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Lewandowski ist Fluch und Segen

Polen gilt als grosser Gruppenfavorit der Gruppe H. Das liegt an Goalgetter Robert Lewandowski, der zweiten goldenen Generation und einer legalen Trickserei.
Raphael Gutzwiller
Polens Superstar Robert Lewandowski (Mitte) «beschützt» den Ball im Duell mit zwei nigerianischen Spielern. (Bild: Tomasz Folta/Getty (Breslau, 23. März 2018))

Polens Superstar Robert Lewandowski (Mitte) «beschützt» den Ball im Duell mit zwei nigerianischen Spielern. (Bild: Tomasz Folta/Getty (Breslau, 23. März 2018))

Die grosse Zeit in der polnischen Fussballgeschichte ist nun bereits fast vierzig Jahre her. Die Stars der Teams, die in den Jahren 1974 und 1982 an der WM zweimal den dritten Platz erreichten, hiessen Grzegorz Lato, Kazimierz Deyna und Zbigniew Bonik. Lato schaffte es bisher als einziger Pole, WM-Torschützenkönig zu werden, 1974 traf er siebenmal. Danach ging es bergab mit dem polnischen Fussball. Seit 1986, als man im Achtel­final ausschied, kam Polen nicht mehr über eine Vorrunde an einer WM hin- aus – wenn man sich denn überhaupt für die Endrunde qualifizieren konnte.

Doch seit einigen Jahren sind die Polen wieder auf dem Vormarsch. Und wie in den 70ern mit Lato hat man auch jetzt wieder einen Torjäger in seinen Reihen. Robert Lewandowski heisst der neue Stürmerstar der zweiten goldenen Generation Polens. In der WM-Qualifikation traf er unglaubliche 16-mal – er ist damit in der europäischen Qualifikation der Toptorschütze. Im Nationalteam steht der 29-jährige Stürmer von Bayern München derzeit für alles: Anführer, Captain, Topskorer, Superstar. «Er ist ohne Zweifel unser bester Spieler», sagt Polen-Trainer Adam Nawalka. «Er schiesst Tore, arbeitet aber auch viel für die Mannschaft und hilft beim Verteidigen mit.» Von aussen betrachtet ist Polen hauptsächlich Lewandowski, auch wenn der Stürmer selber immer wieder versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht er, sondern das Nationalteam Polens sich erstmals seit 2006 wieder für die WM qualifizieren konnte. «Die Pässe kamen meist so perfekt, dass ich nur den Fuss hinhalten musste», sagt der Ausnahmestürmer, als er nach der Qualifikation von Journalisten auf seine 16 Treffer angesprochen wurde.

Wie wichtig Lewandowski ist, zeigt indes eine andere Statistik. Seit der EM 2016 hat Polen kein einziges Spiel mehr gewonnen, wenn «Lewa» nicht mindestens ein Tor geschossen hat. Er ist für Polen Fluch und Segen zugleich. Wenn es Lewandowski läuft, läuft es den Polen. Wenn es ihm nicht läuft, läuft es auch Polen nicht. Doch keine Regel ohne Ausnahme: An der EM 2016 stiess Polen bis in den Viertelfinal vor, wo man im Penaltyschiessen am späteren Europameister Portugal scheiterte. Lewandowski traf erst in jenem Viertelfinal, davor hatte er weder gegen Deutschland (0:0), Nordirland (1:0), die Ukraine (1:0) noch im Achtelfinal gegen die Schweiz (1:1, Sieg im Penaltyschiessen) ein Tor erzielt.

Dass er je ein derart wichtiger Spieler für das Nationalteam werden würde, konnte man sich noch vor zehn Jahren nicht vorstellen. Bei Legia Warschau konnte er sich nicht durchsetzen, wurde zum Drittligisten Znicz Pruszkow ausgeliehen, ehe er sich zum Weltstar entwickelte. Wie das passierte, hat er übrigens selbst in seiner Bachelor-Arbeit aufgezeichnet. Seine Uni-Arbeit erhielt den Titel «RL9. Der Weg zum Ruhm». «Die Arbeit erzählt die Geschichte seiner Fussballkarriere vom kleinen Jungen in den Strassen zu einem grossen Star des internationalen Fussballs», sagte Experte Marek Rybinski. Lewandowski erhielt die Bestnote.

Als Borussia Dortmund Lewandowski im Jahr 2010 von Lech Posen verpflichtete, hat er bereits in Polen auf sich aufmerksam gemacht und 20 Länderspiele bestritten. Dass er derart einschlagen würde, war dennoch kaum vorstellbar. Selbst Lewandowski sagte im polnischen Fernsehen: «Als ich Polen verliess, hatte ich viele Komplexe. Dass ich aus Polen komme und deshalb schlechter bin als die anderen.» Doch er war besser als die anderen. Dortmund schoss er zweimal zum Meistertitel und einmal in den Champions-League-Final. In Erinnerung geblieben sind vor allem seine vier Tore im Champions-League-Halbfinal gegen Real Madrid (4:1) 2013. Seit vier Jahren spielt er nun für Bayern München, die Zeichen stehen aber auf Abschied. Lewandowski strebt einen Transfer zu Real Madrid an, um endlich die Champions League gewinnen zu können. Rund 200 Millionen Franken sollen die Königlichen für Lewandowski bieten. Viel Geld. Doch im überteuerten Fussballmarkt ist der «Knipser» wohl das viele Geld wert, wurde er doch bereits neunmal Liga-Torschützenkönig. Er selber sieht sich auf einer Stufe mit Portugals Ronaldo und Argentiniens Messi. Auf die Frage, wo er sich in der Rangliste mit diesen Spielern einordnen würde, meinte Lewandowski: «An erster Stelle. Wieso nicht? Wieso soll nicht jemand aus Polen der beste Fussballer sein?»

