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Warum die Favoriten an der Fussball-WM sterben

Spanien, Deutschland und Argentinien sind ausgeschieden. Das kommt nicht von ungefähr, der reine Ballbesitzfussball existiert nicht mehr.
Raphael Gutzwiller, Moskau
Tiki-Taka kann «tödlich» sein – aber zuletzt auch oft für den, der es zu steif zelebriert, am Boden Spaniens Andres Iniesta. (Bild: Manu Fernandez/Keystone (Kaliningrad, 25. Juni 2018))

Tiki-Taka kann «tödlich» sein – aber zuletzt auch oft für den, der es zu steif zelebriert, am Boden Spaniens Andres Iniesta. (Bild: Manu Fernandez/Keystone (Kaliningrad, 25. Juni 2018))

Italien und Holland? Nicht einmal dabei. Deutschland? Gruppenletzter. Spanien, Portugal und ­Argentinen? Aus im Achtelfinal. Belgien und England? Überstehen das Achtelfinal dank Last-Minute-Tor beziehungsweise Penaltyschiessen mit grosser Mühe.

Die Weltmeisterschaft 2018 ist diejenige der grossen Überraschungen. Die sogenannten Fussballnationen haben Mühe. Das kommt nicht zufällig. Denn: Der klassische Ballbesitzfussball, auf den die Titelfavoriten traditionell setzen, ist inzwischen überholt.

Wer Fussball spielen will, will den Ball am Fuss. Schon bei den Kindern ist das so. Denn nur wer den Ball hat, kann etwas kreieren. Nur wer den Ball hat, kann Tore erzielen. Doch die Weltmeisterschaft zeigt auf, dass der Ball­besitz nicht alles ist. Das lässt sich am besten am Beispiel Spanien veranschaulichen. Jenes Team, das 2008 und 2012 Europameister und 2010 Weltmeister wurde. Damals spielte Spanien das berühmte Tiki-Taka. Viele Querpässe, bis dann irgendwann der entscheidende Ball in die Spitze folgt, der zum Tor führt. Es war schöner Fussball, er sah zuweilen wie am Reissbrett entworfen aus. Doch der spanische Nationaltrainer Fernando Hierro stellt nach dem Scheitern in Russland fest: «Es ist schwieriger geworden für uns, weil sich die Gegner auf uns eingestellt haben.» Zwar hat man das Spiel angepasst, spielt nicht mehr das typische Tiki-Taka, mit Diego Costa hat man sogar wieder einen echten Stürmer. Immerhin. Denn genau jener Costa hat bei Spanien ein anderes Element reingebracht, sorgte dann und wann für Überraschungs­momente und mit seinen drei ­Toren für den Gruppensieg. Aber im Achtelfinal verdeutlichten sich die Probleme, auch weil Costa vom Defensivverbund des Gastgebers Russland abgeschirmt werden konnte. Das führte zu ­weniger schönem Tiki-Taka, bei dem der Ball nur hin und hergeschoben wird. Querpässe, keine Risiken, keine Überraschungsmomente, keine Entschlossenheit Richtung Tor.

Ähnlich trat auch der Weltmeister von 2014, Deutschland, auf – und scheiterte in der Gruppenphase. In jedem ihrer drei Spiele hatten die Deutschen deutlich mehr Ballbesitz als der Gegner, konnten sich aber zu ­wenige gute Torchancen erspielen.

Die Schwierigkeiten der Favoriten liegen aber nicht nur an ­ihnen selber, sondern auch an den Gegnern. Die sogenannten «Kleinen» haben inzwischen gelernt, wie man gegen diesen Ballbesitzfussball verteidigt. Sie machen die Räume mit kompaktem Verschieben geschickt eng. Dazu schalten sie nach einer Balleroberung blitzschnell um. Ein Beispiel dafür ist Schweden, zuerst Gruppensieger und dank des 1:0 gegen die Schweiz jetzt Viertelfinalist. In den vier Spielen hatten die Schweden im Schnitt 38 Prozent den Ball, die Schweiz 57 Prozent.

Frankreich ist das Gegenbeispiel

Die WM bestätigt den Trend, der sich im internationalen ­Clubfussball beobachten lässt. Barcelona, seit Jahren Inbegriff des Ball­besitzfussballs ist ebenso im Champions-League-Viertelfinal gescheitert wie Pep Guar­diolas Manchester City. Dagegen spielte sich Liverpool, das sich durch schnelles Umschaltspiel auszeichnet, bis in den Final. In den Ligen zeigte sich ironischerweise ein anders Bild, Man City und Barcelona feierten den Titel.

Zurück zur WM: Dass man als Fussballnation nicht zwingend häufig den Ball haben muss, zeigt Frankreich. Das Team erscheint variabel, kann sein Spiel der Situation anpassen. Und: Nur im unbedeutend letzten Gruppenspiel gegen Dänemark (0:0) hatten sie mehr Ballbesitz als der Gegner. Im Achtelfinal gegen Argentinien setzten sie dafür dank schnellen Spielern, allen voran Kylian Mbappé, auf ihr Umschaltspiel. In diese Richtung müssen sich möglicherweise auch die ausgeschiedenen Nationen entwickeln, wollen sie künftig wieder um den Titel mitreden.

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