Fussball
Xherdan Shaqiri und die unerhörte Frage: Braucht ihn die Nati wirklich?

Kein anderer Schweizer Nati-Spieler polarisiert so sehr wie Xherdan Shaqiri. Er ist der Mann für die magischen Momente. Aber er lässt uns auch immer wieder verzweifeln. Warum ist das so? Eine Spurensuche.

François Schmid-Bechtel und Etienne Wuillemin
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Einer der magischen Shaqiri-Momente: Der Fallrückzieher zum 1:1 im EM-Achtelfinal 2016 der Schweiz gegen Polen. Shaqiris Tor ist für die Ewigkeit – doch die Schweiz scheitert im Penaltyschiessen.

Einer der magischen Shaqiri-Momente: Der Fallrückzieher zum 1:1 im EM-Achtelfinal 2016 der Schweiz gegen Polen. Shaqiris Tor ist für die Ewigkeit – doch die Schweiz scheitert im Penaltyschiessen.

Mast Irham / EPA

Kollege S. fuchtelt wild mit den Händen. Dann steht er auf, tigert im Büro herum, wird immer lauter. Er schimpft und wettert. Gegenargumente? Kollege S. hört gar nicht mehr zu. Er ist gefangen in seinem Shaqiri-Pamphlet. «Was bitte schön hat ein Spieler in der Nati zu suchen, der in seinem Klub nie spielt? Egal, was er liefert oder eben nicht liefert: Shaqiri geniesst immer eine Sonderstellung. Aber was hat er denn schon geleistet? Gescheitert bei Bayern, gescheitert in Liverpool» Die grössere Frechheit als Shaqiris Freifahrtschein sei nur, dass dies von der Öffentlichkeit nicht kritisch hinterfragt wird.

Kein Schweizer Fussball-Nationalspieler polarisiert wie Xherdan Shaqiri. Warum? Als der liebe Gott das Fussball-Talent verteilte, ist er mindestens zweimal an die Reihe gekommen. Deshalb ist aus ihm ein Künstler geworden. Einer, der mit dem Ball Dinge anstellt, die bei anderen Spielern zu komplizierten Verletzungen führen würden. Aber bei Shaqiri wissen wir Zuschauer eben auch nie, was kommt. Mal ist er genial. Und dann plötzlich wieder lustlos oder unsichtbar. Welche Seite zeigt er uns an dieser EM? Auch die stetige Ungewissheit begründet eine gewisse Faszination.

Beim jungen Xherdan Shaqiri fragt sich die Schweiz: Wird er unser erster Weltstar?

Shaqiri ist extrem jung schon extrem gut und extrem im Fokus. Er weckt in uns die Sehnsucht nach dem ersten Weltstar mit Schweizer Pass in der Weltsportart Fussball. Shaqiri ist nie der Leader auf dem Platz. Er ist nicht der Spieler, der für die Struktur, die Balance, all die wichtigen, aber doch eher unspektakulären Dinge verantwortlich ist. Dafür gab und gibt es andere. Früher Benjamin Huggel, Gökhan Inler und Valon Behrami. Heute ist Granit Xhaka der Mann an den Schalthebeln, der den Takt vorgibt. Shaqiri besorgt das Spektakel, das Mitreissende, Unvergleichliche und Unvergessliche. Er kreiert die besonderen, die magischen Momente. Das können nur wenige auf der Welt. In der Schweiz nur Shaqiri.

Der junge Shaqiri: Hier feiert er im Dezember 2011 zusammen mit Alex Frei das Tor gegen Manchester United, das den FCB in den Champions-League-Achtelfinal bringt.

Der junge Shaqiri: Hier feiert er im Dezember 2011 zusammen mit Alex Frei das Tor gegen Manchester United, das den FCB in den Champions-League-Achtelfinal bringt.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

819 Minuten hat Shaqiri diese Saison für den FC Liverpool bestritten. Das ist wenig. Berücksichtigt man, dass er in 24 von 38 Premier-League-Partien nicht dabei war, ist es sogar richtig mager. Der 29-Jährige ertrinkt quasi im Starensemble, er geht unter. Weil er zu häufig wegen muskulärer Probleme ausfällt. Aber vor allem auch, weil die Konkurrenz brutal stark ist.

«Zu schlecht für Liverpool, zu schlecht für Bayern», spottet S. In München, wo Shaqiri ab Sommer 2012 für zweieinhalb Jahre engagiert war, war er ebenfalls im Korsett des Ergänzungsspielers gefangen. Nur: Bayern damals und Liverpool heute, das sind absolute Top-Adressen. Da wird die Luft dünn. Das sind Klubs, die die Champions League gewinnen wollen, gewinnen können, ja gewinnen sollen. Es gibt derzeit keinen Schweizer Spieler, der sich in einem ähnlich kompetitiven Umfeld bewegt. Kein Xhaka (Arsenal) und erst recht nicht alle unsere Bundesliga-Legionäre.

Ein Bild, das es viel zu selten gibt: Shaqiri im Bayern-Trikot beim Torerfolg. Hier trifft er im Februar 2014 gegen Freiburg.

Ein Bild, das es viel zu selten gibt: Shaqiri im Bayern-Trikot beim Torerfolg. Hier trifft er im Februar 2014 gegen Freiburg.

