FUSSBALL-WM: «Die Realität hat Brasilien eingeholt»

Der Luzerner Autor Ruedi Leuthold lebt in Rio de Janeiro. Er erklärt, was das blamable WM-Aus der brasilianischen Fussballer für das Land bedeutet.

Interview Lukas Leuzinger
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Enttäuschte Brasilianische Fans nach dem WM-Aus gegen Deutschland. (Bild: Keystone)

Enttäuschte Brasilianische Fans nach dem WM-Aus gegen Deutschland. (Bild: Keystone)

Ruedi Leuthold (62) ist Autor, Journalist und Dokumentarfilmer. Er wuchs in Emmenbrücke auf. Für den Film «Neue Heimat Lindenstrasse», der das Leben von Schweizern und Ausländern in Littau beleuchtet, erhielt er 2007 zusammen mit Beat Bieri den europäischen Filmpreis Civis. Seit sieben Jahren lebt Leuthold in Rio de Janeiro. Sein Buch «Brasilien: Der Traum vom Aufstieg» erschien 2013. (Bild: pd)

Ruedi Leuthold (62) ist Autor, Journalist und Dokumentarfilmer. Er wuchs in Emmenbrücke auf. Für den Film «Neue Heimat Lindenstrasse», der das Leben von Schweizern und Ausländern in Littau beleuchtet, erhielt er 2007 zusammen mit Beat Bieri den europäischen Filmpreis Civis. Seit sieben Jahren lebt Leuthold in Rio de Janeiro. Sein Buch «Brasilien: Der Traum vom Aufstieg» erschien 2013. (Bild: pd)

Ruedi Leuthold, Brasilien hat mit der 1:7-Niederlage gegen Deutschland das Wort Debakel neu definiert. Wie erlebten Sie das Spiel?

Ruedi Leuthold: Ich verfolgte den Match an der Copacabana. Die meisten Leute waren nach dem Schlusspfiff völlig schockiert und starrten nur ungläubig ins Leere. Einige versuchten es dagegen mit Galgenhumor und feierten trotz der Niederlage. Es gab sogar ein paar, die tanzten. Die Mehrheit war aber einfach nur still. Es war klar, dass gerade etwas Unfassbares passiert war.

In einigen Städten kam es nach Spiel-ende zu Ausschreitungen (siehe Kasten). Wie war die Situation in Rio de Janeiro?

Leuthold: Es gab ein paar Fans, die sichtlich wütend waren. Es waren aber viele Polizisten vor Ort, die grössere Gewaltausbrüche verhinderten.

Vier Jahre fieberte Brasilien diesem Turnier entgegen, und dann platzte der Traum vom Weltmeistertitel innert weniger Minuten. Wie reagiert das Land darauf?

Leuthold: Im Moment befindet sich ganz Brasilien im Schockzustand. Ich sage immer: Die Brasilianer träumen schöner und lügen besser. Sie machen sich gerne etwas vor. Der Fussball ist auch ein Mittel, der Realität zu entfliehen. Er schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das es sonst in dieser Gesellschaft nicht gibt. Mit der Niederlage hat die Realität die Brasilianer wieder eingeholt.

Die Schmach erinnert an 1950, als Brasilien bei der WM im eigenen Land den Final gegen Uruguay verlor. Dieses Trauma setzte sich als «Maracanaço» im kollektiven Gedächtnis fest. Der Weltmeistertitel im eigenen Land 2014 sollte diese Schmach vergessen machen – und nun das.

Leuthold: In Brasilien ist man sich einig, dass die Niederlage gegen Deutschland noch schlimmer ist als der verlorene Final 1950. Bereits spricht man vom «Mineiraço», nach dem Stadion Mineirão, in dem das Spiel stattfand. Ob die Wirkung auf die Gesellschaft die gleiche ist wie damals, ist aber noch offen.

Welche Bedeutung haben die Weltmeisterschaft und die Niederlage über den sportlichen Aspekt hinaus?

Leuthold:Das Turnier wurde zu einer Frage des Patriotismus gemacht. Der frühere Präsident Lula da Silva und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff wollten mit der WM ze

igen, dass Brasilien in der ersten Welt angekommen ist. Diese Vorstellung war bereits durch die Proteste im Vorfeld in Frage gestellt worden. Die Niederlage gegen Deutschland ist nun ein weiterer Beweis dafür, dass ein Teil des Landes in der ersten Welt angekommen ist, der andere Teil aber in der dritten Welt verblieben ist. Beim Fussball zeigt sich das darin, dass die Strukturen den heutigen Anforderungen längst nicht genügen. Es gibt eigentlich keine Juniorenarbeit. Der Fussballverband wird als hinterwäldlerisch kritisiert. Viele Kommentatoren sehen das 1:7 deshalb auch als Chance, dass nun allen klar wird, dass sich etwas ändern muss.

Der brasilianische Staat hat Milliarden für die Weltmeisterschaft ausgegeben. Könnten jetzt die Proteste dagegen wieder aufflammen?

Leuthold:Danach sieht es momentan nicht aus. Es ist gut möglich, dass versucht wird, das Ausscheiden politisch auszunutzen. Aber die grosse Protestwelle ist vorbei.

Im Oktober sind Präsidentschaftswahlen. Ist die Wiederwahl Rousseffs gefährdet?

Leuthold: Die Niederlage hat sicher Auswirkungen, weil sie der Propaganda der Regierung völlig entgegenläuft. Diese betonte immer wieder, wie wunderbar alles sei und was für ein Erfolg diese WM sei. Rousseff profitierte vom Erfolg der Nationalmannschaft an der WM, ihre Popularitätswerte stiegen an. Doch so sehr sie versucht hat, sich den fussballerischen Erfolg auf die Fahne zu schreiben, so sehr wird sie nun für den Misserfolg zur Verantwortung gezogen.