einen Neuanfang – ohne den seit zwölf Jahren wirkenden Bundestrainer. Aufgeräumt wurde durch das Ausscheiden übrigens mit einem Mythos, den der ehemalige englische Nationalspieler Gary Lineker einst aufgestellt hatte: «Fussball ist ein einfaches Spiel. 22 Spieler rennen 90 Minuten lang dem Ball hinterher, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.» Gestern passte Lineker seinen Satz in einem Tweet nun an: «Am Ende gewinnen nicht mehr immer die Deutschen. Die vorherige Version gehört der Vergangenheit an.»

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