Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Experte Urs Meier: «Niemand ist glücklich mit dem Video-Schiedsrichter»

Urs Meier war viele Jahre Schiedsrichter auf Weltklasse-Niveau, heute ist er als Experte beim ZDF angestellt. Der 59-Jährige wird während der WM im Studio die Unparteiischen beurteilen – und äussert sich äusserst kritisch über den Video-Schiedsrichter.
Interview: Christian Brägger, Toljatti
"Wenn die Schweiz von einer wichtigen Intervention des Video-Assistenten profitiert und sie im Halbfinal dadurch weiterkommt, werden alle sagen: 'Gut gibt es den Video-Schiedsrichter'", sagt der ehemalige Schiedsrichter Urs Meier

"Wenn die Schweiz von einer wichtigen Intervention des Video-Assistenten profitiert und sie im Halbfinal dadurch weiterkommt, werden alle sagen: 'Gut gibt es den Video-Schiedsrichter'", sagt der ehemalige Schiedsrichter Urs Meier

Urs Meier, den Zuschauer erwartet mit dem Video-Schiedsrichter ein Novum auf der WM-Bühne. Kann das gutgehen?

Es ist zu hoffen. Aber zu erwarten ist anderes: Es werden, wie in der Bundesliga erlebt, immer wieder Ereignisse entstehen, die nicht zum richtigen Entscheid führen. Wir werden in einigen Fällen den Video-Schiedsrichter haben, in einigen Fällen nicht. Die Gleichheit in den Spielen wird niemals gegeben sein.

Warum ist das so?

Wir haben gesehen, dass es am Bildschirm unglaublich schwierig ist, die Szenen richtig zu erkennen. Der Video-Schiedsrichter ist nicht im Spiel drin, er sieht die Absicht des Spielers nicht, er sieht den Aufbau des Angriffs nicht, weil er nur einen Ausschnitt des Geschehens vor sich hat. Die Geschwindigkeiten, die Distanzen, das alles erkennt er nicht. Auch wenn vermeintlich erfahrene Leute zum Zug kommen, gibt es unter den Schiedsrichtern solche, die erstmals auf diesem Niveau pfeifen. Schiedsrichter aus Afrika oder Asien, die auf dieser WM-Bühne so schon sehr gefordert sind.

Das alles wurde ja trainiert?

Ja, schon. Trockenübungen ohne Druck. Stellen Sie sich vor, Sie absolvieren die Fahrschule im Aargau. Sobald Sie mit dem Auto in die Stadt Zürich müssen, kommen Sie auf die Welt, alleine schon, weil noch Trams herumfahren. Auf dem Fussballplatz ist es dasselbe. Den Druck einer WM kann man niemals simulieren.

Deswegen hält der Zürcher so wenig von den Fahrkünsten der Aargauer.

Ja, genau. Aber ich bin Ostaargauer – und habe es mittlerweile gelernt.

Wenn wir von identischen Spielszenen ausgehen: Der eine Video-Schiedsrichter greift ein, der andere nicht. Und dann kann auch der Unparteiische auf dem Platz den Videobeweis fordern.

Ja, das kann alles sein. Wenn die Schweiz von einer wichtigen Intervention des Video-Assistenten profitiert und sie im Halbfinal dadurch weiterkommt, werden alle sagen: «Gut gibt es den Video-Schiedsrichter.» Ziel ist es, gravierende Fehlpfiffe zu minimieren. Es ist wie ein Airbag im Auto; wenn man ihn benötigt, soll er aufgehen. Die Schiedsrichter sind an der WM am Mount Everest. Wenn dort ein Fehler passiert, fallen sie ganz tief. Der Video-Assistent kann sie retten.

Gibt es nicht eine Verzettelung des Spiels auf Kosten der Zuschauer?

Man muss hoffen, dass der Videobeweis nicht zu oft zum Zug kommt und nur in Schwarz-Weiss-Fällen, wenn der Fehler offensichtlich ist. In der Bundesliga wurde er vor allem in der ersten Saisonhälfte viel zu oft angewendet. Also muss man sich fragen, sind denn die Fahrer, die Schiedsrichter auf dem Platz, gut genug.

Sepp Blatter sagt, der Video-Schiedsrichter komme zu früh.

Das ist tatsächlich so. 2006 wollte man unbedingt die Tortechnologie einführen. Es gab Tests, und man merkte, dass die Technologie noch nicht ausgereift ist, weil es Funkschatten gab. Die Torkamera kam dann erst 2014. Die Garantie, dass alles richtig ist, haben wir heute beim Video-Schiedsrichter nicht. Wir haben zwar die Testphasen abgeschlossen, aber eine richtige Auswertung gibt es nicht. Die Fifa geht mit einem Produkt in den Markt, das nicht hundertprozentig funktioniert. Wenn man sich umhört, ist niemand – weder Schiedsrichter, Spieler noch Trainer – glücklich damit.

Was ist der grösste Mangel?

Wie gesagt: Der Unparteiische ist nicht im Stadion, er hockt irgendwo in Moskau. Ich mache quasi den Video-Schiedsrichter seit 13 Jahren beim ZDF, habe ein paar Bildschirme vor mir und muss blitzschnell entscheiden. Ich habe Druck, Reporter Béla Réthy will ja sofort wissen, ob es Elfmeter ist oder nicht. Im Studio sehe ich das Spiel nicht live, darum habe ich Mühe zu antworten. Ich will zuerst eine zweite Version sehen, da kommt schon wieder Béla Réthy und fordert endlich die Antwort. Nehmen wir an, das Spiel wird nicht unterbrochen und es gibt auf der anderen Seite ein Tor. Das führt unweigerlich zu Diskussionen.

Wieso sind die Leute nicht vor Ort?

Vielleicht wegen der Technik. Der Entscheid wird besser, wenn der Video-Schiedsrichter beide Perspektiven hat – das Spiel live und die Bildschirme. Aber es kann auch dann passieren, dass Kamera 1, 2, 3 und 4 die Szene nicht haben. Und Kamera 5 schon, die kommt dann beim Entscheid aber nicht zum Zug – und nachher gehen deren Bilder um die Welt. Und die Welt sagt: «Mein Gott, immer diese Fehlentscheide.»

Ist der Druck zu gross?

Der Videobeweis muss den Unparteiischen entlasten, nicht belasten. Er soll ihm ein Fangnetz sein, wie einem Bergsteiger, der nirgendwo gesichert ist. Wenn das funktioniert, ist das auch gut.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.