FUSSBALL: Zeit für neue Leader

Der Umbruch ist für den SC Cham Gefahr und Chance zugleich vor der neuen Promotion-League-Saison. Der Neuzugang Davide Giampà (24) soll sofort eine Führungsrolle übernehmen – fragt sich nur, wie lange.

Raphael Biermayr
Drucken
Teilen
Davide Giampà soll auf dem Chamer Eizmoos für defensive Stabilität sorgen. (Bild: Werner Schelbert (31. Juli 2017))

Davide Giampà soll auf dem Chamer Eizmoos für defensive Stabilität sorgen. (Bild: Werner Schelbert (31. Juli 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Es sind ereignisreiche Wochen für Davide Giampà. Eine Woche vor dem Vertragsablauf im Challenge-League-Klub Wohlen war ihm eröffnet worden, dass er keine Zukunft mehr haben würde. Er ist zum ersten Mal in seiner Karriere vor dem Ungewissen gestanden. Anschliessend hielt er sich bei den arbeitslosen Fussballern fit, auf einen Anruf seines Beraters hoffend, der ihm von einem Angebot aus dem Profibereich berichtet. Jener kam nicht. Und so soll der 24-jährige Innenverteidiger jetzt im SC Cham aus dem Stand heraus eine Führungsrolle übernehmen. «Von ihm verspreche ich mir trotz seines Alters Leadership», stellt der Trainer Jörg Portmann vor dem heutigen Saisonstart in Bavois klar. Giampà will dem nachkommen. «Es ist klar, dass ich mit meinem Hintergrund im Profifussball Verantwortung übernehme und zur defensiven Stabilität beitrage», sagt der Aargauer.

Er spricht offen und reflektiert über sich und seine schwierige Situation. Der grossgewachsene Italiener sagt auch, es sei vertraglich festgehalten, dass er den Sportclub im Falle eines Angebots aus dem Profibereich sofort verlassen darf. Der Verein bestätigt das. «Cham ist eine Not­lösung, insofern, als es mit dem Plan A nicht geklappt hat», sagt Giampà. Die Gefahr, dass er die Aufgabe deshalb nicht genug ernst nimmt, besteht kaum. «Durch gute Leistungen kann ich auch in dieser Liga auf mich aufmerksam machen», ist er sicher. Giampà sagt, er sei «absolut überzeugt», dass seine Zukunft im bezahlten Fussball liegen ­werde. Dennoch hat sich der vorausschauende Maturand schon über Optionen im Bildungsbereich schlaugemacht – für alle Fälle.

Der neue Captain steht zuhinterst

Die Gegenwart aber heisst Cham. Im Ennetsee hat Giampà ein Team kennen gelernt, dass taktisch und technisch auf einem «Toplevel» sei. «Das macht es für mich einfacher, die Leistung zu bringen und die Erwartungen zu erfüllen», sagt der Innenverteidiger. Die Mitspieler seien «super Typen», Dejan Jakovljevic – er ist neuer Vize-Captain – und Severin Dätwyler kennt er bereits aus Nachwuchszeiten. Giampà ist einer von bislang sieben Zuzügen. Ihnen stehen acht Abgänge gegenüber, die sich vor allem neben dem Platz auswirken. Der Trainer Jörg Portmann sprach nach der vergangenen Saison treffend von einem bevorstehenden «Identitätswechsel in der Kabine». Diesen zu vollziehen, erfordert Zeit und Prüfungen für die Mannschaft; auch, um eine Hierarchie herausbilden. Diese hat mit der Ernennung von Torhüter Alessandro Merlo (24) zum neuen Captain Konturen erhalten.

Es ist klar, dass sich die vielen Änderungen auch auf dem Platz auswirken. Was die Spielqualität anbelangt, fällt der Abgang des Taktgebers Pascal Bader stark ins Gewicht. Er ist bislang nicht gleichwertig ersetzt worden. Der Spieler mit der meisten Erfahrung aus höheren Ligen im gegenwärtigen Kader ist erwähnter Davide Giampà, der 60 Challenge-League-Einsätze auf seinem Konto hat. Aber er ist kein Stratege wie der frühere Super-League-Spieler Bader, der zunächst für eine weitere Saison zugesagt hatte, ehe sich die Chance auf einen Spielertrainer-Posten in Hochdorf ergab. Chams Trainer Jörg Portmann sagt: «Ein physisch präsenter Routinier würde dem Team wohl nicht schaden, zumal wir nun neben den Nachwuchsteams die jüngste Mannschaft sind.» Er weiss, wie rar solche Spielertypen gesät sind. Darüber hinaus muss der Sportchef Marcel Werder unvorhergesehen nochmals auf Stürmersuche (siehe separaten Artikel unten).

Kein offizielles Rangierungsziel

Das aktuelle Kader weist ein Durchschnittsalter von knapp über 23 Jahren auf. Werder sagt dazu: «Die Einzelspieler besehen, hatten wir noch nie eine so talentierte Mannschaft. Zum ersten Mal hat jeder die Ausbildung in einem Profiverein durchlaufen.» Auf das Saisonziel des Vereins angesprochen, nennt der Sportchef keine Rangierung, sondern das «schnelle Zusammenwachsen» der Talente zu einem Team.

Nach dem Umbruch stehen so viele Fragezeichen wie lang nicht mehr vor einer Saison des Sportclubs. Das ist eine gefährliche Situation. Aber auch eine Chance zu überraschen.

Promotion League

1. Runde. Heute. 19.30: Brühl St. Gallen – Zürich U21, Köniz – Yverdon Sport, Stade Nyonnais – Stade-Lausanne-Ouchy, Breitenrain Bern – Sion U21. – 20.00: Kriens – Old Boys, Bavois – Cham, Basel U21 – YF Juventus.

SC Cham. Trainer: Jörg Portmann. Assistenztrainer: Moreno Merenda. Tor: Alessandro Merlo (24), Sebastian Gallo (24). Abwehr: Fabio Niederhauser (21), Jan Loosli (22), Raphael Paglia (20), Esat Balaj (22), Davide Giampà (24), Lucas Thöni (22), Nicholas Walker (22), Mauro Bender (20), Devin Manco (20). Mittelfeld: Dejan Jakovljevic (25), Jessy Nimi (27), Marco Trachsel (20), Cyrill Gasser (25), Florian Müller (24), Eldin Muharemi (24). Sturm: Roman Herger (24), Severin Dätwyler (26). Zuzüge: Giampà (Wohlen), Paglia, Bender (beide Luzern U21), Loosli (YF Juventus), Manco (GC U18), Müller (Old Boys Basel), Muharemi (United Zürich). – Abgänge: Pascal Bader (Hochdorf), Pascal Christen (Sursee), Julian Wüest (Zug 94), Reto Scherer (zweite Mannschaft), Pascal Nussbaumer (zweite Mannschaft), Dalibor Stojanov (Höngg), Ueli Sturzenegger (Assistenztrainer zweite Mannschaft), Mats Hammerich (Aarau), Jan Elvedi (Wohlen).