Dass es mit der polnischen Nationalmannschaft derart aufwärts geht, liegt zum einen an Robert Lewandowski, aber nicht nur. Trainer Adam Nawalka gilt als Glücksfall. Als er Ende 2013 als Trainer ernannt wurde, schlug ihm reichlich Skepsis entgegen, mittlerweile ist der WM-Teilnehmer von 1978 hoch angesehen. Nawalka schaffte es, aus der goldenen Generation, zu denen neben Lewandowski auch Abwehrchef Kamil Glik (Monaco), Lukas Piszcek (Dortmund) oder Jakub Błaszczykowski (Wolfsburg) gehören, eine Einheit zu formen und zu Erfolgen zu führen. In der Fifa-Weltrangliste verbesserte sich das Team von Position 76 auf den sechsten Rang nach dem Ende der WM-Qualifikation.

Ein Jahr lang auf Testspiele verzichtet

Diese Topklassierung hatte für die WM positive Folgen. Da für die Topfeinteilung erstmals einzig die Weltrangliste zum Zeitpunkt der Auslosung entschied, war Polen in Topf 1 gesetzt. Die Topplatzierung hatte Polen einer Trickserei zu verdanken. Zwar hat man durch die gute Qualifikation mit 25 ordentlich Punkte gesammelt, aber immer noch weniger als Teams wie Spanien (28), die Schweiz (27) oder England (26). Alle drei wurden trotzdem in Topf 2 eingeteilt. Grund: Polen verzichtete ein Jahr lang auf Testspiele. Denn die Weltrangliste funktioniert so: Die Gesamtpunktzahl eines Landes in der Rangliste ergibt sich durch den Punkteschnitt; wobei die letzten zwölf Monate mit 100, die drei Jahre zuvor mit 50, 30 beziehungsweise 20 Prozent in die Wertung eingehen. Gar nicht erst zu spielen ist besser, als ein Spiel zu verlieren. Und weil ein Testspiel zudem nur mit dem Faktor 1, ein Qualifikationsspiel aber mit dem Faktor 2,5 berücksichtigt wird, lohnen sich Testspiele nicht nur kaum, sie können sogar kontraproduktiv sein. So haben etwa die Engländer eine bessere Klassierung verspielt, weil sie gerne gegen Topteams testen, wo sie nicht immer als Sieger vom Platz gehen.

Trotzdem: Nicht nur durch die leichte Auslosung gelten die Polen zumindest im eigenen Land als Geheimfavorit. Sie haben die Gruppe mit Dänemark, Montenegro und Rumänien souverän gewonnen. Der einzige Dämpfer war ein 0:4 gegen Dänemark. Trotzdem betrug am Ende der Vorsprung auf Dänemark fünf Punkte. Vor allem dank Lewandowski.

Polen

Einwohner: 38 Millionen
Weltrangliste: 10
WM-Teilnahmen: 8
Bestes WM-Ergebnis: Dritter Platz (1974, 1982)
Gründung Verband: 1919
Beitritt zur Fifa: 1923

Besonderheit

Als der damalige US-Präsident Barack Obama 2011 auf Staatsbesuch in Polen war, bekam er vom polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk ein seltsames Geschenk. Er erhielt nämlich die «Collector’s Edition» des Computerspiels «The Witcher 2» des polnischen Entwicklerstudios «CD Projekt». Ob Obama das Spiel je gespielt hat, ist nicht überliefert.

Kader

Torhüter: Tor: Bialkowski (Ipswich Town), Fabianski (Swansea City), Szczesny (Juventus Turin).
Verteidiger: Bednarek (Southampton), Bereszynski (Sampdoria Genua), Cionek (SPAL), Glik (AS Monaco), Jedrzejczyk (Legia Warschau), Pazdan (Legia Warschau), Piszczek (Borussia Dortmund).
Mittelfeld: Blaszczykowski (VfL Wolfsburg), Goralski (Ludogorets Razgrad), Grosicki (Hull City), Krychowiak (West Bromwich Albion), Kurzawa (Gornik Zabrze), Linetty (Sampdoria Genua), Peszko (Lechia Gdansk), Rybus (Lokomotive Moskau), Zielinski (SSC Neapel).
Stürmer: Kownacki (Sampdoria Genua), Lewandowski (Bayern), Milik (Napoli), Teodorczyk (Anderlecht).
Trainer: Adam Nawalka.

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