Andreas Gebert / EPA/DPA

Liverpool, das ist wie eine Weltauswahl. Shaqiri hat zwar die Qualitäten, das Spiel der Nordengländer auf ein höheres Level zu hieven. Er hat die Füsse, auch in der fussballerischen Hautevolee für Glanz und Gloria zu sorgen. Aber das haben andere auch. Ein Diogo Jota beispielweise. Ein Sadio Mané. Ein Thiago. Und erst recht ein Mohamed Salah.

Das Problem: Ein Trainer kann nicht ausschliesslich Künstler einsetzen. Er braucht auch Strategen, Kämpfer, Haudegen und Vollstrecker im Team. Am liebsten ist den Trainern, wenn ein Spieler alles kann. Aber das kann Shaqiri definitiv nicht. Er ist vielleicht einer der spektakulärsten Künstler. Aber es gibt Künstler, die schneller und mehr laufen als er, die effizienter, kopfball- und zweikampfstärker sind. Solche Künstler gibt es in Liverpool und in München. Aber nicht in der Schweiz.

Shaqiri ja? Shaqiri nein? Der Unterschied zwischen Petkovic und Klopp

Jürgen Klopp, sein Trainer in Liverpool, kann es sich leisten, auf Shaqiri zu verzichten. Aber Vladimir Petkovic nicht. Denn er weiss: Shaqiri ist sein einziger Magier, sein einziger Entfesselungskünstler, wenn der Gegner das Territorium abriegelt, keinen Raum zur Entfaltung offeriert. Ausserdem: Shaqiri liefert doch stets. Erst recht, je grösser die Bühne ist.

Wer war es, der die Schweiz an der WM 2014 mit drei Toren gegen Honduras den Achtelfinal gegen Argentinien überhaupt erst möglich machte? Shaqiri. Wer schoss dieses unvergessliche Tor im EM-Achtelfinal 2016 gegen Polen? Shaqiri. Wer schoss die Schweiz in diesem nervenaufreibenden Spiel an der WM 2018 gegen Serbien zum Sieg? Shaqiri. Und wer war mitten drin, als der FC Liverpool 2019 auf dem Weg zum Champions-League-Titel Barcelona trotz 0:3 im Hinspiel noch besiegte? Richtig, Xherdan Shaqiri.

Es sind solche Momente, die man sich in Erinnerung rufen sollte, wenn in der nächsten Diskussion die Frage auftaucht: Braucht die Nati Shaqiri überhaupt noch?

WM 2014: Hattrick von Shaqiri gegen Honduras.

WM 2014: Hattrick von Shaqiri gegen Honduras.

Peter Klaunzer / KEYSTONE
Champions-League-Halbfinal 2019: Shaqiri liefert einen Assist zum unvergesslichen 4:0 im Rückspiel gegen Barcelona.

Champions-League-Halbfinal 2019: Shaqiri liefert einen Assist zum unvergesslichen 4:0 im Rückspiel gegen Barcelona.

Peter Byrne / AP

Auch Shaqiri selbst hat gemerkt, dass er in den Jahren bei Liverpool, in denen er die grossen Bühnen nicht allzu häufig betreten darf, kritischer beäugt wird. Davon beirren lässt er sich aber nicht. Wer Shaqiri fragt, ob er trotz aller Verletzungen noch Vertrauen in den eigenen Körper hat, erntet einen irritierten Blick und eine dezidierte Antwort («ohne Vertrauen in den Körper könnte jeder Fussballer gleich aufhören – das eine dumme Frage!»). Wer Shaqiri nach seiner Rolle befragt, hört immer wieder: «Ich bin ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann. Das habe ich schon oft bewiesen.» Das ist auch dieses Mal so, kurz vor dem Abflug nach Baku.

«Ich bin der Mann für den Unterschied.» Shaqiri und sein Selbstverständnis.

«Ich bin der Mann für den Unterschied.» Shaqiri und sein Selbstverständnis.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Die These ist gewagt: Aber Shaqiri hilft der Schweiz selbst dann, wenn er vor dem Spiel mit seinem Lamborghini kurz im Drive-In vorfährt und zwei, drei Hamburger in sich reinstopft. Weil ihm auch dann Dinge gelingen, an die andere gar nicht erst denken.

Klar, dreimal 90 Minuten Spektakel können wir von Shaqiri in den Gruppenspielen nicht erwarten. Aber das braucht es auch nicht. Drei, vier Geniestreiche pro Spiel. Dann sind wir glücklich, die Schweiz wohl im Achtelfinal. Und dann sehen wir noch so gerne darüber hinweg, wenn Shaqiri im Pressing pennt, wenn er mal im Dribbling scheitert, wenn er seinen Verteidiger hängen lässt oder wenn er mal einen Ball ins Aus flutschen lässt, weil er vielleicht ein bisschen zu wenig konzentriert war ob der eigentlich viel zu einfachen Aufgabe.

Vermutlich werden wir Shaqiri erst so richtig vermissen, wenn er tatsächlich einmal aufgehört hat, Fussball zu spielen. Bis dahin aber geniessen wir sein Genie. Und ertragen all die anderen Momente.